PROVENCE: Velofahren wie Gott in Frankreich

In der Gruppe und doch im eigenen Tempo unterwegs sein, durch Städte und Dörfer schlendern und abends bei Sterneköchen tafeln – dies alles bietet eine Veloreise.

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Anhalten und schauen. Immer wieder verleiten malerische Aussichten – wie hier auf das Dörfchen Gordes – dazu, das Velo auch einmal stehenzulassen. (Bild: Karin Erni)

Anhalten und schauen. Immer wieder verleiten malerische Aussichten – wie hier auf das Dörfchen Gordes – dazu, das Velo auch einmal stehenzulassen. (Bild: Karin Erni)

Text und Bilder Karin Erni

Es gibt wohl kaum etwas Schöneres, als eine unbekannte Landschaft mit dem Velo zu entdecken. Das Tempo ist gemächlich. Düfte, Sonne und Wind beleben die Sinne und hinterlassen bleibende Eindrücke. Und das Allerschönste: Am Abend stellt sich das gute Gefühl ein, etwas geleistet zu haben.

Letzteres ist ein wichtiges Argument für die Art von Veloreisen, die der Schweizer Veranstalter Velowelten anbietet. Inhaber Stefan Lanz hat sich zum Ziel gesetzt, den Gästen nicht nur reisetechnisch, sondern auch kulinarisch das Beste anzubieten. In Gruppen von maximal acht Personen radeln die Teilnehmer durchs Burgund, das Elsass, das Périgord oder wie auf dieser Reise durch die Provence, mit dem Ausgangspunkt Avignon. Gespeist wird mehrfach in mit Michelin-Sternen dekorierten Lokalen. Für die neue Saison plant Lanz zusätzlich spezielle Events, wie beispielsweise ein gemeinsames Kochen mit Spitzenköchen.

Eine Genuss- und eine Sportroute

Velofahren in der Gruppe kann durchaus Spass machen. Meist ist es jedoch eher nervig, sich den lieben langen Tag nach den Mitreisenden richten zu müssen. Das Tempo der einzelnen Fahrer ist erfahrungsgemäss unterschiedlich, und die Bedürfnisse variieren. Während die einen am liebsten sportlich durch die Gegend pedalen, wollen andere jede Sehenswürdigkeit besuchen und möglichst viel von Land und Leuten sehen.

Stefan Lanz hat für dieses Problem eine smarte Lösung gefunden. Jeder Reiseteilnehmer bekommt ein eigenes GPS-Gerät an den Lenker geschraubt. Darauf sind die möglichen Strecken – in der Regel je eine Genuss- und eine Sportroute – gespeichert. Nachdem der «Start»-Button gedrückt ist, lotst der Pfeil auf dem Display die Fahrerin sicher durch die Gegend. Man macht Pause, wo es einen grad gelüstet, oder besucht eine der zahlreichen «Sites», Sehenswürdigkeiten, die an der Strecke liegen.

Per GPS ins Restaurant

Das GPS-Gerät ist schnell erklärt. Nun gilt es, spielerisch eine erste praktische Prüfung zu absolvieren. Vom Lokal, in welchem die Gruppe an diesem Abend zum Essen angemeldet ist, sind die Koordinaten bereits im Gerät gespeichert. Nun gilt es, das Ziel aufzuspüren. Die Teilnehmer kurven durch die Strassen von Avignon, den Blick konzentriert auf das Display fixiert. In den engen Gassen sei es schwierig für das Gerät, Satellitenkontakt zu halten, erklärt Stefan Lanz. «Morgen im freien Gelände werdet ihr es viel einfacher haben.»

Am nächsten Morgen geht das Abenteuer richtig los. Nach einer erholsamen Nacht hinter den dicken Mauern des imposanten Cloître Saint-Louis, eines mondän umgebauten ehemaligen Klosters, steigen die Reisenden auf ihre Velos. Diese hat Stefan Lanz bereits zwei Tage zuvor samt Gepäck bei den Teilnehmern zu Hause abgeholt und nach Südfrankreich transportiert.

Ein Städtchen wie ein Adlerhorst

Mit jedem Tritt in die Pedale verschwindet die Stadt Avignon mit ihren 90 000 Einwohnern weiter am Horizont, der Weg führt über wenig befahrene Landsträsschen nach L’Isle-sur-la-Sorgue. Im hübschen Städtchen ist gerade Markt. Wer genug vom munteren Treiben hat, besichtigt die bekannten Mühlräder am Flüsschen Sorgue.

Sanft ansteigend führt der Weg anschliessend nach Gordes – gemäss Tafel am Strassenrand eines der schönsten Dörfer Frankreichs. Das mittelalterliche Städtchen thront wie ein Adlerhorst über der Ebene. Weil die Muskeln noch relativ frisch sind, fahren einige zum nahe gelegenen Zisterzienserkloster Abbaye de Sénanque. Von dort bietet sich eine eindrückliche Aussicht über die heute zurückgelegte Strecke. Das GPS führt die Velofahrer anschliessend sicher zum Tagesziel, der Auberge de Carcarille. In der Hofeinfahrt mit ihren surreal zugeschnittenen Zypressen fühlt man sich ein bisschen wie Alice im Wunderland. Im Hotel empfängt einen dann aber glücklicherweise kein sprechendes weisses Kaninchen, sondern ein knisterndes Kaminfeuer und eine warme Dusche.

Die beste Köchin der Provence

Am nächsten Morgen führt das Gerät die Pedaleure auf einem gewundenen Strässchen nach Roussillon, einer weiteren provenzalischen Perle. Die Stadt, die auf einem ockerfarbenen Fels erbaut wurde, ist bekannt für die Farbpigmente, die daraus gewonnen werden. Auf dem Lehrpfad durch einen ehemaligen Ockerbruch erfährt man einiges über die Gewinnung der farbigen Erde und deren Verwendung. Wer durch die engen, verwinkelten Gassen mit ihren typisch provenzalischen Farbkompositionen streift, weiss nun, wo viele der typischen Postkartenansichten entstanden sind.

Nach Apt, einem kleinen Landstädtchen, windet sich die Strasse gemächlich nach Bonnieux hinauf, um in einer rasanten Abfahrt durch die Combes de Lourmarin ans heutige Etappenziel zu führen. Die gediegene Auberge la Feniere markiert gleichzeitig den kulinarischen Höhepunkt der Reise. Am Herd steht mit Reine Sammut die beste Köchin der Provence. Manche der Gäste haben einen noch weiteren Weg als wir zurückgelegt, um hier zu speisen.

Entspannt retour

Am nächsten Tag führt die Genusstour entlang der Durance zur Abbaye de la Silvacane, einem Zisterzienserkloster aus dem 11. Jahrhundert. Ein Strässchen schlängelt sich durch einen Pinienwald bis nach Aix-en-Provence. Originell dann der kulinarische Schlusspunkt: Weil das bekannte Restaurant des Kochkünstlers Pierre Reboul gerade umgebaut wird, speisen wir im «Petit Pierre», einem Gewölbekeller dekoriert mit buntem Kindermobliar. Das Essen «façon grand pere» ist aber durchaus erwachsen und schmeckt hervorragend.

Am Tag der Heimreise strecken die Velofahrer die Beine bequem im TGV aus – ihr Gepäck und die Drahtesel sind längst im Bus verstaut und unterwegs in die Schweiz.

Provence: Vorbei an Klöstern und Weingütern

Unterwegs Von der Papststadt Avignon mit ihren Palästen und dem bekannten Pont führt die Veloreise durch den lieblichen Gebirgszug des Luberon. Unterwegs gibt es historische Städtchen wie Gordes, Roussillon, Bonnieux oder Lourmarin zu entdecken. Empfehlenswert ist die Besichtigung der Klöster, etwa die Abbaye de Sénanque oder die Abbaye de Silvacane.

Verschiedene Weingüter an der Route bieten Führungen und Degustationen an. Beeindruckend ist das Bio-Weingut Château La Coste mit dem vom Stararchitekten Jean Nouvel entworfenen, futuristischen Gewölbe. Es ist gleichzeitig ein Zentrum für moderne Kunst. Die lebendige Stadt Aix-en-Provence zieht die Besucher mit ihren Barockbauten, Strassen, Plätzen und Brunnen in Bann.

Hinweis

Die nebenstehende Reportage entstand aufgrund einer Pressereise, zu der «Velowelten, Genuss erfahren», Zürich, eingeladen hatte. Die beschriebene Tour ist die verkürzte Variante der siebentägigen Veloreise durch die Provence. Die Anreise erfolgte mit dem Zug, ab Genf mit dem TGV. www.velowelten.ch

Lavendel und Seife gibt es in Aix-en-Provence an jeder Ecke. (Bild: Karin Erni)

Lavendel und Seife gibt es in Aix-en-Provence an jeder Ecke. (Bild: Karin Erni)

Süsse Verführungen locken ins «Comptoir de Mathilde». (Bild: Karin Erni)

Süsse Verführungen locken ins «Comptoir de Mathilde». (Bild: Karin Erni)

Die Farben des Südens leuchten in den Gässchen von Roussillon. (Bild: Karin Erni)

Die Farben des Südens leuchten in den Gässchen von Roussillon. (Bild: Karin Erni)

Mit dem E-Bike wird die Tour auch für Unsportliche zum Kinderspiel. (Bild: Karin Erni)

Mit dem E-Bike wird die Tour auch für Unsportliche zum Kinderspiel. (Bild: Karin Erni)