Kolumne

Papa & Papi: Das Rollenspiel-Alter ist da! Unsere Kinder spielen jetzt Coiffeur

In seiner Kolumne «Papa & Papi» schreibt Ethiker Michael Braunschweig über das Elternsein mit seinem Mann und seinen Kindern. Diese Woche berichtet er über den Haarschnitt, den zum Glück nicht er, sondern ein Stofflöwe erhalten hat.

Michael Braunschweig
Drucken
Teilen
«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Michael Braunschweig

«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Michael Braunschweig

(Bild: CH Media)

Könnte er brüllen, hätten wir ihn retten können. Nun ist der Boden bereits dicht besät mit seinen braunen Haaren. Töchterchen hält schon das nächste Büschel, und Söhnchen setzt die Schere wieder zum Schnitt an. Klar, es ist Sommer und damit höchste Zeit, dass der grosse Stofflöwe einen neuen Haarschnitt bekommt! Unter so einer Mähne muss es heiss sein, werden sich unsere Kleinen gedacht haben. Und ohne zu fackeln haben sie ihren Löwen gepackt und ins Tripp Trapp gesperrt.

Stilles Spiel ist immer verdächtig, das haben wir gelernt. Also habe ich mich aufgemacht zu einem Kontrollgang. Im Badezimmer finde ich die drei: Vor dem Spiegel sitzt der Löwe, um ihn herum trippeln aufgeregt die beiden Figaros. Der Löwe ist einseitig kahl, auch das Ohr kam nicht ohne Einschnitt davon.

Ich ziehe die Luft ein und zögere, ob ich empört, böse oder belustigt reagieren soll. Da sieht mich Töchterchen in der Tür stehen. Mit einem Büschel frisch geschnittenen Haaren in der Hand erklärt sie begeistert das Offensichtliche: «De Leu muess Haar schnide», und ergänzt entzückt: «Die cham mer so abeseiele» und lässt die Haarsträhnen aus ihrer Hand zu Boden rieseln.

Ich suche noch immer den Ausweg aus meinem emotionalen Zwiespalt, da erklärt Söhnchen: «De Leu het heiss» und weist darauf hin, dass ich mich nützlich machen könnte, wenn ich schon da sei: «Leu wott Foti luege.» Er will, dass ich dem Löwen auf dem Tablet ein Filmchen laufen lasse. So gehört es sich beim Coiffeur. Das haben sie am Vortag gelernt, als mein Mann sich die Mühe machte, unseren beiden Blondschöpfen die Haarpracht sommergerecht zurechtzustutzen.

Nun kommt auch der Löwe in den Genuss einer Haarpflege. Was unter der geschickten Hand meines Mannes zum frischen Sommerschnitt wurde, gleicht den manuellen Fertigkeiten unserer Kinder entsprechend einer Frankensteinfigur.

Unsere Kleinen sind offensichtlich im Rollenspiel-Alter. So verarbeiten sie ihre Eindrücke, üben ihre manuellen, kommunikativen und koordinatorischen Fertigkeiten und eignen sich Verhaltensmuster an. Wir Eltern erhalten über ihre Rollenspiele ein wenig mehr Einblick in das, was sie tagsüber erlebt haben, in der Kita oder mit den Grosseltern.

Zum Glück haben die Rollenspiele unserer Kinder nicht immer derart einschneidende Konsequenzen. Meistens spielen sie ihre Szenarien in der gemeinsamen Fantasie durch. Da darf ich dann mit der Kitaleiterin zusammen Zug fahren, mit Söhnchen zusammen Tee trinken oder Töchterchen helfen, ihrer Stofftierarmada die Windeln zu wechseln.

Immerhin verstehen sie langsam, dass zum Spielen das Aufräumen und Staubsaugen gehört. So finde ich den Ausweg aus meinem emotionalen Zwiespalt, freue mich an ihrer Kreativität und bringe den Staubsauger.

Michael Braunschweig

Der Ethiker und Theologe hat mit seinem Ehemann zweijährige Zwillinge.

Hier finden Sie weitere Episoden der Papa & Papi-Kolumne: