Ich fand die Lockdown-Zeit wunderschön – Muss ich deswegen ein schlechtes Gewissen haben?

Der 11. Mai ist für viele ein Feiertag. Endlich dürfen die Kinder wieder in die Schule! Endlich können wir wieder auswärts essen! Dabei geht schnell vergessen, wie schön doch die ausgedehnte Familienzeit war.  

Etienne Wuillemin
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So viel gemeinsame Zeit wie noch nie: Vielleicht vermissen wir die Zeit des Lockdowns schon bald.

So viel gemeinsame Zeit wie noch nie: Vielleicht vermissen wir die Zeit des Lockdowns schon bald.

Symbolbild: Keystone

Endlich! Die Kinder gehen in die Schule. Restaurants dürfen Gäste empfangen. Und sogar Sport treiben ist unter Auflagen wieder möglich. Die Freude ist gross. Der 11. Mai 2020 ist für viele ein Feiertag. Acht Wochen Lockdown sind überstanden. Acht Wochen, in denen nichts mehr war, wie wir es kennen. Acht Wochen, in denen wir Corona nicht selten ins Pfefferland gewünscht hätten, gefangen irgendwo zwischen Home-Office und Home-Schooling. Ein kleines bisschen Normalität ist zurück – zumindest ein Anfang ist gemacht.

Doch der Anfang bedeutet auch ein Ende. Eines, das mich ein bisschen sentimental stimmt. Es ist das Ende einer wunderbaren Zeit für viele Familien. Acht Wochen waren wir immer beieinander, immer füreinander da. Gewiss, es gab keine Alternative. Gewiss, die Tage waren häufig mit Stress verbunden. Und natürlich gibt’s Streit, mal leiser, mal lauter, «drei Mal war es ziemlich heftig», rechnet der ältere Sohn vor. Doch kaum sind die acht Wochen Ausnahmezustand vorbei, wird einem bewusst: Vielleicht ist eine Zeit zu Ende, die in dieser Form nie mehr wieder kommt.

Welch' wunderbare Dinge: Spaziergänge, Velo-Touren, Spiele am Abend und eine grossartige Netflix-Serie

Wenn das Leben zum Stillstand verkommt, halten wir uns kleinen Dingen fest. Wir bauen uns tägliche Routinen. Gemeinsames Aufstehen. Gemeinsames Essen. In der Mittagspause die neuste Episode der Netflix-Serie über Basketball-Ikone Michael Jordan schauen (und die Leidenschaft für den Sport schärfen). Ausgedehntes Bücher-Vorlesen. Viele Spaziergänge oder Velotouren.

Abends das tägliche Brändi Dog oder Yatzy. Und immer mal wieder einfach da sein, nichts tun, einander beim Leben zuschauen. So, wie das ewig nicht mehr möglich war, weil die Wochen immer wieder von neuem vorbei gerauscht sind.

Und natürlich: das gemeinsame Erleben von Schule und Kindergarten – ja, Mami und Papi waren plötzlich auch Lehrerin und Lehrer, daran mussten sich die Söhne gewöhnen, aber so schlimm war es gar nicht. Vielleicht lag das auch an den ausgedehnten Pausen. Ein Ersatz fürs Basketballspielen in der grossen Pause ist es zwar nicht, aber um 10 Uhr eine Viertelstunde Badminton spielen mit Papi auf dem Garagenplatz ist auch nicht schlecht.

Ja, die Tage haben sich geglichen. Aber sie haben die Familienbande zusammengeschweisst. So sehr wie nie zuvor. Und darum geht jetzt, wo die Schulen wieder offen sind, auch etwas verloren.

Darf man so denken? Oder braucht es ein schlechtes Gewissen?

Doch darf man das überhaupt, einer Zeit nachtrauern, in der unsere Wirtschaft grössten Schaden genommen hat, so dass viele Arbeitsplätze verloren gegangen sind? Einer Zeit, in der geliebte Menschen wegen eines Virus tagelang im Spital bleiben mussten, vielleicht sogar gestorben sind?

Ich finde, niemand braucht ein schlechtes Gewissen zu haben wegen der eigenen Familienidylle. Man muss ja die Auswirkungen des Coronavirus nicht gegeneinander ausspielen. Wer als Familie dankbar ist für die vielen gemeinsamen Momente, kann sich trotzdem Gedanken zur eigenen Zukunft oder jener der Gesellschaft machen, es wird wohl nicht ohne Sorgen gehen. Darum sind die Erinnerungen an die Zeit während des Lockdowns ein wertvoller Schatz.

Mit ziemlicher Sicherheit wird unser Bewusstsein diese letzten acht Wochen sogar je länger je mehr verklären – egal. Denn irgendwann, wenn Corona schon längst besiegt ist, und wir realisiert haben, dass sich die Welt eben doch nicht so sehr verändert hat, wie uns das manch ein Zukunftsforscher jetzt vorgaukelt, schaue ich gerne mit einem Lächeln zurück. Im Wissen: Die Familienzeit von damals, sie fehlt.

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