Kolumne
Beziehungen: Was sich liebt, das beleidigt sich?

In ihrer Kolumne «Liebes Leben, wir müssen reden» schreibt Social-Media-Redaktorin Maria Brehmer über alles, was das Leben schöner macht – und manchmal auch schwieriger. Heute: Warum wir zu Menschen, die wir besonders mögen, manchmal besonders gemein sind.

Maria Brehmer
Maria Brehmer
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«Was ich sage, gehört nicht zur Kategorie schonungslose Ehrlichkeit, sondern ist fies, unwahr, und ich sage es absichtlich.»

«Was ich sage, gehört nicht zur Kategorie schonungslose Ehrlichkeit, sondern ist fies, unwahr, und ich sage es absichtlich.»

Sandra Ardizzone

Der Puls steigt, die Nasenflügel zittern, im Bauch grummelt die Wut. Dann passierts: Ich verletze meinen Freund mit einem einzigen Satz, spitz formuliert, aus geschürzten Lippen gepresst. «#%&O@!» Was ich sage, gehört nicht zur Kategorie schonungslose Ehrlichkeit, sondern ist fies, unwahr, und ich sage es absichtlich.

Im Nachhinein überrollt mich eine Welle an Selbstkritik: Kann ich einfach nicht anders, als hin und wieder gemein zu sein?

Warum machen wir uns das Leben unnötig schwer?

In einer echten Liebesbeziehung – so glauben wir – sollten wir stets gut zu unserem Partner oder unserer Partnerin sein. Schliesslich haben wir uns freiwillig dazu entschieden, das Leben gemeinsam zu verbringen. Und das wollen wir uns nicht unnötig schwerer machen, als es ohnehin schon ist.

Was sich liebt, das neckt sich? Lassen wir gerade noch durchgehen. Doch was sich liebt, das beleidigt sich? Lieber nicht. Mit einem Gefühl von Überlegenheit schauen Frischverliebte auf Langzeitpaare, die mit giftigen Pfeilen schiessen. Das wird uns nicht passieren!

Ich bin sicher, dass am verliebten Anfang jeder neuen Beziehung ein Leitsatz jeweils aufs Neue motiviert und mit Nachdruck zu sich selbst und in der noch jungen Partnerschaft formuliert wird:

Mit ihm (oder ihr) streite ich mich nicht (optional: weniger). Und falls es doch mal Streit geben sollte, so streiten wir wie Erwachsene (optional: wir versöhnen uns schneller wieder).

Tatsächlich fühle ich mich in meiner jetzigen Beziehung so reif wie noch in keiner zuvor. Doch bin ich deswegen immer gelassen und sachlich, wenns mal unangenehm wird zwischen uns? Nein. Diese Eigenschaften hebe ich mir für meinen nächsten Steuerberatungstermin auf.

Zu meiner Freundin würde ich das nie sagen

Provokationen und Sticheleien gehörten zu einer Beziehung dazu, sagen Beziehungstherapeutinnen. Sie würden zeigen, dass die Partnerschaft auch Belastungen aushalten könne. Reibung schafft Wärme!

Doch das beantwortet nicht die Frage nach der Ursache, warum ich zu meiner besten Freundin kaum je ähnliche Schimpftiraden loslassen würde. Liesse sie im Hotelzimmer das nasse Badetuch auf dem Bett liegen, würde mir das vermutlich kaum auffallen. Täte es mein Freund, könnte es passieren, dass ich giftpfeilmässig reagiere.

Erstaunlicherweise hat das auch mit Sicherheit zu tun: Wenn ich mich in einer Liebesbeziehung wohlfühle, kann ich auch mal gereizt, ja eklig sein, ohne Angst davor haben zu müssen, verlassen zu werden. Meine Freundin hingegen wäre irgendwann weg, würde ich wiederholt gegen sie ins Feld ziehen.

Hier kann ich sein, wer ich bin

Um einen geliebten Menschen anzubrüllen, in den Schrank zu kicken und ihn einen Tubel zu nennen, muss er einem ungemein wichtig sein. Gleichzeitig muss man wissen oder zumindest spüren, dass das umgekehrt genauso ist. Das ist versöhnlich!

Die Liebe gibt uns die nötige Geborgenheit, der anderen Person zeigen zu können, wer wir wirklich sind – ein Privileg, das ich mit meinem nächsten gemeinen Kommentar hoffentlich nicht überstrapaziere.

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