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Interview

Schweizer Panflöten-Virtuose über sein Instrument: «Viel mehr als klagender Ton»

Hanspeter Oggier ist der Schweizer Virtuose auf einem Instrument, das nicht bei allen Anklang findet. Im Interview erklärt der in Luzern tätige Walliser, warum die Panflöte – richtig gespielt – alles andere als kitschig ist.
Susanne Holz
Der Flötenspieler und der Baum: Die imposante Scheinzypresse im Luzerner Dreilindenpark ist ungefähr 90 Jahre alt. Hanspeter Oggiers Sopran-Panflöte ist aus Bambus und erst vergangenen Dezember eingeweiht worden. (Bild: Boris Bürgisser (4. Sept. 2018))

Der Flötenspieler und der Baum: Die imposante Scheinzypresse im Luzerner Dreilindenpark ist ungefähr 90 Jahre alt. Hanspeter Oggiers Sopran-Panflöte ist aus Bambus und erst vergangenen Dezember eingeweiht worden. (Bild: Boris Bürgisser (4. Sept. 2018))

Wir treffen Hanspeter Oggier (37), den Meister der Panflöte, im Luzerner Dreilindenpark, direkt an der Hochschule Musik – Luzern, wo er Dozent ist. Beim Fototermin schaut ein kleiner Bub zu, der unbedingt ein Autogramm von ihm will. Hanspeter Oggier freut sich über diese kindliche Begeisterung: Womöglich hat er ja gerade Bekanntschaft mit einem künftigen Virtuosen auf seinem Instrument geschlossen, wer weiss.

Hanspeter Oggier, mein Bürokollege Hans Graber ist der Ansicht, Pan­flöte sei nach Didgeridoo das schrecklichste Musikinstrument überhaupt. Was entgegnen Sie ihm?

Er hat – fast – Recht. (Schmunzelt.) Gerade wenn man an die nicht authentische Panflöte denkt. Leider ist irgendwann der Kitsch auf die Panflöte aufgepfropft worden. Seither polarisiert dieses Ins­trument. Die authentische Panflöte ­hingegen klingt nicht kitschig, sondern ehrlich und klar.

Eine Zeit lang dominierte die Panflöte die Fussgängerzonen. Heute ist sie praktisch aus den Strassen verschwunden. Was ist passiert?

Das habe ich auch beobachtet. Über die Gründe kann auch ich nur mutmassen. Ist es vielleicht allgemein schwieriger geworden, Strassenmusik zu machen? Oder trifft die Panflöte den Geschmack der breiten Masse einfach nicht mehr?

Wie kamen Sie zur Panflöte?

Mein Vater hat in den Achtzigerjahren begonnen, Panflöte zu spielen – eigentlich spielte er Klarinette. In der Romandie und auch im Oberwallis, wo ich gross wurde, kam die Panflöte Ende der Siebziger in Mode – plötzlich fanden sich in den Läden viele Schallplatten mit Panflötenmusik. Ich war unglaublich begeistert von diesem Instrument. Was nicht ganz logisch war – im Wallis. (Schmunzelt.) Es war auch schwierig, einen Lehrer zu finden. Teils musste man autodidaktisch lernen. Ich hatte den ersten Unterricht mit acht Jahren.

Was mögen Sie an diesem Instrument besonders?

Vor allem den vielschichtigen Klang. Die Vielfalt der Artikulationsmöglichkeiten – die Panflöte kann in ihrer sprechenden Art sehr expressiv sein. Sie ist viel mehr als der klagende und ziehende Ton, den man so oft von ihr hört.

Vom Musikschüler im Wallis zum Dozent für Panflöte in Luzern

Hanspeter Oggier kam am 23. Juni 1981 in St. Niklaus im Wallis auf die Welt. Die erste Ausbildung auf der Panflöte erhielt er im Oberwallis. Ab 1996 nahm er in Genf Unterricht bei Simion Stanciu. Das Musikstudium mit Hauptfach Panflöte absolviert Oggier in Genf und Zürich. 2005 erhält er das Lehrdiplom, 2008 das Konzertdiplom mit Auszeichnung. An der Hochschule Musik – Luzern schliesst der Walliser 2010 mit Erfolg den Studiengang «Master of Arts in Music mit Major Performance Klassik» ab. Hanspeter Oggier gibt Konzerte als Solist wie auch als Kammermusiker. Es ist ihm wichtig, die teils noch unbekannten Facetten der Panflöte zu zeigen. So wagt er sich an Werke verschiedener Epochen, die er als Novum auf der Panflöte interpretiert.

2008 erscheint seine erste CD: «Arpeggione» (mit Marielle Oggier, Querflöte, und Mathias Clausen, Klavier). Für das niederländische Label Brilliant Classics nimmt er mit dem Ensemble Fratres zwei CDs mit Werken von A. Vivaldi und G. Ph. Telemann auf. Seit 2011 arbeitet Hanspeter Oggier als Dozent für Panflöte (Abteilung Klassik) an der Hochschule Luzern – Musik. Verheiratet ist er mit der Violinistin Laida Alberdi, mit der er auch zusammen im Ensemble Inversa spielt. Oggier ist Mitglied des Ensemble Fratres und spielt im Duo mit dem Violoncellisten Mathieu Rouquié und dem Lautenisten Luca Pianca. Hanspeter Oggier und Laida Alberdi leben gemeinsam in Dulliken im Kanton Solothurn. (sh)

Lernten Sie auch noch andere Instrumente zu spielen?

Nur die obligatorische Blockflöte. Und es gab immer Leute, die sagten: «Mach doch was anderes, was Richtiges» – aber das kam für mich nie in Frage.

Ist die Panflöte schwierig zu spielen?

Ja. Es braucht ein sehr agiles Zwerchfell. Und ein gutes Vorstellungsvermögen, weil man ja nichts sieht beim Spielen. Sieht der Pianist beispielsweise seine Finger, spielt der Panflötist quasi blind. Nicht zuletzt müssen die Muskeln in Mund und Backen flexibel sein.

Dauert es lange, bis man einigermassen gut spielen kann?

Zu Beginn lernt man rasch, wird aber die Literatur schwieriger, gibt es einen Bruch.

Gibt es ein Studium für Panflöte? Wo erlernt man sie am besten?

An einer Hochschule. Die Hochschule Musik – Luzern ist die einzige in der Schweiz, die ein Vollzeitstudium für Panflöte anbietet. Derzeit unterrichte ich zwei Studentinnen, beide sind Schweizerinnen. Aber auch viele kleinere und grössere Musikschulen haben mittlerweile Panflöte im Programm. Und es gibt Sommerlager für Kinder und Ju­gend­liche – diesen Sommer hatten wir eines in Einsiedeln mit rund 20 Kindern aus der ganzen Schweiz. Organisiert hat es der Verein «Panflöten-Podium Schweiz». Die Begeisterung war gross.

Also doch ein neuer Trend?

Im Moment würde ich eher von einer Stagnation sprechen. Unser Ziel ist, den Leuten zu zeigen: Seht her, es gibt dieses Instrument tatsächlich. Deshalb freue ich mich auch sehr auf den «Tag der Panflöte Schweiz» am 23. September in Horw.

Das Wort Panflöte ist ja abgeleitet vom griechischen Hirtengott Pan, dem wir auch das Wort Panik zu verdanken haben, weil es ihm möglich gewesen sein soll, in der grössten Stille durch einen lauten Schrei ganze Herden zu plötzlicher Massenflucht aufzujagen. Gibt es da vielleicht Parallelen zur Panflöte?

Das Instrument kann durchaus etwas Wildes haben. (Schmunzelt.) Pan war ein wilder Gott, der sich aus dem Schilfrohr, in das die von ihm begehrte Nymphe Syrinx verzaubert worden war, eine Flöte schnitzte. Bei den Panflöten heute gibt es verschiedene Schleifungen. Panflöten sind sehr individuell, sie unterscheiden sich im Ausdruck stark voneinander. Eine Panflöte ist schwer zähmbar. Dieses Instrument verzeiht nicht viel.

Pan spielte Panflöte aus Kummer. Ist Panflötenmusik tendenziell traurige Musik?

Nein. Das empfinde ich nicht so. Auch wird die Literatur für Panflöte immer breiter: Sie deckt mittlerweile sehr vieles ab, von modern bis klassisch, von traurig bis fröhlich.

Man verbindet Panflöte meist mit Südamerika – zu Recht?

Es gibt in Südamerika eine wichtige Panflötenkultur, die aber nicht zu verwechseln ist mit der europäischen Panflötenkultur, die sehr, sehr alt ist und in der griechischen Antike ihren Ursprung hat. Von da aus fand das Instrument später Eingang in die traditionelle Musik des heutigen Rumänien. Die älteste und gut erhaltene Panflöte, die man in der Schweiz gefunden hat, stammt aus dem 1. Jahrhundert nach Christus, aus der römischen Zeit also. Gefunden wurde sie in Eschenz im Thurgau.

Und in späteren Jahrhunderten?

Die Panflöte gab es auch im Barock. Barockkomponist Georg Philipp Telemann beispielsweise sprach oft von einer «flûte pastorelle», damit könnte er eine Art Panflöte gemeint haben.

Welche Epochen sind bei der Musik für Panflöte ganz generell vertreten?

Heute wird auf der Panflöte Musik aus allen Epochen gespielt. Ich habe mich in letzter Zeit viel der Barockmusik gewidmet, aber ich mag auch Mozart. Persönlich finde ich, dass die Panflöte gut zu Barockmusik passt, aber da scheiden sich die Geister. (Lacht.) Doch wenn die Panflöte polarisiert, ist das auch gut – weil dann über sie gesprochen wird.

Panflöte ist im Volkswissen «El Condor Pasa» und «Der einsame Hirte» – und sonst? Gibt es namhafte Komponisten für Panflöte?

In der traditionellen rumänischen Musik ist die Panflöte sehr gut verankert. Die klassische Schiene ist schwierig zu beurteilen. Wie genau wurde sie da wohl eingesetzt? In den letzten Jahren wächst die Literatur für Panflöte – es gibt viele zeitgenössische Komponisten.

Panflötenspieler sind oft männlich – warum?

Früher haben wohl tatsächlich mehr Männer und Knaben Panflöte gespielt, heute spielen sie auch sehr viele Frauen und Mädchen. Ich persönlich hatte als Dozent schon immer mehr Schülerinnen als Schüler.

Welche Musik gefällt Ihnen privat?

Ich mag authentische Musik sehr. Alte Aufnahmen traditioneller Musik. Ich liebe Musik, die sehr sprechend ist, Lautenmusik beispielsweise. Harfenmusik oder Musik, interpretiert auf historisch konzipierten Instrumenten. Pop oder Rock höre ich im Moment eher nicht.

Abgesehen von der Panflöte, welches Instrument mögen Sie am liebsten?

Eigentlich mag ich alle Instrumente, ob Blas-, Streich- oder Tasteninstrumente. So richtig fasziniert bin ich beispielsweise auch von einer schönen Orgel.

Ihr Leben ist dominiert von der Musik. Hat da auch noch anderes Platz?

Für die Musik bin ich viel unterwegs, auch international. Viel Freizeit bleibt tatsächlich nicht. Aber ich mag die Berge, fahre gerne Ski. Abends entspanne ich mich mit einem Buch oder auch mit Notizen für ein Projekt, das mir am Herzen liegt. Oder ich trinke ein Glas Wein mit meiner Frau, das ist immer gut.

Was erhoffen Sie sich alles vom «Tag der Panflöte Schweiz» in Horw?

Unser Ziel ist, einen Tag der Begegnung zu bieten. Amateure sollen mit Profis sprechen können, Menschen aus dem Süden mit Menschen aus dem Norden. Die Leute sollen Kontakte knüpfen und sich vernetzen können. Wir möchten die Besucher aus ihrem Alltagstrott holen und bieten komplett offene Türen: Jeder soll sich an diesem Tag an der Panflöte ausprobieren können.

Wie sieht Ihr typisches Publikum unter dem Jahr aus? Wer kommt zu Ihren Konzerten, kauft Ihre CDs?

Das ist unterschiedlich. Manche Konzerte sind speziell für ein junges Publikum gemacht. Meist ist das Publikum aber etwas älter. Mit dem Cellisten Mathieu Rouquié zusammen bilde ich das «Duo Rythmosis» – wir suchen uns bewusst besondere Aufführungsorte wie Schulen, Kliniken, Kapellen in den Bergen. Das zieht immer wieder ein sehr gemischtes Publikum an. Leute, die sonst nie Klassik hören, finden durch die Panflöte teils ­einen Bezug zu dieser Musik.

Das Schöne an Musik ist ja, dass sie uns immer wieder neu inspiriert.

Ja, und ich bin in meinem Leben immer wieder auf Menschen getroffen, die mich inspiriert haben, was die Musik betrifft. Dafür bin ich diesen Menschen sehr dankbar. Mein Vater baut heute sogar Panflöten, und meine Schwester hat mir Noten auf den Tisch gelegt, als ich klein war. So bin ich mit einer Welt in Berührung gekommen, die mir fremd war. Und das war gut.

Tag der Panflöte Schweiz 2018

Um dem Instrument Panflöte ein Forum zu bieten, veranstalten die Vereine «PanflötenFestival Schweiz» und «Panflöten- Podium Schweiz» erstmals zusammen den «Tag der Panflöte Schweiz». Die Gemeinde Horw lädt am Sonntag, 23. September, zum Tag rund um das aussergewöhnliche Instrument ein.

Im Schulhaus Zentrum Horw und weiteren Destinationen stehen von 10 bis 19.30 Uhr verschiedene Workshops, Ausstellungen und Konzerte auf dem Programm. Ein Höhepunkt ist sicher das Galakonzert in der Aula des Schulhauses Zentrum um 17.30 Uhr, das für die Einwohner von Horw kostenlos und für Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre gratis ist. Alle anderen zahlen 20 Franken, Studierende 10 Franken.

Es spielen unter dem Titel «La flûte de Pan baroque» Hanspeter Oggier auf der Panflöte, Laida Alberdi auf der Violine, Valéry Burot auf der Theorbe und Marina Vasilyeva auf dem Cembalo das Doppelkonzert in d-Moll von Johann Sebastian Bach. Unter dem Titel «inmitten Bach rundherum» bieten Urban Frey auf der Panflöte, Tabea Frei auf Violine und Viola sowie Paolo D’Angelo auf dem Akkordeon «eine Reise durchs Land, mitten drin ein Bach ...» mit dem Bach Allegro Doppelkonzert eingebettet in Musik aus Nord, Süd, West und Ost.

Nach einer Pause entführt das Ensemble «handful of windows» in die Welt der rumänischen Märchen (Panflöte, Erzählung, Piano, Zither, Akkordeon, Perkussion) und das «Duo Schlubeck-Andris» (Panflöte, Klavier) spielt das Doppelkonzert für 2 Flöten in G-Dur von Anton Stamitz. Weiteres Highlight sind Workshops: für Kinder, Jugendliche, Erwachsene. Wer sich für keinen angemeldet hat, kann als passiver Zuhörer teilnehmen. So studieren die Jüngsten beispielsweise die Musik zur Kindergeschichte «Timi und die Panflöte» ein. Erwachsene können unter anderem die Klangimprovisation auf der Panflöte entdecken. (sh)

www.panfloetenfestival.ch und www.panfloeten-podium.ch

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