Kolumne

Papa & Papi: Auch Kinderliebe geht durch den Magen

In seiner Kolumne «Papa & Papi» schreibt Ethiker Michael Braunschweig über das Elternsein mit seinem Mann und seinen Kindern.

Michael Braunschweig
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Das derzeitige Lieblingsgetränk unserer Kinder sieht aus wie Erbrochenes. Sie lieben es. Uns aber lässt der Anblick jedes Mal erschaudern. Und viel mehr noch die Vorstellung, dieses Gesöff, das aussieht, wie wenn es frisch aus dem Mageninneren im Becher gelandet wäre, auch noch zu trinken. Die Kinder zelebrieren es richtiggehend – und ja, unser «grusig!» und «igitt, igitt!» bestärkt sie natürlich noch darin. Schon am Morgen möchten sie den Tag als Erstes mit diesem Gebräu starten. Dabei geben sie jeweils exakte Anweisungen, an die wir uns minuziös zu halten haben: In einen Becher zuerst ein wenig Rivella, dann Milch und schliesslich noch einen Schluck «Chrüseliwasser». Mit der Begeisterung junger Naturforscher kommentieren sie dann jeweils mit einem schalkhaften Lächeln: «Das wird grusig.»

Sie ahnen richtig: Die Säure im Becher hat auf die Milchproteine denselben Effekt wie die Säure im Magen. Die Proteine denaturieren und fallen aus. In feinen Klümpchen sammeln sie sich an der Oberfläche des Bechers und sehen aus, wie Milch im Magen halt aussieht. Eben: igitt. Überhaupt lassen die Ernährungsgewohnheiten unserer Kinder ein wenig zu wünschen übrig.

Besonders Söhnchen weigert sich standhaft, Gemüse in jedweder Form zu konsumieren. Seit wir mit dem Brei aufgehört haben, ist er kaum mehr für grüne Kost zu begeistern. Jedenfalls bei uns Eltern nicht. Glaubt man den Berichten in der Kita, isst er dort jeweils ganz ordentlich seine Gurken, Peperoni und, ja, sogar Salat. Zu Hause kennt sein Speiseplan aber – abgesehen von gelegentlichen ­Joghurts – eigentlich nur eines: Stärke. Dabei ist er gar nicht wählerisch. Egal ob Pasta, Reis, Spätzli, Mais oder Ebly – die Stärkebeilage ist bei ihm alles, nur nicht Beilage.

Töchterchen beweist mehr Neugierde beim Essen. Sie probiert alles und mag das meiste auch. Sie kann gefühlte Stunden noch am Tisch sitzen und dies und das genüsslich und in kleinen Bissen probieren, während Söhnchen längst wieder durch die Wohnung rennt. Essen scheint bei ihr überhaupt eine wichtige Rolle zu spielen, und Kochen ist derzeit auch ihr liebstes Rollenspiel. Sorgfältig reiht sie dann jeweils eine Schulklasse von Stofftieren an der Wand auf. Und verköstigt sie der Reihe nach mit Leckereien.

Lustigerweise assoziieren beide Kinder bestimmte Gerichte mit unterschiedlichen Personen: Oma ruft bei Söhnchen den Ruf nach Risotto hervor, Opa hingegen steht für Guetsli und als kürzlich Grosmami und Grosspapi zu Besuch waren, stiess es aus Töchterchen hervor: «Ich wett Fischli ässe.» Zwei Wochen zuvor waren wir bei ihnen zu Egli- Knusperli eingeladen, die sich ihr offenbar ins Herz gebrannt haben. Liebe geht eben durch den Magen. Zum Glück sieht man es ihnen meistens nicht an.