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Nobelpreis in der Kritik: Braucht es neue Regeln für die Preisvergabe?

Nächste Woche werden die Nobelpreise verliehen. Unter den 935 bisherigen Preisträgern befinden sich fast nur einzelne alte Männer, doch Forschung funktioniert heute im Team und interdisziplinär. Zeit, die Regeln für die Preisvergabe neu zu schreiben.
Niklaus Salzmann
Der Frack ist Pflicht, wenn im prunkvollen Konzerthaus in Stockholm in Anwesenheit der Königsfamilie die wichtigsten Preise der Wissenschaft vergeben werden. Bild: Getty Images

Der Frack ist Pflicht, wenn im prunkvollen Konzerthaus in Stockholm in Anwesenheit der Königsfamilie die wichtigsten Preise der Wissenschaft vergeben werden.
Bild: Getty Images

Es wäre eine Sensation, wenn kommende Woche – nur zwei Jahre nachdem der Romand Jacques Dubochet mit dem Chemienobelpreis ausgezeichnet wurde – schon wieder ein Schweizer die prestigeträchtige Auszeichnung erhielte. Oder sogar eine Schweizerin, was eine absolute Premiere wäre. Als Kandidatin gehandelt wird die ETH-Materialforscherin Nicola Spaldin in der Physik. In der Medizin gilt Krebsforscher Michael Hall von der Universität Basel als aussichtsreich. Und der Name Martin Jinek von der Universität Zürich fällt immer wieder in der Chemie.

Jinek war an der Entwicklung der Genschere Crispr/Cas9 beteiligt. Für dieses mächtige Werkzeug, das präzise Veränderungen am Erbgut ermöglicht, ist ein Nobelpreis überfällig – da sind sich in und ausserhalb der Fachgemeinschaft so ziemlich alle einig. Die Frage ist nur, wer den Preis erhalten soll. Noch besser als für Jinek stehen die Chancen für seine ehemalige Chefin, die US-Amerikanerin Jennifer Doudna, die gemeinsam mit der Französin Emmanuelle Charpentier meist als Erfinderin der Genschere genannt wird. Allerdings wurde ein Teil der Patente nicht ihnen, sondern dem Chinesen Feng Zhang zugesprochen. Die Folge war ein jahrelanger Rechtsstreit, der dafür verantwortlich gemacht wird, dass sich das Nobelkomitee bislang vor dem Auszeichnen der Genschere drückte.

Grafik: Lea Siegwart

Grafik: Lea Siegwart

Die Regeln von 1901 stehen im Weg

Im September 2018 bestätigte das Berufungsgericht in den USA die Patentansprüche von Zhang und beendete damit den Rechtsstreit zumindest in den Staaten. Ist damit nun der Weg frei für einen Nobelpreis, verteilt auf Jennifer Doudna, Emmanuelle Charpentier und Feng Zhang? So einfach ist es nicht. Denn ein weiterer Wissenschafter, der Litauer Virginijus Šikšnys, hat ebenfalls fast zeitgleich eine Publikation zu Crispr/Cas9 veröffentlicht. Und ein Nobelpreis darf nicht auf vier Köpfe verteilt werden, sondern höchstens auf drei – so steht es in den Statuten der Nobelstiftung.

Verliehen werden die Nobelpreise seit 1901, und die meisten in den aktuellen Statuten festgeschriebenen Regeln stammen noch aus dieser Zeit. Damals war es tatsächlich noch oft so, dass einzelne Personen oder kleine Teams Bahnbrechendes herausfanden. Etwa Conrad Röntgen, der für die Entdeckung der nach ihm benannten Strahlen den allerersten Physiknobelpreis erhielt.

Doch heute funktioniert Forschung anders. Neue Erkenntnisse entstehen kaum mehr in abgeschlossenen Labors, sondern werden von Dutzenden oder Hunderten Wissenschafterinnen und Wissenschaftern über Jahre hinweg entwickelt. Diesen Prozessen werden die starren Statuten des Nobelpreises nicht gerecht. War es zum Beispiel legitim, im Jahr 2017 drei Physiker herauszupicken und für den Nachweis der Gravitationswellen auszuzeichnen? Hätte nicht vielmehr das gesamte Kollektiv von mehr als tausend Forscherinnen und Forschern, welche die riesigen Detektoranlagen dazu entwickelten, den Preis verdient? Doch das geht nicht, einzig der Friedensnobelpreis kann auch an eine Organisation verliehen werden.

Grafik: Lea Siegwart

Grafik: Lea Siegwart

Alfred Nobel hatte den Nutzen für die Menschheit im Sinn

In dieser Hinsicht hält sich also die Nobelstiftung strikt an die über hundert Jahre alten Regeln. In anderen Aspekten nimmt sie es dagegen nicht so genau mit dem Erbe von Alfred Nobel, der mit seinem Vermögen den Preis geschaffen hatte. In seinem Testament hatte der Dynamiterfinder Nobel festgehalten, dass ausgezeichnet werden solle, wer der Menschheit den grössten Nutzen geleistet habe. Wie ist das mit den Gravitationswellen? Sie helfen uns, Objekte im Universum besser zu verstehen, schwarze Löcher etwa. Praktische Vorteile für die Menschheit hat das nicht.

Der Nutzen der Grundlagenforschung erschliesse sich oft erst später, wird in der Wissenschaftscommunity argumentiert. Doch das war es nicht, was Nobel im Kopf hatte. Im Gegenteil: Der Preis sollte an die Person gehen, die «im vergangenen Jahr» den grössten Nutzen erbracht hat. Dass diese zeitliche Einschränkung nicht funktionierte, zeigte sich allerdings von Anfang an, und sie wurde nie streng angewendet. Alexander Fleming zum Beispiel erhielt den Medizinnobelpreis, 17 Jahre nachdem er das Penicillin entdeckt hatte.

Beim Schweizer Jacques Dubochet vergingen nach der entscheidenden Publikation zu einem Mikroskopieverfahren gar 36 Jahre, bis er mit dem Chemienobelpreis ausgezeichnet wurde. So erhielt er seinen Anteil von über 300 000 Franken am Preisgeld im Alter von 75 Jahren, als er längst nicht mehr aktiv forschte und wohl auch privat keine finanziellen Sorgen hatte. Mit einem Teil des Geldes wolle er das Programm «Biologie und Gesellschaft» an der Universität Lausanne stärken, sagte er. Der britische Zellbiologe Paul Nurse, der 2001 in der Medizin ausgezeichnet wurde, soll sich dagegen vom Preisgeld eine Kawasaki gekauft haben.

Grafik: Lea Siegwart

Grafik: Lea Siegwart

Um den von Alfred Nobel im Testament geforderten gesellschaftlichen Nutzen im Auge zu behalten, wären also einige Neuerungen nötig. Zeitgemäss wäre es, in sämtlichen Kategorien auch Gruppen und Organisationen als Preisträger zuzulassen und zumindest einen Teil des Preisgeldes an einen Zweck zu binden. Letzteres wäre besonders beim Friedensnobelpreis sinnvoll, wo es schon zu höchst umstrittenen Vergaben gekommen ist – so an den Palästinenserführer Jassir Arafat, der später wieder mit gewaltsamen Mitteln für seine Sache kämpfte.

Fraglich ist auch, ob die von Alfred Nobel festgelegten Kategorien noch sinnvoll sind. Medizin und Chemie zum Beispiel sind inzwischen eng zusammengewachsen. Für die Genschere wird ein Chemienobelpreis erwartet, doch ein Grossteil der Anwendungen ist medizinisch. Gebiete wie die Computerwissenschaften finden dagegen nirgends Platz. Tim Berners-Lee hat mit der Begründung des World Wide Web die Gesellschaft tiefgreifend verändert, kann aber keinen Nobelpreis erhalten. Die einzige Neuerung in den Kategorien gab es vor fünfzig Jahren, als die Schwedische Reichsbank einen Wirtschaftspreis stiftete – der somit streng genommen nicht als Nobelpreis zählt.

Frauen sind bis heute untervertreten

Grafik: Lea Siegwart

Grafik: Lea Siegwart

Am deutlichsten zeigt sich der rückwärtsgewandte Charakter der Nobelpreise in der Untervertretung der Frauen. Mit Ausnahme des Friedensnobelpreises tauchen in allen Kategorien bis heute fast nur Männer auf. Dies widerspiegele die Lage in den wissenschaftlichen Institutionen, heisst es in Stockholm. Doch mit drei Frauen auf 206 Männer in der Physik, einer einzigen auf 80 in der Wirtschaft und 12 auf 204 in der Physiologie und Medizin hinken die Quoten offensichtlich hinter der Realität her.

Das lässt den Verdacht aufkommen, dass der Blick der Menschen in den Komitees und Akademien, die über die Vergaben entscheiden, voreingenommen ist. Um etwas zu ändern, müsste allerdings tief in die Mechanismen der Nobelpreisfindung eingegriffen werden. Und damit könnte das Image der Schwedischen Wissenschaftsakademien angekratzt werden und die Nobelmedaille an Glanz verlieren.

Mit Nobelpreisen ausgezeichnet werden oft Menschen, die revolutionär denken und althergebrachte Ideen über den Haufen werfen. Es wäre an der Zeit, dass die Mitglieder der Gremien in Stockholm auch selber mutiger zu denken beginnen.

Die Auszeichnung bekam nicht allen gut

Sie gelten als die klügsten Köpfe auf ihrem Fachgebiet, aber nicht allen Nobelpreisträgern ist ihre Auszeichnung gut bekommen. Eine gute Handvoll dieser Wissenschafter ist übergeschnappt.

Berühmtestes Beispiel dafür ist Linus Pauling, einer der wenigen Menschen, die zwei Nobelpreise bekamen (für Chemie und Frieden). Zehn Jahre nach seinem Friedensnobelpreis 1962 begann er sich intensiv mit Vitamin C zu beschäftigen. Er glaubte, darin ein Allheilmittel gegen Krebs gefunden zu haben. Als Beleg führte er eine eiligst durchgeführte Studie an Krebspatienten an, die jedoch, was Planung und Durchführung anbelange, keinerlei wissenschaftlichen Massstäben genügte. Trotzdem wurden die Resultate in angesehenen Fachzeitschriften publiziert. Immerhin stand ein zweifacher Nobelpreisträger dafür gerade. Die Studie wurde dann rasch widerlegt. Pauling ignorierte dies, wie sämtliche weitere Ergebnisse, die seiner Überzeugung widersprachen. Er starb an Prostatakrebs.

Nicht minder verstörend ist es, wenn ein Physiknobelpreisträger wie Brian D. Josephson plötzlich an Parapsychologie glaubt. In Experimenten, die eher wie Zaubertricks daherkamen, liess er in den 1980er-Jahren Schulkinder Löffel verbiegen oder Versuchspersonen einen Zufallsgenerator mit blosser Willenskraft steuern. Der Schwindel wurde schnell aufgedeckt, aber auch an Josephsons nobelpreispoliertem Ego glitt jegliche Kritik ab.

Chemienobelpreisträger glaubt an Aliens und Waschbären

Wie schmal der Grat zwischen Genie und Wahnsinn ist, zeigt auch das Beispiel des erst diesen Sommer verstorbenen Chemienobelpreisträgers Kary Mullis. Er beschrieb, nur fünf Jahre nach seiner Ehrung 1993, in allem Ernst eine übersinnliche Begegnung mit einem leuchtenden Waschbären. Der Entdecker der Polymerase-Kettenreaktion (PCR), ohne die heute keine DNA-Untersuchung durchführbar ist, glaube an Aliens, Astralprojektion und die Kraft von LSD, schreibt Monika Niehaus in ihrem kürzlich erschienen, sehr amüsanten Buch «Der Nobelpreisträger, der im Wald einen höflichen Waschbär traf».

Mullis sei einer von vielen Nobelpreisträgern, die an der «Nobel Disease» erkrankt seien, schreibt Niehaus. Anstatt auf einer medizinischen Konferenz 1994 über seine Entdeckung zu referieren, habe Mullis Bilder nackter, farbig angestrahlter Frauen gezeigt, um anschliessend zu erläutern, warum Aids nicht vom HIV-Virus ausgelöst werde. Er wurde danach nicht mehr oft an öffentliche Vorträge geladen.

An einer besonders heftigen Form der Nobelitis scheint der amerikanische Nobelpreisträger James Watson zu leiden. Der heute 91-Jährige hatte zuletzt im Jahr 2014 für Aufsehen gesorgt, als er seine Nobelpreismedaille für 4,1 Millionen Dollar verkaufte. Als Grund gab er finanzielle Schwierigkeiten an. In diese war er geraten, weil er mehrfach öffentlich behauptet hatte, dass Schwarze wegen ihrer Gene weniger intelligent seien als Weisse. Seine Nobelpreismedaille hatte ihm übrigens der russische Oligarch Alischer Usmanow abgekauft und später zurückgegeben.

Autorin Monika Niehaus vermutet, dass das Ausbrechen einer «Nobelitis» dadurch begünstigt werde, dass Nobelpreisträger, kaum hätten sie den «magic call» aus Stockholm erhalten, plötzlich zu allem befragt würden. Sie werden zu Medienstars und wissenschaftlichen Ikonen. So manch ein Laureat entwickle da eine psychische Schlagseite, deren Hauptmerkmal Grössenwahn sei.

Katja Fischer De Santi

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