Kolumne

«Papa & Papi»-Kolumne: Darum gehören religiöse Traditionen doch zur guten Erziehung

In seiner Kolumne «Papa & Papi» schreibt Ethiker Michael Braunschweig über das Elternsein mit seinem Mann und seinen Kindern. Diese Woche über religiöse oder spirituelle Riten, die bei der Kindererziehung nicht fehlen sollten.

Michael Braunschweig
Drucken
Teilen
«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Michael Braunschweig (Bild: CH Media)

«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Michael Braunschweig
(Bild: CH Media)

Seit ein paar Wochen kommen wir aus dem Feiern gar nicht heraus: Schon beim Räbeliechtli-Umzug waren unsere Kinder voller Begeisterung mit dabei. Sie haben ihre Laternen stolz getragen – und wollten noch tagelang jeden Abend mit der Laterne auf die Strasse. Und wir wollten als gute Amerikanerchen ihnen den Familientürk von Thanksgiving nicht vorenthalten.

Nun stehen wir bereits mitten im Advent: Die Nachbarn haben pünktlich die Weihnachtsbeleuchtung installiert, und unsere Kleinen schauen abends andächtig aus dem Fenster und kommentieren die Schlitten und Rentiere, Weihnachtsbäume und Bethlehem-Sterne und was es sonst zu entdecken gibt. Unsere eigenen Fenster gleichen derweil eher einer unfertigen Collage: Einige Scherenschnitte und Schneeflocken kleben an der Scheibe. Ein erster Versuch. Aber für ein «Adfänsterli» würde es dieses Jahr wohl noch nicht reichen.

Vergangenen Freitag kam es zu einem weiteren Höhepunkt. Wir sassen nach dem Abendessen auf dem Sofa und sangen Adventslieder, da klingelte es an der Wohnungstür. Überrascht rannten unsere Kleinen, um nachzuschauen, wer das sei. Treffsicher konnten sie die Gestalt benennen: «Samichlaus!», riefen beide entzückt, als die Wohnungstür aufging und Besagter vor ihnen stand. Es macht Spass, unseren Kindern diese Traditionen und Feste nahezubringen. Darauf hatten wir uns sehr gefreut: mit unseren Kindern die Adventszeit zu feiern. Und mit zwei Jahren sind sie in einem Alter, in dem sie tatsächlich bei vielem schon mitmachen können.

Feste und religiöse Rituale finden wir wichtig. Es war für uns auch selbstverständlich, dass unsere Kinder getauft würden. In unserem Freundeskreis sind wir damit in der Minderheit: Von vielen Eltern hören wir, dass sie ihre Kinder nicht in einer bestimmten religiösen Tradition grossziehen wollten. Die Kinder sollten später, wenn sie sich dem Erwachsenenalter nähern, selber entscheiden können, ob sie einen Glauben oder eine Religion annehmen wollten oder nicht.

Für meinen Mann und mich ist das nicht nachvollziehbar. Wir fragen uns: Wofür sollten sie sich denn entscheiden, wenn sie den Zauber der Geschichten, die Lieder und Feiern gar nicht erfahren konnten, die eine religiöse Tradition ausmachen? Zu Diskussionen zwischen uns kam es bei der Frage, ob sie von einem katholischen Priester oder einer reformierten Pfarrerin getauft werden sollten.

Pragmatisch haben wir Elternressorts zugeteilt: Mir fällt nun die primäre Entscheidungskompetenz für alle Bildungsfragen inklusive der religiösen und spirituellen Bildung zu, meinem Mann alle Fragen der Gesundheit. Mir ist’s recht: Für mich ist es etwas vom Schönsten, diesen Zauber unseren Kindern weitergeben zu dürfen. Und ich gehe viel lieber mit den Kindern ins Adventssingen als zur Varizellenimpfung.

Michael Braunschweig

Der Ethiker und Theologe hat mit seinem Ehemann zweijährige Zwillinge.