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Kolumne

Dorette, Dankwart oder Daniel – Wie unser Kind zu seinem Namen kam

Die zweite Ausgabe des neuen Papa-Blogs.
Adrian Lemmenmeier
(Symbolbild: Getty Images)

(Symbolbild: Getty Images)

Habt ihr schon einen Namen für das Kind? Das ist eine der häufigsten Fragen, die werdenden Eltern gestellt wird. Und eine der dümmsten. Schliesslich posaunt niemand den Namen eines ungeborenen Kindes herum – zumindest nicht im zurückhaltenden Kulturkreis unserer Breiten.

Dumm ist die Frage auch deshalb, weil viele Leute gar keine Antwort erwarten. Statt ein Kopfschütteln zu akzeptieren, ballern sie einen im nächsten Atemzug mit besonders ulkigen Namensvorschlägen zu. Man solle doch die Tochter Dorette taufen, Frauke, Rösli oder Gottlobine. Den Sohn Pankratz, Dankwart, Hunding oder Ebermund. Besonders in Gruppen füllt ein solches Namenskarussell schnell eine Mittagspause.

Ich fand dieses Vornamenklopfen nie besonders witzig. Vielleicht machte es mich auch nervös. Denn wir hatten sehr lange keine Ahnung, wie unser Kind heissen soll. Immer wieder durchforsteten wir das Internet, wälzten Namensbücher, überlegten, welcher Vorname zu welchem Nachnamen passt. Irgendwann hatten wir eine vage Auswahl, konnten uns aber nicht auf einen Namen einigen. Und als wir schliesslich im Tesla meines Schwagers dem Kreisssal entgegenglitten, hatten wir zwar ein ganzes Bündel Namen im Gepäck – aber keine Entscheidung getroffen.

Welche Kriterien aber machen einen guten Namen aus? Für uns waren es folgende: Angenehmer Klang, vertretbare Bedeutung, keine komplizierte Schreibweise, keine neumodischen Einsilber, auch für Ostschweizer Zungen aussprechbar. Und schliesslich sollte ein Name nicht durch frühere Träger vorbelastet sein. Dabei geht es nicht nur um Adolf oder Lolita – auch der vorlaute Florian aus dem Gymnasium oder die träge Tamara aus dem Kindergarten können einem die Freude an ansonsten durchaus passablen Vornamen nehmen.

Wieso aber machen wir überhaupt ein Tamtam um den Vornamen eines Kindes? Schliesslich formen Handeln und Denken die Persönlichkeit eines Individuums – und nicht eine beliebige Buchstabenreihe. Ein Name ist nicht mehr als eine willkürliche Verbindung von Silben, die wir einem neuen Menschen zuschreiben: ein Etikett am unbeschriebenen Blatt.

Andererseits: Ist es tatsächlich Zufall, dass der Russlandkorrespondent der ARD Demian von Osten heisst? Dass Beat Sprecher und Regi Sager beim Radio arbeiten? Dass Martin Neukomm unerwartet in den Zürcher Regierungsrat gewählt wird? Und hat nicht schon Goethe geschrieben: «Bei euch, ihr Herrn, kann man das Wesen gewöhnlich aus dem Namen lesen.» Können wir als Eltern unsern Kindern nicht schon gewisse Eigenschaften mit dem Namen auf dem Weg geben? Wladimir heisst immerhin «beherrsche die Welt»...

Solche Gedankenspiele sind natürlich Unfug. Dennoch sagen uns Namen sehr viel – wenn nicht über das Kind, so doch über seine Eltern. Welche politische Einstellung hatten wohl die Eltern des im Telefonbuch aufgeführten Che Huber? Ausserdem ist es wissenschaftlich belegt, dass Lehrer bei englischen Vornamen eher an ein Problemkind denken, denn die Unterschicht orientiert sich bei der Namenswahl gern am Fernsehprogramm (Kevin lässt grüssen). An Maximilian und Aurelia herrschen andere Erwartungen.

Wie kann man solchen Vorurteilen entfliehen? Soll man sich am namentlichen Mittelmass orientieren? Die häufigsten Vornamen in der Schweiz über alle Generationen gesehen sind Maria und Daniel. Aber will man im 21. Jahrhundert tatsächlich so heissen? Daniel ist hebräisch für «der Herr ist dein Richter». Das ist dermassen freudlos, dass es ehrlicher wäre, den Buben Ernst zu taufen.

Der Entscheid fiel gegen 5.40 Uhr, gleich nach dem Durchtrennen der Nabelschnur. «Wie heisst sie denn?», fragte die Hebamme. Nach 24 Stunden ohne Schlaf und 9 Stunden Wehen brauchte es nur noch einen Blick, ein Wort und ein gegenseitiges Nicken: unsere Tochter hatte ihren Vornamen. Was sie daraus macht, überlassen wir ihr.

Der Autor

Adrian Lemmenmeier ist seit vier Monaten Vater einer Tochter. Er ist verheiratet und wohnt mit seiner Familie in St. Gallen.











Nächsten Freitag schreibt Roger Berhalter darüber, weshalb sich sein Sohn gegen den Rheintaler Dialekt entschieden hat.

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