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Interview

ETH-Experte relativiert: «Plastikproblem ist ein Medienhype»

Alle reden von der Plastikvermüllung. Wale und Seevögel ersticken am Kunststoff, der in den Meeren schwimmt. Trotzdem hält ETH-Professor Bernhard Wehrli die Klimaerwärmung und Pestizide für gefährlicher.
Bruno Knellwolf
Vor allem in China wandert der ganze Plastikabfall ins Meer – und in den Mägen der Seevögel. (Bild: Getty)

Vor allem in China wandert der ganze Plastikabfall ins Meer – und in den Mägen der Seevögel. (Bild: Getty)

Herr Wehrli, wenn Sie ein Ranking der grössten Gefahren für die Meere erstellen müssten, wo läge das Plastik?

Der Ozean wärmt sich auf, der Meeresspiegel steigt. Die Wärme zerstört die Korallenriffe, und diese sind die Biodiversitäts-­Hotspots der Meere. Verglichen damit ist das Plastikproblem ­sekundär. Aber es betrifft charismatische Arten: Seevögel, Robben und Delfine. Deswegen denke ich, dass das Plastik zu einem Medienhype geworden ist. Umweltorganisationen behaupten, Plastik enthalte giftige Stoffe, die in die Nahrungskette gelangten. Das stimmt so nicht. Plastik akkumuliert nicht in der Nahrungskette. Dagegen haben sich gefährliche organische Chemikalien wie Lösungsmittel, Pestizide, Herbizide, die schwer abbaubar sind, angereichert. Und auch Quecksilber über Jahrzehnte in Thunfischen. Plastik ist dagegen kein Giftstoff.

Seit wann spricht man über die Plastikvermüllung?

In den 1970er-Jahren erschienen die ersten Berichte über Plastik im Ozean und über Seevögel, die Kunststoff im Magen hatten. Bis vor zwanzig Jahren blieb das aber ein Randphänomen. Die britische «Royal Society» erkannte 2009 als erste die Problematik. Sie zeigte, dass immer mehr Plastik im Meer landet. Dass Seevögel Plastik fressen und verhungern, wenn sie deswegen einen vollen Kropf haben. Dass sie Küken mit Plastikteilchen füttern, weil die Tiere diese künstlichen Materialien nicht kannten.

Bald wurde auch von Plastik-Teppichen gesprochen.

Ja, vom Phänomen, dass Plastikteile wandern und wie Schiffe an fremden Küsten landen und so exotische Arten einschleppen. Zum Beispiel Krankheitserreger an der australischen Küste. Später berichteten Segler über Plastik-Patches. Plastik, das in Wirbeln gefangen ist und mitten im Ozean auftaucht. Meeresströmungen kanalisieren das Plastik und verschmutzen die Strände weltweit.

Hat das in den letzten Jahren deutlich zugenommen?

Ich bin davon überzeugt, dass man das nicht weiss. Aber Plastik­abfall ist leicht sichtbar und macht die Menschen betroffen. Mit dieser Aufmerksamkeit hat die Forschung in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Zuvor war Plastik kein wissenschaftliches Thema, nicht sexy.

Und heute?

Es werden Methoden erarbeitet, um die Plastikteile zu erfassen. Die grossen, aber auch die kleinen Teile, was sehr schwierig ist. Sind die Partikel kleiner als fünf Millimeter, spricht man von Mikroplastik. Es kommt zum Beispiel über Kosmetik oder das Waschen der Kleider in die Gewässer. Also über die Waschmaschine. Deshalb wird an neuen Waschmaschinen geforscht, welche diese Mikroteilchen beim Waschen separat rausnehmen.

Wie gefährlich ist Mikro­plastik?

Darüber wurde viel debattiert. Eine internationale Meta-Analyse zeigte, dass diese kleinen Partikel nicht sehr gefährlich sind für Wasserorganismen. Wenn diese neuen Partikel zunehmen, schaffen sie aber eine Konkurrenz zu Algen. Mikroplastik als eine Art Ballaststoff ohne Nährwert. Allerdings gibt es hierbei oft Verwechslungen und zwar zwischen Mikroplastik und löslichen Polymeren.

ETH-Professor Bernhard Wehrli.

ETH-Professor Bernhard Wehrli.

Inwiefern?

Lösliche Polymere kommen aus dem Duschgel oder Shampoo. Das sind im Gegensatz zu Mikropartikeln lösliche Substanzen und somit Mikroschadstoffe wie Arzneimittel und Pestizide. Solche löslichen Substanzen können problematisch sein, weil sie zum Beispiel an Kiemen anhaften.

Und die grossen Plastikteile?

Es gibt kaum mehr Meeres-Seevögel, die keine Plastikteile im Magen tragen. Seevögel tauchen sehr schnell ab und packen alles, was glitzert und glänzt. Dabei können sie nicht unterscheiden, ob das ein Fisch ist oder ein Plastikteil. Das ist sogar in der Arktis so und somit ein weltweites, problematisches Phänomen.

Gibt es Plastik-Hotspots?

Ja. Es gibt Abschätzungen aufgrund des Plastikverbrauchs eines Landes und des Eintrags durch dessen Flüsse. Die zeigen, dass die grossen Einträge über asiatische Flüsse laufen. Vor allem in China, weil das Plastik-Management nicht funktioniert, viele Menschen dort leben und die Industrie brummt. Die meisten europäischen Länder haben das einigermassen im Griff. Auch die Schweiz, weil bei uns das Plastik verbrannt wird und PET-Flaschen recycelt werden. Es kommt nur in die Flüsse, was die Leute wegwerfen – wegen Litterings.

Welche Wege geht das Plastik?

Im nordpazifischen Ozean gibt es Kreislaufsysteme, welche das Plastik befördern. Es gibt aber auch geschlossene Meere ohne Ausgang. Das Mittelmeer zum Beispiel. Das Wasser verdunstet, der Wasserabfluss in den Atlantik läuft am Meeresboden entlang, das schwebende Plastik bleibt im Mittelmeer gefangen. Es gibt dabei zwei heikle Quellen: Zum einen den Tourismus. Zum anderen die Gewächshäuser aus Plastikfolien in Südspanien. In der Sonne zerfällt dieses Plastik, zerbröselt, wird nicht fachgerecht entsorgt und landet schliesslich im Meer. Von den Massenbilanzen her weiss man, dass viel Plastik auf den Meeresgrund absinkt und sich in den Sedimenten einbaut. Das Meer reinigt sich selber auf lange Sicht. Damit das zum Tragen kommt, muss die Zufuhr kleiner werden als der Export ins Sediment.

Die EU will Plastik zum Teil verbieten.

Es ist wichtig, dass die EU etwas unternimmt, weil sie eine Hauptproduzentin von Plastik ist. Auch die Schweiz hat eine wirtschaftlich wichtige Plastikwirtschaft. Ob die Plastik-Strohhalm-Politik das Gelbe vom Ei ist, bezweifle ich. Man reguliert das, was am leichtesten zu ersetzen ist. Man kann den Cocktail auch aus dem Glas trinken. Diese Massnahme trifft die Industrie nicht sehr hart, hat aber Symbolwert. Irgendwo muss man ja anfangen.

Gibt es noch andere Bestrebungen?

Die EU hat auch die Zielsetzung, das Plastik-Recycling zu verbessern. Da gibt es Fortschritte. Bis 2030 sollen 55 Prozent des Plastiks wieder verwertet werden. Da hinkt die Schweiz deutlich hinterher. Wir recyceln nur PET.

Was könnte weiter helfen?

Am meisten Plastikmüll entsteht durch Einweg-Verpackungen. Da gibt es zwei Auswege: Man macht die Verpackung stabil und wieder verwendbar. Das ist teurer. Oder man geht den anderen Weg und versucht, den Plastikverbrauch zu vermindern. Es gibt aber dafür nicht so viele ökonomische Anreize, weil Plastik sehr billig ist.

Wie steht es um die Forschung an Alternativen zu Plastik?

Es gibt zwei Schienen von Innovationen: Zum ersten will man das Erdöl ersetzen. Nachhaltig gewachsenen Plastik erstellen. Zum Beispiel aus Maisstärke. Zum zweiten will man Plastik herstellen, der biologisch abbaubar ist. Kompostierbare Säckli. Es gibt auch Trinkbecher, die biologisch abbaubar sind. Aber die sind noch nicht thermisch stabil und schmelzen, wenn Sie einen heissen Kaffee hineinleeren. Funktionalität und Abbaubarkeit zu haben, ist eine Herausforderung. An der ETH Zürich forscht ein Kollege an Folien für die Landwirtschaft, die sich nach der Ernte abbauen.

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