Wein
Paul Liversedge: Feine Weine von feinen Jahrgängen

So manche Leute schreiben so viel über Wein . . . Ich liebe Wein und könnte es mir nicht vorstellen, ohne ihn zu leben. Doch manchmal langweile ich mich über die subjektiven Ausschweifungen und Brückenschläge von Journalisten.

Drucken
Der Autor ist Master of Wine und betreibt das Weinhandelsgeschäft Real Wines.

Der Autor ist Master of Wine und betreibt das Weinhandelsgeschäft Real Wines.

Was ich damit meine? Manchmal denke ich, dass Weinjournalisten und Wein-Profis sich allzu wortreich um Nebensächlichkeiten kümmern. Die Schlüsselfrage für die Konsumenten lautet doch: Welchen Wein sollen sie kaufen und welche sind zum gegenwärtigen Zeitpunkt für den Genuss geeignet?

Diese Frage wird mir als Weinhändler oft gestellt – und meine Antwort ist ganz einfach: Schauen Sie zuerst auf den Jahrgang! Und dann auf den Produzenten. Wer diese Kombination einhält, liegt nie daneben. Der Jahrgang ist der wichtigste Richtwert für die Weinqualität und den Charakter des Produkts in allen Weinregionen – selbst in wärmeren Überseeländern wie Kalifornien oder Australien. Welche Jahrgänge sind nun die Besten für den sofortigen Genuss?

In Frankreich war 2009 ein grosser Jahrgang für Rotweine – warm und sonnig, was ihnen eine perfekte Fruchtfülle, feine, aber feste Tannine und einen ziemlich hohen Alkoholgehalt verlieh. Wunderschön zu trinken sind jetzt die «Village»- oder «1erCru»-Weine von allen grossen Produzenten im Burgund, Syrahs aus dem nördlichen Rhône-Gebiet von St Joseph oder Crozes Hermitage und – bewährt – «Petit château»-Bordeaux.

Französische Weissweine mit Jahrgang 2007 sind selten eine Enttäuschung. Burgunder, Bordeaux – trocken und süss – sowie Rieslinge aus dem Elsass, sie alle verfügen über einen lebhaften Kern an Säure, die den Weinen Frische und Jugendlichkeit verleihen. 1er-Cru-Chablis, Chassagne- oder Puligny-Montrachets von Spitzenproduzenten entwickelten eine wundervolle Komplexität. Die Elsässer Rieslinge entwickeln zusätzlich eine Petrolkomponente, welche die köstlichen Zitronen- und Limonen-Aromen herausarbeitet. Und die süssen Weine aus Sauternes mit ihrer Tiefe an Marmelade- und Honigaromen sind zum Sterben schön.

Deutsche Rieslinge und österreichische Grüne Veltliner des Jahrgangs 2011 sind hinreissend frisch und fruchtig, mit lebhafter Säure und ausgeprägtem Fruchtgeschmack. Der trockenere Stil des deutschen Rieslings braucht etwas mehr Zeit in der Flasche, die moderate Süsse der Kabinett- und Spätlese-Weine wirkt als perfekte Verpackung für die reichliche Säure und macht den Wein zum Genuss – ab sofort und den ganzen Sommer hindurch. Grüner Veltliner dieses Jahrgangs besitzt den Charakter von Pfirsichstein und weissem Pfeffer, mit perfekt ausgewogenen Frucht- und Säureanteilen.

Generell ist das für den Jahrgang alles entscheidende Wetter in der Neuen Welt beständiger als in der Alten. So war der Jahrgang 2009 in Kalifornien beeindruckend – mit grosser Fruchtdichte und -reife, samtigen Tanninen bei den Cabernets von Napa und Santa Cruz. In Südaustralien war 2010 der beste Jahrgang seit 2002; Barossa Shiraz von allen Spitzenproduzenten ist reicher und schokoladiger als üblich. Und da ist Chile, das möglicherweise das idealste und beständigste Klima für das Wachstum der Trauben hat. Hier können Sie mit keinem Jahrgang falsch liegen – egal ob weiss oder rot.

Aktuelle Nachrichten