NORWEGEN: Beschauliche Reise durch ein Naturkino

Die Hurtigruten-Schiffe entlang der unendlich langen Küste sind gar nicht hurtig unterwegs. Und das ist gut so, denn auf dieser Seereise ist definitiv der Weg das Ziel.

Drucken
Teilen
Idyllisch gelegen am Fuss des 700 Meter hohen Lilandstinden: das Fischerdörfchen Hamnøy auf den Lofoten mit 100 Einwohnern. 
Die traditionellen roten Rorbuer werden fast ausnahmslos an Touristen vermietet. (Bild: Heini Schwendener)

Idyllisch gelegen am Fuss des 700 Meter hohen Lilandstinden: das Fischerdörfchen Hamnøy auf den Lofoten mit 100 Einwohnern. Die traditionellen roten Rorbuer werden fast ausnahmslos an Touristen vermietet. (Bild: Heini Schwendener)

Text und Bilder Heini Schwendener

Königlich reisen wir drei Tage auf See Richtung Norden. Nicht etwa, weil wir die Luxusklasse gebucht haben, sondern weil unser Schiff «MS Kong Harald» heisst. Der Start in Bergen mit einer Fahrt in einen Bilderbuch-Sonnenuntergang bildet den Auftakt für eine Seereise, die ohne Show, Spektakel und Captain’s Dinner wie auf einem Kreuzfahrtschiff daherkommt. Denn bei Hurtigruten ist die Natur der Star, nicht das Schiff.

Wir haben uns für die nordgehende Route entschieden, auf der unser königliches Schiff 2704 Kilometer von Bergen bis nach Kirkenes an der Eismeerküste, direkt an der Grenze zu Russland, fährt.

Das Postauto der Norweger

An 34 Häfen legt das Schiff dabei an. Wie bei uns entlegene Bergdörfer zweimal täglich von einem Postauto angesteuert werden, so sind es im hohen Norden in den entlegenen Fischerdörfern seit 1892 die Hurtigruten-Schiffe – auch Postschiffe genannt. Sie verkehren strikt nach Fahrplan, ausser das Wetter macht ihnen einen Strich durch die Rechnung. Dann wird auch einmal ein Hafen ausgelassen, um nicht zu arg in Verzug zu geraten.

Doch wir haben Glück: Zum königlichen Schiff gesellt sich kaiserliches Wetter, was in Norwegen freilich nicht permanent stahlblauer Himmel bedeutet, aber keinen Regen, viel Sonnenschein und warme Temperaturen. Das führt dazu, dass wir Schifffahrts-Neulinge uns während dreier Tage nonstop auf Deck aufhalten. Die Fahrt der «MS Kong Harald» durch Fjorde, vorbei an Inseln und Schären, Leuchttürmen, bunten Fischerdörfern, mächtigen Bergen, zum Greifen nahen Felswänden und Gletschern in gleissendem Sonnenlicht macht die beschauliche Seereise zu einer Seh-Reise.

Bordkino braucht es hier nicht

Keine zehn Minuten halte ich es in einem Liegestuhl auf Deck aus. Überwältigt von dieser Schönheit treibt es mich vom Bug zum Heck und von Steuerbord nach Backbord. Die Freunde witzeln, die Speicherkarten meiner Kamera wären sicher alle schon am ersten Tag voll. Allenthalben wird schnell klar: Hurtigruten-Schiffe brauchen weder Bordkino noch Unterhaltungsprogramme wie die schwimmenden Kleinstädte der Kreuzfahrt-Reedereien. Genutzt würden sie ohnehin nicht angesichts der übermächtigen Konkurrenz des vorbeiziehenden Naturkinos.

Hurtigruten-Schiffe sind alles andere als hurtig. Sie zelebrieren die Gemächlichkeit, der Weg ist das Ziel. Auch wenn von den jährlich 440 000 beförderten Passagieren rund 70 Prozent Touristen sind, so spielen die weiss-rot-schwarzen Schiffe noch immer eine Rolle bei der Versorgung der entlegenen Dörfer. Vor allem im hohen Norden ist die Ankunft der Postschiffe, die inzwischen zwar keine Post mehr transportieren, noch immer eine feste Grösse im Tagesablauf. Norweger fahren mit ihnen zum Arzt, zu Familienbesuchen oder Behördengängen.

Spektakulärer Landausflug

In vielen Häfen können Landausflüge gebucht werden. Jenen im Geirangerfjord lassen wir uns nicht entgehen. Einerseits, um den schönsten Fjord der Welt, wie er häufig bezeichnet wird, nach einer kurzen Busfahrt von oben zu bestaunen. Andrerseits auch wegen der landschaftlichen Vielfalt der Gebirgstäler, wegen der Fährpassagen über Fjorde und wegen des spektakulären Trollstigen.

Die Busfahrt über diese sehr steile Passstrasse mit ihren elf Haarnadelkurven bietet Gänsehautgarantie für die Fahrgäste. Wir haben mit diesem teuren Ausflug zwar sieben Stunden der Seereise verpasst, sind uns aber in Molde, wo wir abends, weiter oben im Norden, wieder an Bord gehen, einig: Bei schönem Wetter ist dieser Landausflug jede Krone wert.

Die Zahl der Schären und Inseln entlang der Seeroute der «MS Kong Harald» ist Legion. Dem Kapitän wird alles abgefordert, um auf Kurs zu bleiben, denn bisweilen lässt die Fahrrinne ganz wenig Spielraum. Die ruhige See erleichtert seine Aufgabe und erlaubt es ihm, den Stokksundet zu befahren. Die enge Passage lockt einmal mehr viele Passagiere auf Deck und an die Reling.

Bei der 80 Kilometer langen Passage über den Vestfjord kommt kurz etwas Hochseefeeling auf, das Land verschwindet nämlich fast am Horizont. Doch schon rückt die «Lofotenwand» näher. Wieder scheinen alle an Deck zu sein, um einen ersten Blick auf dieses versunkene Gebirge zu werfen, dessen alpin zugespitzte Gipfel während der nacheiszeitlichen Landerhebung wieder aus der See aufgetaucht sind.

Wild und dramatisch schön

In Svolvaer verlassen wir unser königliches Schiff, um den Archipel der Lofoten zwei Tage per Mietauto zu erkunden. Ein grandioser Entscheid, wie sich schnell zeigt: Das Staunen über das unerschöpfliche Reservoir wilder, dramatischer Naturschönheit nimmt kein Ende mehr. Sandstrände mit feinstem weissem Sand, kühne Brücken über Meeresarme, bizarre Berggipfel und malerische Fischerdörfer präsentieren sich in das besondere Licht des hohen Nordens getaucht. Wer dies erlebt hat, weiss, was Naturliebhaber, Abenteurer und Künstler seit je auf dieses Inselreich lockt.

Nach zwei Tagen schmerzt der Abschied, und es bleibt der Wunsch zurück, dereinst für länger hierher zurückzukommen. Erträglich macht den Abschiedsschmerz die Vorfreude auf unsere letzte Schiffspassage durch die der norwegischen Küste vorgelagerte Inselwelt der Lofoten und der Vesteraalen. Hinauf nach Tromsoe, der Universitätsstadt, die 340 Kilometer nördlich des Polarkreises liegt. Dort, wo im Sommer die Sonne nie unter- und im Winter nie aufgeht.

Am Ende unserer 1681 Kilometer langen Seereise tragen wir eine Sehnsucht in uns: die restlichen 900 Kilometer, vorbei am Nordkap bis hinauf nach Kirkenes. Warum nicht auf der «MS Midnatsol» (Mitternachtssonne) im Winter – bei Nordlicht?

 

Weit mehr als nur Fjorde

Oslo: Nach Norwegen reisen wohl die meisten wegen der einzigartigen Natur. Es empfiehlt sich jedoch, eine Hurtigruten-Seereise mit einem Aufenthalt in Oslo zu kombinieren. Norwegens Metropole ist zur Hauptstadt zeitgenössischer Architektur geworden. Die Insel Tjuvholmen etwa wird geprägt von modernen Wohn- und Bürogebäuden, die über 20 Top-Architekten entworfen haben. Herausragend ist das Astrup Fearnley Museet. Eine Augenweide ist auch das Opernhaus in der Form eines Gletschers, dessen begehbares Dach bis ins Meer reicht.

Bergensbane: Von Oslo nach Bergen, dem Ausgangspunkt der Seereise, gelangt man bequem mit dem Zug. Die Bergensbane startet auf Meereshöhe, erklimmt durch eine atemberaubende Landschaft eine Hochebene auf 1237 Metern Höhe, ehe sie – entlang von Flüssen und Fjorden – nach sieben Stunden und 182 Tunnels Bergen erreicht.

Bergen:Die zweitgrösste Stadt Norwegens wird als «Tor zu den Fjorden» bezeichnet. Zwei mit Bahnen erreichbare Aussichtsberge öffnen den Blick über den Byfjord und das geschäftige Treiben der Hafenstadt mit ihrem berühmten Fischmarkt, der Altstadt mit den bunten Holzhäusern und den vielen interessanten Museen. In Bergen steht der grosse Hurtigruten-Terminal.

www.hurtigruten.ch
www.glur.ch
www.kontiki.ch

Tägliches Spektakel bei schönem Wetter: Sonnenuntergang auf der «MS Kong Harald». (Bild: Heini Schwendener)

Tägliches Spektakel bei schönem Wetter: Sonnenuntergang auf der «MS Kong Harald». (Bild: Heini Schwendener)

1880 gebaut, heute unter Denkmalschutz: der Leuchtturm Kjeungskjær fyr, nahe bei Trondheim. (Bild: Heini Schwendener)

1880 gebaut, heute unter Denkmalschutz: der Leuchtturm Kjeungskjær fyr, nahe bei Trondheim. (Bild: Heini Schwendener)

Fast schon kitschig schön: das historische Hanseviertel Bryggen in der Stadt Bergen. (Bild: Heini Schwendener)

Fast schon kitschig schön: das historische Hanseviertel Bryggen in der Stadt Bergen. (Bild: Heini Schwendener)

Belebtes Zentrum: Passanten in Oslo geniessen einen warmen Sommerabend. (Bild: Heini Schwendener)

Belebtes Zentrum: Passanten in Oslo geniessen einen warmen Sommerabend. (Bild: Heini Schwendener)