Kolumne

Papa & Papi: Wie ich gegen Google im Kinderzimmer kämpfte – und den Kampf beinahe verlor

In seiner Kolumne «Papa & Papi» schreibt Ethiker Michael Braunschweig über das Elternsein mit seinem Mann und seinen Kindern. Diese Woche berichtet er, warum eines der Lieblingsrituale seiner Kinder plötzlich nicht mehr angesagt war.

Michael Braunschweig
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«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Michael Braunschweig

«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Michael Braunschweig

(Bild: CH Media)

Früher war alles in Minne. Nach dem abendlichen Bad und dem Zähneputzen zogen wir unseren Kindern das Pyjama an, tröpfelten das Vitamin D ein, legten sie ins Bett. Dann löschten wir das Licht und sangen miteinander Gutenachtlieder. Wenn mein Mann sie allein ins Bett brachte drei Lieder, wenn ich sie allein ins Bett brachte vier Lieder, und zwar in einer klar definierten Auswahl: «Weisst du, wie viel Sternlein», «Ich ghören es Glöggli», «Der Mond ist aufgegangen» und bei mir jeweils noch «Bleib bei mir, Herr, der Abend bricht herein».

Die Auswahl war geregelt wie in einer katholischen Messliturgie – wehe, man wollte sich bereits nach Nummer zwei verabschieden. Dann protestierten sie sogleich und wiesen darauf hin, dass noch nicht alles gesungen war, was zu singen sei.

Aber eben: Früher! Irgendwann kam mein Mann auf die glorreiche Idee, ihnen zum Einschlafen nicht selber vorzusingen, sondern das Gutenachtlied mit dem Smartphone vorzuspielen. Eigenmächtig und ohne mich zu informieren, spielte er ihnen Youtube-Filmchen vor. Die Begeisterung war natürlich gross. Jedenfalls bei den Kindern.

Ich erfuhr erst viel später davon, als ich sie einmal selber ins Bett brachte. Kaum hatte ich «Weisst du, wie viel ...» angestimmt, wurde ich von Söhnchen unterbrochen: «Nicht singen!» Völlig irritiert fragte ich, warum. Töchterchen erklärte: «Filmli luege wie mit em Papi.» Ich wusste zuerst gar nicht, was sie meinten, und stellte richtig, dass wir im Bett noch nie Filmchen geschaut hätten, worauf Söhnchen energisch versuchte zu erklären, dass Papi ihnen Filmchen gezeigt hatte.

Ich liess mich nicht erweichen und konnte sie nach einigem Hin und Her zum Singen umstimmen. Danach stellte ich meinen Mann zur Rede. Er hatte Verständnis für meinen Unmut über die Smartphone-unterstützte Sedierungspraxis, und wir einigten uns darauf, das Smartphone abends im Kinderzimmer nicht mehr zum Einsatz zu bringen.

Doch offenbar hatten sie sich an den neuen Standard bereits gewöhnt und forderten ihn nun ein. Bald einmal sollte wieder ich sie ins Bett bringen. Als ich zum Singen ansetzen wollte, heulten sie auf: «Nicht Papa! Nicht singen! Papi soll uns ins Bett bringen.» Sie wiesen mich richtiggehend zurück. Meinerseits wollte ich mich an die Abmachung halten und sang weiter. Allerdings nicht lange – das Protestgeheul der Kinder übertönte alles. Sie liessen sich nicht beruhigen und schickten mich aus dem Zimmer.

Dieser Preis war mir zu hoch. So blieb mir nichts übrig, als klein beizugeben. Ganz nach der Devise, Betroffene zu Beteiligten zu machen, suchten wir den Kompromiss: Ein Filmchen, ein Lied, das ist nun der neue Standard. So hat Google leider auch unser Kinderzimmer erobert – immerhin können wir uns damit trösten, den Algorithmus mit wertvoller Kinderliederliteratur zu erziehen.

Michael Braunschweig

Der Ethiker und Theologe hat mit seinem Ehemann zweijährige Zwillinge.

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