Gesundheit: Muss der Zeh wirklich amputiert werden?

Mein Vater (78) hatte ein Hühnerauge, das er von der Fusspflege entfernen liess. In der Folge entzündete sich die Wunde sehr schmerzhaft. Nach einem Röntgen empfahl ein Spitalarzt eine Amputation, obwohl die Wunde nach langer Therapie verheilt ist. Die Schmerzen sind geblieben. Gibt es Alternativen zur Amputation?
Dr. Med. Francesco Marra,
Zehen unter der Bettdecke. (Bild: Imago)

Zehen unter der Bettdecke. (Bild: Imago)

Hühnerauge (Clavus, Krähenauge, Leichdorn) ist sehr häufig. Besonders betroffen sind Frauen, Rheuma- und Diabetespatienten. Auch ein Hühnerauge an einem Zeh ist keine Seltenheit. Ein Clavus kann sich sogar an den Gelenken oder unter den Zehennägeln bilden. Hühneraugen und Warzen können einander ähneln. Der erfahrene Fusspfleger oder Arzt erkennt den Unterschied aber sofort.

Ein Hühnerauge entsteht, wenn Haut, die über einen Knochen gespannt ist, dauerhaft hohem Druck oder Reibung ausgesetzt ist. Die häufigste Ursache ist das Tragen zu enger Schuhe. Vor allem knappe, drückende Schuhe wie High Heels oder enge Schuhe aus hartem Leder wie spitze Stiefel sind gefährlich. Aus diesem Grund haben Frauen auch häufiger Hühneraugen als Männer.

Neben unpassendem Schuhwerk begünstigen Fehlstellungen der Füsse und Zehen die Entstehung von Hühneraugen.

Trockene Haut, eine gene­tische Veranlagung zur Hornhautbildung und bestimmte Stoffwechselerkrankungen sind ebenfalls Risikofaktoren.

Auf jeden Fall sollte man nicht selber «herumdoktern», sondern die Therapie dem Hausarzt bzw. der Fusspflege überlassen. Dennoch bleibt leider eine Infektion eine mögliche Komplikation, was sich in der Folge bei Ihrem Vater ereignet hat. Dafür kann man niemandem Vorwürfe machen.

Liegt eine Infektion vor, helfen Antibiotika, welche die Entzündung abklingen lassen. Direkt gegen Schmerzen helfen Antibiotika nicht. Wichtig ist dann festzustellen, wie aus­gedehnt die Infektion ist. Der lokale Befund ist wichtig, zusätzlich können bildgebende Verfahren wie eine Magnetresonanztomografie weiterhelfen. Im Röntgenbild sieht man die Entzündung eher später. Eine laborchemische Bestimmung der Harnsäure lohnt sich auch, da auch einmal eine Gicht vorliegen kann. Sie manifestiert sich typischerweise am grossen Zeh und nicht wie bei Ihrem Vater am zweitkleinsten.

Alle genannten Erkrankungen sind schmerzhaft. Eine gute Schmerztherapie ist hilfreich. Vorsicht ist mit den sogenannten nicht steroidalen Antirheumatika wie Voltaren geboten, da diese bei älteren Menschen die Nieren ernsthaft beschädigen können. Letztlich ist immer auch an eine Durchblutungs­störung als Ursache zu denken.

Wenn nun die Wunde ab­-geheilt ist, heisst das, dass die Durchblutung gut genug war, die Wunde zu verschliessen.Eine Bestimmung des ABI (Knöchel-Arm-Index) ist für den Hausarzt eine einfache Methode, eine periphere Durchblutungsstörung festzustellen.

Wenn der Zeh trotz angepasstem Schuhwerk (Schuhe durch Orthopädisten begut­achten lassen!) schmerzt, ist ­ die Ursache dafür zu suchen. Möglicherweise ist eine Fehlstellung entstanden, die zu chronischen Schmerzen führte. Ich empfehle Ihnen aktuell eine Abklärung bei einem Orthopäden. Bezüglich der im Begleitschreiben erwähnten kalten Füsse ist als erste Massnahme eine Durchblutungsstörung auszuschliessen. Zudem gilt es, die Mikrozirkulation mit Bewegung, Massage, Wärme (Socken, Bettflasche) anzuregen.

Dr. med. Francesco Marra

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