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Ohne sie geht es nicht: Warum Nachbarn, Arbeitskollegen oder der Pöstler für uns so wichtig sind

Unsere Freunde sagen, sie seien jederzeit für uns da. Aber wenn es wirklich eilt, steht uns der Nachbar am nächsten und der Arbeitskollegin erzählen wir zuerst von unserem Liebeskummer.
Annika Bangerter, Sabine Kuster, Niklaus Salzmann
Mehr als nur ein Schwatz: Nachbarn, andere Eltern, Arbeitskollegen sind ein wichtiges soziales Netz. (Bild: Getty)

Mehr als nur ein Schwatz: Nachbarn, andere Eltern, Arbeitskollegen sind ein wichtiges soziales Netz. (Bild: Getty)

Der Auflauf ist bereit für den Ofen, die Gäste kommen in einer halben Stunde, aber der Reibkäse fehlt? Wir klingeln bei den Nachbarn. Die Wehen kommen, aber die Grossmutter ist noch nicht da? Wir klingeln bei den Nachbarn. Nachbarn sind unsere Express-Hilfe-Freunde.Schnell steht das ganze Mehrfamilienhaus zusammen, wenn es gilt einen Verunfallten Mitbewohner das Treppenhaus hinunter zur Ambulanz zu tragen.

Wenn die Not nicht ganz so drängend ist, fällt es uns aber oft schwer, bei Nachbarn um Hilfe zu bitten. Und wir nehmen Milch statt Rahm für den Guss der Wähe. Dabei machen die meisten Menschen liebend gern solche Handreichungen.

Zufallsbekanntschaften reissen uns aus unserer Blase

Nicht nur Familie oder Freunde stillen das menschliche Bedürfnis nach Austausch und Geborgenheit. Zufallsbekanntschaften machen oft den grösseren Anteil der sozialen Kontakte aus. Das unterschätzte Netzwerk setzt sich aus Nachbarn, Arbeitskollegen oder Eltern von Klassenkameraden der eigenen Kinder zusammen. Sie sind nicht nur soziale Begleiter, sie reissen uns auch aus unserer Filterblase.

Längst nutzen wir doch dieselben Informationsquellen wie unsere engsten Freunde, besuchen die gleichen Ausstellungen (oder gehen gleichermassen nie ins Museum) und sitzen im selben Kaffee. Wenn wir uns aber auf unsere Nachbarn, Arbeitskollegen einlassen, fordern sie uns mit fremden Denkweisen heraus, erschliessen neue Netzwerke

Die Arbeitskollegin hilft, das Brautkleid auszusuchen

Etwa die ehemalige Arbeitskollegin, die als Kontakt auf einem Wohnungsinserat auftaucht: Altbau, Parkettboden, grosser Balkon, zentrumsnah – und bezahlbar. Eine SMS um Mitternacht gibt den Termin zur Besichtigung durch. Als sie die Tür öffnet und uns freudig mit der Frage «Wollt ihr die Wohnung?» begrüsst, schauen die anderen Personen, welche die Wohnung besichtigen, betreten. Wir, damals Ende zwanzig, realisieren erstmals die Bedeutung eines Beziehungsnetzes.

Oder aber da sitzt eine Arbeitskollegin tagtäglich näher als die beste Freundin, die doch eigentlich dazu auserkoren war mitzukommen, um das Hochzeitskleid auszusuchen. Doch es war die Arbeitskollegin, die peu à peu vom ganzen Vorbereitungsstress erfuhr. So kam es, dass sie, am Ende mit der Braut im Laden mit den Abendkleidern stand.

Wir bekommen sie automatisch lieb

Es gibt viele Gerichtsurteile über Nachbarschaften, die aus dem Ruder gelaufen sind. Es gibt Konflikte unter Arbeitskollegen, die sich derart verhärten, dass ein normales Arbeiten kaum noch möglich ist. Doch in der Realität sind solche sozialen Eskalationen selten. Dazu trägt der «Mere-ExposureEffekt» bei: Je mehr man mit einer Person oder einem Objekt Kontakt hat (oder sie/es schlicht sieht), desto sympathischer erscheint sie oder es. Das nutzen die Werber aus, aber es hilft uns auch auf der Arbeit oder zu Hause:

Über die Wochen, Monate, Jahre können wir uns gar nicht dagegen wehren, die Mitmenschen, die wir regelmässig sehen, liebzubekommen. Matthias Drilling von der Fachhochschule Nordwestschweiz erforscht die Strukturen von Quartieren. Er sagt, dass Nachbarschaften wieder wichtiger geworden sind. Durch die erhöhte Mobilität leben Verwandte und auch die Freunde über das Land oder gar über Kontinente verstreut. Bricht dann die Kernfamilie auseinander, findet sich ein unterstützendes Umfeld mitunter auf dem gleichen Stockwerk oder im Haus nebenan.

«Das Konzept der Nachbarschaft ist alternativlos. Es ist eine Quasi-Verwandtschaft, von der wir in jeder Lebenslage und unabhängig von unseren finanziellen Voraussetzungen profitieren.»

Deshalb gäbe es auch in reicheren Quartieren entsprechende Vernetzungsangebote. Eine gute Nachbarschaft lässt sich steuern: Es brauche niederschwellige Gelegenheiten, damit sich die Anwohner begegnen, sagt Drilling. Das können Strassenfeste, Quartierflohmärkte oder die Schaffung einer Tempo-20-Zone sein.

Eine gute Nachbarschaft ist ein Ersatz für die Familie

Dachte in den Sechzigern noch niemand daran, Nachbarn aktiv miteinander zu vernetzen, habe sich dies seit den Achtzigern gewandelt. «Dabei haben viele Fachleute die Vorstellung, man könne durchmischte Nachbarschaften planen oder sogar bauen. Eine beliebte Vorstellung ist, dass dann Kinder einer alleinerziehenden Putzfrau von den Kontakten ihres Nachbars – beispielsweise eines Bankers – profitierten. Aber solche Effekte sind sehr selten, und sie sollten auch nicht das alleinige Ziel sein», sagt Drilling.

Aus Hilfsbereitschaft wird Freundschaft

Klappt es nicht besonders gut mit den Nachbarn, dann sind die Beziehungen der Kinder auf jeden Fall ein Türöffner. Etwa wenn plötzlich eine Whatsapp-Nachricht aufleuchtet, in der ein Vater fragt, ob er seinen Sohn kurzfristig zum Spielen rüberschicken könne, die Kinder würden sich vom Hort her kennen. Aus der anfänglichen Überraschung und Hilfsbereitschaft entsteht zuerst eine lose Bekanntschaft. Bald hütet man die Kinder regelmässig gegenseitig, trinkt einen Kaffee zusammen, fährt miteinander in die Familienferien. Aus einer zufälligen Bekanntschaft ist eine Freundschaft geworden.

Geplant war das nicht. Doch laut der Basler Psychologieprofessorin Jana Nikitin investieren junge Erwachsene genau deshalb auch in weniger enge Bekanntschaften, weil sie das Potenzial haben, mehr zu werden. Aus einem kurzen Schwatz am Rande eines Kindergeburtstags kann eine Freundschaft entstehen, aus dem Smalltalk beim Hundespaziergang eine Partnerschaft, und die Zeltplatz-Nachbarin ist vielleicht eine künftige Arbeitgeberin. Jana Nikitin sagt:

«Mit dem Alter nimmt die Häufigkeit solcher Kontakte ab.»

Einerseits wegen äusserer Umstände: Sobald die Kinder grösser werden, werden Kontakte zu anderen Eltern seltener. Mit der Pensionierung fallen die Kontakte in der Arbeitswelt weg. Und oft führen körperliche Einschränkungen dazu, dass ältere Menschen weniger aus dem Haus kommen.

Doch auch von sich aus investieren ältere Menschen weniger in flüchtige Bekanntschaften, wie Nikitin erklärt. «Das Potenzial, dass sich mehr daraus entwickeln könnte, ist für sie weniger wichtig. Sie wollen nicht mehr in die Zukunft investieren, sondern sich im Jetzt wohlfühlen. Der Versuch, neue Bekanntschaften zu knüpfen, ist auch mit dem Risiko der Ablehnung behaftet. Ältere Erwachsene tendieren dazu, dieses Risiko zu vermeiden.»

Im Alter ziehen wir uns zurück, meiden neue Kontakte

Lieber als in flüchtige Bekanntschaften investieren sie in altbewährte Freundschaften, in Familie und Partnerschaft. Sofern dieses Netz vorhanden ist. Wenn bei jemandem die nahen Beziehungen fehlen, ist es anders: «In solchen Fällen können die weniger engen Beziehungen das Fehlen der engen zum Teil kompensieren», sagt Nikitin. Bei älteren Menschen hilft es tatsächlich gegen Einsamkeit, wenn sie an der Supermarktkasse, beim Coiffeur, im Wartezimmer der Hausärztin mit Menschen in Kontakt kommen.

Wir wissen viel über sie, ohne dass es richtig unsere Freunde sind: über den Arbeitskollegen, die Nachbarin, andere Eltern. Deshalb geht auch das Lästern über sie so gut. Doch vielleicht sollten wir dabei besser etwas zurückhaltender sein. Oft sind es diese scheinbar losen Bekannten, die uns den entscheidenden Tipp für eine neue Wohnung geben – oder sie tragen uns zur Ambulanz.

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