Polemik: Warum Guezlibacken Müttern den letzten Nerv raubt

In der Adventszeit soll eine gute Mutter mit ihren Kindern Guezli backen. Auch wenn sich dabei alles andere als vorweihnachtliche Gefühle ausbreiten. Zwei Erfahrungsberichte von der Teigfront.

Katja Fischer De Santi
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Die perfekte Hausfrau bäckt Guezli mit Absatzschuhen und lächelt dabei.

Die perfekte Hausfrau bäckt Guezli mit Absatzschuhen und lächelt dabei.

Jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit ergreift Frauen in der ganzen westlichen Welt eine rätselhafte Unruhe. Sie beginnen, wie nach einem geheimen Plan, zu dekorieren und zu basteln. Wehe, wenn das Haus zum ersten Advent nicht in goldenem Licht erstrahlt. Kerzen da, Tannenzweige hier, Adventskalender überall. Ist alles noch irgendwie machbar und ja auch ganz gemütlich.

Die innere Stimme ist stärker

Aber da ist diese Stimme, die Frauen, ganz egal ob Lehrerin, Architektin, Buchhalterin oder Mutter, leise ins Ohr flüstert, dass es an der Zeit wäre, mit dem ­Guezlen anzufangen. Gegen diese Stimme wäre nichts einzuwenden, wenn sie nicht auch in den Ohren von Frauen und Müttern ertönte, die sonst nie backen, und dies meist aus guten Gründen. Aber an Weihnachten wird der ­innere Druck auf Frau schier ­unerträglich. Spätestens zum zweiten Adventssonntag soll der unwiderstehliche Duft von Zimtsternen, Spitzbuben und Mailänderli durchs Haus ziehen. In den Frauenköpfen steigen Bilder von herzigen Kinderhänden auf, wie diese süsse Sternchen aus­stechen, sie beginnen von glänzenden Kinderaugen zu träumen, die gespannt durchs Ofenfester schauen.

Wer soll das alles essen, wer die Küche putzen?

Diese Stimme – von Müttern an ihre Töchter vererbt – ist stärker als jede Vernunft, die sagt: Wer soll denn dieses Butter-Zucker-Zeug ohne schlechtes Gewissen essen? Wer schabt danach die Teigresten vom Boden? Und waren nicht die Zimtsterne letztes und vorletztes Jahr viel zu hart? Und erst die Anis-Chräbeli, die bleiben doch bis Ende Januar in der Guezlidose liegen. Aber nein, die Vernunft hat in der Adventszeit keine Chance: Unter fünf verschiedenen Guezlisorten aus eigner Produktion wird es, so denkt das genormte Frauenhirn, nicht Weihnachten. Man hat noch selten von einem Vater gehört, der sich schlaftrunken erhebt und, einem inneren Befehl folgend, in die Küche geht, um mit seiner Kinderschar Guezli zu backen, weil er es als seine männliche Pflicht ansieht. Nicht falsch verstehen: Es gibt da draussen ­Männer, die wunderbare Guezli backen, zig Sorten, filigrane ­Gebilde, wunderschöne Formen. Diese Männer tun dies nur meist ohne Kleinkinder. Denn Kleinkinder und schöne Guezli, das passt etwa so gut zusammen wie Kleinkinder und saubere Hände. Sie haben schlicht kein Interesse an einem für Erwachsene ästhetischen und geniessbaren Endprodukt. Darum an dieser Stelle zwei Erfahrungsberichte von Müttern, die der Stimme im Ohr nachgegeben haben und dabei ­alles, aber sicher keine vorweihnachtlichen Gefühle entwickelten:

Das kriegt jede Frau hin

An das Guezlen in meiner Kindheit habe ich zwiespältige Erinnerungen. Ich weiss nicht, ob meine Grossmutter es gerne tat. Ich weiss bestimmt, dass meine Mutter es nicht gerne mit uns Kindern tat, und uns darum zum Guezlen zur Grossmutter schickte. Grossmutter schien mir jedes Mal sehr angespannt. Die Resultate aus ihrem Ofen titulierte mein Vater als «Mehlhaufen».

In unserem Haus ist, vielleicht aus diesem Trauma heraus, Backen Männersache. Zumindest so lange es um Brot, Pizzateig, ja sogar Geburtstagskuchen geht. Aber beim Guezlen, da hört die Gleichstellung auch für meinen Mann auf. Irgendwie zu kleinteilig und klebrig alles. Und in meinem Ohr wird diese fiese Stimme, je näher Weihnachten rückt, desto lauter: «Komm, wenigstens ein paar Mailänderli. Das kriegt doch jede Frau hin, und denk doch an die kleinen Kinderhände.» Ich werde jedes Mal weich, und jedes Mal endet es im Desaster.

Explodierende Zimtsterne

Ohne unnötig ins Detail gehen zu wollen: Als 20-Jährige habe ich es geschafft, Zimtsterne im Ofen zum Explodieren zu bringen. Mailänderli verbrennen bei mir immer, es gibt sie nur in Braun und Schwarz. Die Katze frisst die Kekse vom Blech weg, die Brunsli bleiben auch nach dem Backen klebrig und die Küche ebenfalls tagelang. Aber das Schlimmste ist: Ich mag Weihnachtsguezli gar nicht besonders. Meine Söhne eigentlich auch nicht. Ist vielleicht eine familiäre Anomalie. Aber das Guezlibacken mögen die Kleinen sehr. Ich denke, nächstes Jahr schicke ich sie zu ihrer Grossmutter und lasse bei mir zu Hause ganz in Ruhe einige Zimtsterne im Ofen explodieren.

Katja Fischer De Santi

Zehn klebrige Fingerchen

Vor vielem habe ich mich bisher gedrückt als Mutter. Nun bin ich beim Guezlibacken eingeknickt. Der dreijährige Sohn hat mit den Händen in der Mehlschüssel gewühlt (ein sensorisches Erlebnis). Teig kneten gefiel ihm weniger. Er fand das Klebrige eklig. Ich versuchte, ihm den Teig von allen 40 Seiten der 10 kleinen Fingerlein zu schaben. Da hing die Kleinste längst an meinem Hosenbein. Verschnaufpause, während der Teig vor dem Fenster im Kühlen ruhte. Später hantierte der Sohn recht geschickt mit dem Wallholz, ich war drauf und dran, mich für die Guezliaktion innerlich zu loben: Wunderbar, wie mein Kind die Herstellung eines Lebensmittels verstehen lernt. Alles ist eine wertvolle Erfahrung

Derweil drückte der Sohn die Förmchen bis zur Hälfte in den Teig. Das Problem war nur: Während ich ein Guezli aufs Backblech drapierte, drückte der Backlehrling auf den noch nicht geretteten rum. «Lueg, jetzt sind si verschwunde.» Die Verwandlung von Teig zu Guezli und zurück, beschloss ich, ist eine wertvolle Erfahrung.

Teig an der Türfalle, auf dem Boden

Aber man hat halt als Erwachsener eine gewisse Vorstellung entwickelt, wie ein Stern aussehen soll. Und wenn man einen Engel dreimal übereinander reindrückt, «dann erkennt man ihn nicht mehr, Junge, begreifst du das nicht?!!». Habe ich natürlich nicht gesagt. Sondern ihn gelobt, als er seine Finger wenigstens vom dreiundzwanzigsten Guezli lassen konnte. Wobei – so viele haben wir nicht geschafft. Ein Teil war auf dem Boden gelandet, ein anderer klebte als Teig an der Türfalle zum Klo. Die zu dünn ausgewallten Exemplare verkohlten im Backofen. Es war mir am Ende egal. Die Küche räumte ich dann alleine auf.

Sabine Kuster