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Ratgeber

Man will mir im Kino Seniorentickets verkaufen

Ich bin 57 Jahre aus, sehe aber meines Erachtens jünger aus, achte auf gepflegtes Erscheinen. Doch schon zweimal wollte man mir an der Kinokasse ein Ticket für AHV-Bezüger geben. Ich habe mich geärgert und gefragt: «Sehe ich so alt aus?» Die Antwort war, ich solle doch froh sein, eine Vergünstigung zu kriegen. Ist das nicht taktlos?
Margareta Reinecke*

Sie sprechen etwas Wichtiges an: Selbstwahrnehmung und als Gegenbegriff Fremdwahrnehmung. Vermutlich werden zu Ihrer Frage manche denken: «Aha, die Dame hat Mühe mit dem Älterwerden! Sie soll doch froh sein, weniger zu bezahlen!»

Margareta Reinecke.

Margareta Reinecke.

Ich vermute, Sie haben schon genügend über Ihre eigene Reaktion nachgedacht. Und es geht Ihnen mehr um die Frage, wie wir Menschen grundsätzlich miteinander umgehen, wie einfühlsam wir uns verhalten. Denn darauf basiert soziales Miteinander. Empathie heisst die Bereitschaft und Fähigkeit, Gefühle, Gedanken und Einstellungen anderer Menschen nachvollziehen zu können.

Man kriegt, was man gibt

Empathie verbindet Menschen, auch wenn wir ganz unterschiedliche Meinungen und Gefühle hegen. Doch ist dies heute überhaupt noch erwünscht? Könnte man nicht auf die Idee kommen, dass Menschen durch all die Selfies und Likes zu selbstverliebten Egoisten werden? Dass nur noch die Selbstverliebtheit auf Kosten des anderen zählt? Indes kennen wir das alte Sprichwort: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Bin ich nett zu dir, bist du auch nett zu mir.

Wir haben alle den Wunsch nach sozialer Anerkennung und Wertschätzung. Ich vermute, dass viele von uns sich an Ihrer Stelle in der geschilderten Kinosituation besser gefühlt hätten, wenn die Billettverkäuferin auf Ihre Frage einfach eine nette Bemerkung gemacht hätte, anstatt noch einen drauf zu geben.

Letzteres zeugt nicht wirklich von empathischem Verhalten. Eine nette Entschuldigung wäre angebracht gewesen wie: «Gerne würde ich Ihnen heute ein AHV-Ticket anbieten, doch ich sehe natürlich, dass Sie dazu noch zu jung sind!» Das generiert gleich eine sympathische Stimmung, und eine nette Unterhaltung könnte folgen. Wer kennt sie nicht, diese kleinen zwischenmenschlichen Situationen, die einem den regnerischen Tag versüssen, sei es das freundliche Lächeln auf der Strasse, das unerwartete nette Kompliment, Gesten der Wertschätzung, Aufmerksamkeit und Freundlichkeit, empathisches Verhalten eben.

Mit Humor reagieren

Dazu gehört auch der Humor. Deshalb ein paar Ideen, wie man als Kinobesucherin auf die beschriebene Kassen-Situation reagieren könnte, wenn einem (noch) nach Humor zu Mute ist:

«Aha, das ist jetzt schön, kriegt man hier AHV-Billette schon ab dem 40. Altersjahr?»

«Das Ticket ist für mich, nicht für meine Mutter.»

«Gerne empfehle ich das Kino all meinen jungen Freundinnen weiter.»

Zum Abschluss: Wir alle nehmen unsere Mitmenschen sehr unterschiedlich wahr, je nach Blickwinkel, Tagesform und gemachten Erfahrungen. Doch Ihr eigenes Alter ist eine Tatsache – unabhängig vom Urteil anderer. Und wie alt oder jung Sie sich fühlen, können nur Sie selber bestimmen.

* Margareta Reinecke, Luzern/Hildisrieden, ist Dr. phil., Fachpsychologin für Psycho­therapie FSP, vipp – Verband Innerschweizer Psycholog/innen.

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