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Kolumne

Projekte, Events und Experimente

Heute müsse das Miteinander immer ein Projekt oder ein Event sein, schreibt unsere Sonntagskolumnistin und findet das traurig.
Blanca Imboden
Blanca Imboden, Schriftstellerin.

Blanca Imboden, Schriftstellerin.

«Living Library», las ich im Internet und wurde neugierig. Eine lebende Bibliothek? Darunter konnte ich mir wenig vorstellen. Ich dachte schon an Kino oder Theater. «Living Library» geht noch ein paar Schritte weiter. Nun, vielleicht ist das für Sie ja längst ein alter Hut. Ich hatte noch nie davon gehört, bin halt ein Landei. Inzwischen weiss ich, dass viele Schweizer Städte solche Events regelmässig durch­führen.

Unter dem Titel «Living Library» konnte man Ende März in der Bibliothek in Zug statt eines Buches einen lebenden Menschen für eine Unterhaltung «ausleihen».

Im Angebot waren unter anderem eine Sterbebegleiterin, eine Asylbetreuerin, eine indische Köchin oder ein Obdachloser.

Der Anlass wurde vom Kantonalen Sozialamt mitorganisiert, anlässlich der internationalen Woche gegen Rassismus. Ja, es ging in erster Linie um den Abbau von Vorurteilen. Wenn man plötzlich mit Menschen ins Gespräch kommt, denen man sonst wahrscheinlich nicht einmal begegnen würde, kann das natürlich geistige Horizonte erweitern, sofern man dafür offen ist.

Heute plaudert man nicht mehr einfach so

Trotzdem ist es eigentlich verrückt, dass man solche Events organisieren muss. Diese Menschen wären sicher auch im Alltag gesprächsbereit, im Zug oder im Café, aber man spricht sich ja heute nicht mehr an, plaudert nicht mehr einfach so, kommt nur schwer ins Gespräch. Darum macht man jetzt einen Event daraus. Einen sehr spannenden, erfolgreichen Event übrigens, wie ich mir erzählen liess.

Mit grossem Interesse verfolgte ich das berührende Fernsehexperiment von VOX, «Wir sind klein und ihr seid alt». Man brachte zehn Vierjährige mit zehn Hochbetagten zusammen, sechs Wochen lang, jeden Tag, und beobachtete genau, welche Veränderungen in ihnen vorgingen. Die Alten wurden immer mobiler, fröhlicher und lebendiger. Die Kleinen lernten Rücksicht­nahme und Hilfsbereitschaft, hatten teilweise erstmals Kontakt zu Senioren.

Die Schuldigen sind wir

Die Erkenntnisse aus dem sehenswerten Fernsehexperiment wurden gehörig bejubelt.

Wusste man denn bisher wirklich nicht, dass es das Beste wäre, wenn die Generationen den Draht zueinander nicht verlieren würden?

Die meisten der Alten hatten Grosskinder, aber keine Beziehung zu ihnen. Besonders schlimm fand ich, dass die Senioren in einer Alterssiedlung wohnten, sich alle total einsam fühlten, und sich überhaupt nicht kannten, nicht einmal flüchtig. Zwei Teilnehmerinnen wohnten direkt übereinander. Eine Dame bewunderte täglich die Blumenpracht auf dem Balkon unter ihr. Trotzdem hatten sie noch nie miteinander geplaudert.

Heute muss das Miteinander immer ein Projekt sein, eine Studie, ein Event. Anders bekommen wir es nicht mehr auf die Reihe. Das ist traurig. Und da man in der heutigen Zeit immer für alles einen Schuldigen braucht, suche ich ihn natürlich auch bei diesem Thema. Und wissen Sie was? Ich glaube, die Schuldigen sind wir.

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