Kolumne

Papa & Papi: «Dann brauchen wir ein neues Töchterchen» – Wenn Kinder den Ernst der Lage nicht verstehen

In seiner Kolumne «Papa & Papi» schreibt Ethiker Michael Braunschweig über das Elternsein mit seinem Mann und seinen Kindern. Diese Woche berichtet er über eine Gefahrensituation, die er während seinen Ferien in den Walliser Alpen erlebt hat.

Michael Braunschweig
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«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Michael Braunschweig

«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Michael Braunschweig

(Bild: CH Media)

Dieses Wochenende gehen unsere Sommerferien zu Ende. Statt, wie ursprünglich geplant, nach Frankreich an den Strand haben sie uns, wie so viele andere, in die Schweizer Alpen geführt. Das schreibe ich ohne jegliche Enttäuschung – die luftige Frische der Berge ist mir lieber als die brütende Hitze am heissen Sandstrand.

Und was die Auswahl an Aktivitäten anbelangt, stehen unsere Berge den Küstengebieten des Mittelmeers nicht nach. Baden im kalten Wasser der Bergseen, Tiere beobachten im höchstgelegenen Zoo Europas oder per Boot ins Dunkel eines unterirdischen Sees hineingleiten. Sie ahnen es, ja, wir waren im Wallis.

Weil wir Eltern begeisterte Wanderer sind, sahen wir die Gelegenheit, auch in unseren Kindern ein Fünklein Leidenschaft dafür zu entfachen. Zum Glück sind sie mit knapp drei Jahren mittlerweile in einem Alter, in dem sie den einen oder anderen Fussweg selber zurücklegen. Wir gingen es gemächlich an, was leider bedeutete, dass auch wir öfters mit dem Mietwagen die Passstrassen hochbretterten – für einen kurzen Spaziergang um den See oder zum nächsten Rastplatz.

Glücklicherweise kam uns die Natur in unseren Bemühungen entgegen. Die gerade reifen Heidelbeeren lockten unsere Kinder in die Büsche. Stundenlang durchkämmten ihre Fingerchen die Sträucher und füllten ihre Säcklein. Wovon sie sich von den Fuchsbandwürmern und Bakterienarmeen, die mein Mann auf den Früchten vermutete, nicht abhalten liessen.

Natürlich: Die Bergwelt ist nicht ohne Risiken. Das Studienprogramm für unsere Wandernovizen sah deshalb die eine und andere Lektion zu den Gefahren und zum richtigen Verhalten in den Bergen vor. Ob der Konsum der Heubeeren dazugehören sollte, blieb unter uns Lehrenden strittig.

Einig waren wir uns, dass die Wanderstöcke im Moment noch nicht in Kinderhände gehörten, weil sie von dort zu leicht in die Augen gehen könnten. Eine Haltung, die Söhnchen in keiner Weise nachvollziehen konnte, was er uns unter Protestgeheul kundtat. Töchterchen beschäftigte sich hingegen mit existenzielleren Fragen. Am Tisch kann sie keine halbe Sekunde stillsitzen. Ein «Ranggfüdli»!

Der ersten Fahrt auf dem Sessellift sah ich deshalb mit Unbehagen entgegen. Auf dem Sessel erklärte ich ihr, dass sie ruhig sitzen müsse, weil sie sonst hinunterfallen könnte. «Dann bin ich kaputt», replizierte sie verständig. Worauf sie wiederum meinte: «Dann müssen wir ein neues Töchterchen haben.» Was mir die Tränen in die Augen trieb und klarmachte, dass sie die Tragweite eines Fehltrittes noch nicht erfasst. Meine Hand glitt auf ihre Schulter und blieb dort, bis wir oben ankamen.

Michael Braunschweig

Der Ethiker und Theologe hat mit seinem Ehemann zweijährige Zwillinge.

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