Kolumne

«Papa & Papi»-Kolumne: Wieso der Sohn Marxist werden soll

In seiner Kolumne «Papa & Papi» schreibt Ethiker Michael Braunschweig über das Elternsein mit seinem Mann und seinen Kindern. Diese Woche über den Trick, mit dem Eltern die gefürchtete Trotzphase gut überstehen.

Michael Braunschweig
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«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Michael Braunschweig (Bild: CH Media)

«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Michael Braunschweig
(Bild: CH Media)

Licht und Finsternis faszinieren derzeit unsere beiden Kinder besonders. Lichtschalter und Kerzen, der Blitz am Smartphone und die Warnleuchten am Herd müssen erkundet und erprobt werden. Ein Lieblingsspiel ist das Verstecken im dunklen Réduit. Es scheint eine Art Mutprobe zu sein: Abwechselnd versuchen sie möglichst lange in der dunklen Kammer zu bleiben und jauchzen dann vor Freude, wenn die Tür wieder aufgeht und das Licht einströmt.

Auch abends sitzen wir derzeit des Öfteren im Dunkeln beim Essen, weil die Kinder gerade testen müssen, ob Teigwaren, Brot, Käse, Joghurt oder was sie gerade zu Abend essen im Dunkeln anders schmeckt als unter Beleuchtung. Wenn wir Glück haben, dürfen wir eine Kerze anzünden. So können wir wenigstens intervenieren, wenn die Kinder vor Begeisterung wild gestikulieren und vergessen, dass vor ihnen auf dem Tisch ein volles Glas mit Milch steht.

Mitzuerleben, wie sich unsere Kinder entwickeln, löst bei uns immer wieder Staunen aus. Freudig erregt stürzen sie sich auf das neue Objekt und erkunden es in allen Dimensionen. Und wir freuen uns über die klugen Köpfchen, wenn zum Beispiel Töchterchen beim Blick aus dem Fenster am Nachthimmel den Mond erspäht und mit Selbstverständlichkeit konstatiert: «Der Mond ist aufgegangen», und andächtig in einen halbwegs erkennbaren Singsang verfällt.

Das Staunen ist ein wunderbares Phänomen – für die Kinder und für uns Eltern. Zu Recht bietet das Staunen seit jeher selber Anlass zum Staunen. Einige wollen im Staunen ja den Anfang von Erkenntnis, gar der Philosophie sehen. Das mag sein, wie es wolle, unser Söhnchen hat uns gerade mit seiner «Philosophie» zum Staunen gebracht. Denn offenbar testet er gerade, ob es wirklich ist, wie Hegel behauptet: dass es Fortschritt nur gibt durch Negation. Anders können wir uns nicht erklären, dass jeder unserer Vorschläge auf seiner Seite zu einer unmittelbaren Ablehnung führt. Frühstücken? Nein. Milch? Nein. Brot? (Notabene sein Lieblingsessen) Nein. Ein Besuch im Zoo? Nein. Zug fahren? Nein.

An Ausflüge oder andere Unternehmungen war in den letzten Tagen nicht zu denken. Es dauerte eine Weile bis wir herausgefunden hatten, dass Söhnchen sich offenbar im dialektischen Denken übte. Mittlerweile fragen wir nicht mehr, ob er etwas will, sondern formulieren gleich ein Verbot: Töchterchen darf Bus fahren, Söhnchen darf nicht. Und es funktioniert. Die Reaktion von Söhnchen ist zwingend wie die Negation der Negation in Hegels Logik und führt regelmässig zum erwünschten Resultat: Söhnchen geht nun wieder baden oder lässt sich helfen beim Schuhe-Anziehen. Nun hoffen wir, dass Söhnchen zum Marxisten wird. Das könnte den Streit um Besitz und Eigentum zwischen unseren Kindern in andere Bahnen lenken.

Michael Braunschweig

Der Ethiker und Theologe hat mit seinem Ehemann zweijährige Zwillinge.

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