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Kolumne

Mit Shaqiri am Ball: Warum Väter mit ihren Söhnen ins Stadion wollen

Väter freuen sich schon vor der Geburt auf den ersten Fussball-Match mit den Kindern. Dann merken sie: Die Kleinkind-Zeit verfliegt im Nu.
Jürg Ackermann
Wer ist der beste Spieler auf dem Platz? Bild: Getty

Wer ist der beste Spieler auf dem Platz? Bild: Getty

Im Kybunpark lief gerade die 61. Minute, als Xherdan Shaqiri Anlauf nahm. Mit einem Kunstschuss zirkelte er den Ball zum 3:0 ins Tor. 16'000 Zuschauer jubelten. Und wir (Sohn 1, Sohn 2 und ich) freuten uns auf der Tribüne mit. Wir konnten es kaum fassen, dass Shaqiri jetzt wirklich da unten stand und mit dem Ball zauberte. Jener Fussballer also, über den wir den Sommer über immer wieder gesprochen hatten, wenn wir im Garten die Matches der WM in Russland imitierten.

Es waren solche Momente, die ich mir manchmal mit einer gewissen Sehnsucht vorstellte – damals vor etwas mehr als acht Jahren, als die Geburt unseres ersten Sohnes bevorstand. Vater-Sein ist ja etwas, bei dem man sich nicht auf eigene Erfahrungen berufen kann – vor allem dann wenn es sich um die Geburt des ersten Kindes handelt...

In stillen Momenten stellt man sich darum manchmal ganz grundsätzliche Fragen: Würde ich der Aufgabe gewachsen sein? Wird jetzt das ganze Leben auf den Kopf gestellt? Wie gehe ich damit um, für jemanden anderes für so viele Jahre so viel Verantwortung zu übernehmen?

Mein Schwiegervater meinte damals: Die Zeit, wenn die Kinder so klein seien, gehe im Nachhinein fast zu schnell vorbei. Ich dachte mir: Mir ist das egal, soll sie doch! Wenn ich nur mit meinem Sohn im Fussballstadion sein würde und wir darüber diskutieren könnten, wer nun der beste Spieler auf dem Platz gewesen ist, wäre das Gröbste überstanden. Wenn nur die ersten vermeintlich langweiligen Jahre mit Shoppen trinken, Brei essen und Windeln wechseln möglichst schnell vorbeigehen, wäre ich im richtigen Vater-Dasein angekommen.

Doch wie so oft im Leben kommt es anders. Einige Erwartungen und Befürchtungen lösen sich in Luft auf, andere entpuppen sich als Hirngespinste. Vor der Geburt noch völlig unvorstellbare Freuden kommen hinzu.

Ist das Kind mal da, kommt man sowieso nicht mehr dazu, über allzu viele grundsätzlichen Fragen nachzudenken. Der Alltag nimmt einem mehr als in Beschlag. Man kommt kaum zum Durchatmen, versucht Beruf, Familienzeit, Momente zu zweit und die noch spärlich vorhandenen Hobbys auf eine Reihe zu bringen - und wird im Gegenzug durch viele grandiose Momente entschädigt.

Bei allen Entbehrungen entpuppt sich die frühkindliche Phase – gerade auch im Rückblick - als fast magische Zeit. Die ersten Schritte, die ersten Freundschaften in der Krippe, das erste Mal auf den Ski, der erste Kindergarten-Tag.

Selbst kleine Ausflüge zum Bodensee oder ins Appenzellerland werden mit einem Zweijährigen zu einer grossen Reise. Selbst unscheinbare Augenblicke können zu grossen Momenten werden: Wenn der Kleine vor dem Schlafengehen zur Mama sagt, ich habe dich so lieb wie vom Mond bis zurück und dabei seine Hände so weit als möglich auseinander streckt. Oder er mich als Zweieinhalbjähriger einmal unverhofft fragte, ob ich immer sein Papa sein würde. Meine Frau sagt in solchen Situationen manchmal: «Können wir nicht den Moment einfrieren und die Zeit anhalten?»

Nein, können wir leider nicht. Sowieso geht die Zeit für kleine Kinder in ihrer neugierigen Ungeduld viel zu langsam vorbei. Mein zweiter Sohn, damals noch vier, konnte das Spiel Schweiz gegen Island im letzten September kaum erwarten. Nachdem er sich als erstes am Morgen das rot-weisse Leibchen übergestreift hatte, wartete er nachmittags fast eine ganze Stunde vor der Stubenuhr. Bis die Zeit vorbei sein würde und wir auf den Bus gehen könnten, um endlich von Rotmonten in den Kybunpark zu gelangen.

Wir waren dann immer noch viel zu früh im Stadion, assen Bratwurst, Popcorn und schauten den Spielern vom Anfang bis zum Ende beim Einlaufen und dann über 90 Minuten beim Match zu. Aber es hatte sich gelohnt. Die Schweizer schossen sechs Tore. Und Shaqiri dribbelte und spielte Pässe, als gäbe es kein Morgen.

Der Autor

Jürg Ackermann lebt mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen (8 und 5) in St. Gallen.

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