Ratgeber

Ist die Mandelentfernung bei Erwachsenen ein zu grosses Risiko?

Ich (w, 52) habe seit der Kindheit immer wiederkehrende Mandelentzündungen. Ein HNO-Arzt hat mir wegen meines Alters und des Nachblutungsrisikos von einer Mandelentfernung abgeraten. Was ist Ihre Meinung dazu? Und was halten Sie von der in Deutschland angebotenen Alternativbehandlung der Kryotherapie?

* Dr. med. Mathias Henseler
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Um entscheiden zu können, ob eine beidseitige Mandelentfernung bei einer erwachsenen Person angezeigt ist, gilt es in jedem einzelnen Fall die sogenannten Indikationskriterien zu prüfen und abzuwägen. Nur dann liegt eine Entscheidungsgrundlage vor, auf welcher man die Frage beantworten kann, ob eine Operation sinnvoll ist oder nicht.

Dr. med. Mathias Henseler

Dr. med. Mathias Henseler

In der Medizin unterscheidet man zwischen harten Indikationskriterien – das sind jene, die in der Regel eine Operation notwendig machen – und relativen Kriterien. Bei letzteren kann eine Operation gemeinsam diskutiert und je nach Fall individuell abgewogen werden. Zu den harten Kriterien gehören immer wiederkehrende Mandelentzündungen mit häufigem Antibiotikagebrauch, die Abszessbildung, der Tumorverdacht und eine starke Vergrösserung der Mandeln (Tonsillen), die mit nächtlichem Schnarchen und Atemaussetzern einhergeht. Relative Indikationskriterien sind zum Beispiel Tonsillensteine, die Mundgeruch verursachen, sowie das Gefühl einer Verengung beim Essen aufgrund der grossen Mandeln.

Neben den Indikationskriterien muss die allgemeine Krankheitsgeschichte der betroffenen Person analysiert werden. Es gibt Faktoren, die das Narkoserisiko erhöhen und deshalb gegen eine Operation sprechen, etwa eine Blutverdünnung oder Nebenerkrankungen. Zudem ist es sinnvoll, im akuten Beschwerdeintervall (also in Ihrem Fall während der nächsten Entzündung) einen HNO-Arzt zu konsultieren, um festzustellen, ob die Entzündung wirklich im Bereich der Mandeln stattfindet oder eher im Rachenbereich, wo eine Mandelentfernung keinen Nutzen bringt.

Zu erwähnen ist ferner, dass es einige Krankheitsbilder gibt, bei denen eine Mandelentfernung sinnvoll sein und Abhilfe schaffen kann. Dazu gehören insbesondere unklare, immer wiederkehrende Infekte. Man geht davon aus, dass die Infektionen weniger werden, wenn man den chronisch entzündeten Fokus entfernt.

Eigenes Verhalten reduziert das Komplikationsrisiko

Ist eine beidseitige Mandelentfernung bei einer erwachsenen Person medizinisch angezeigt, gilt es die vom behandelnden Arzt erklärten Verhaltensmassnahmen nach der Operation zu befolgen, um das Komplikationsrisiko zu reduzieren. Dazu gehören zum Beispiel häufiges Trinken, eine angepasste Ernährungsform, Sportverbot und das Erkennen eines postoperativen Infektes. Zu einer Nachblutung kommt es in 5 bis 10 Prozent der Fälle, was bei ausführlicher Aufklärung des Patienten aber gut kontrolliert werden kann.

Die von Ihnen erwähnte alternative Behandlung der Kryotherapie ist schweizweit nicht anerkannt und hat unter Schweizer HNO-Ärzten keinen guten Ruf. Ich würde daher von diesem Vorgehen abraten.

* Dr. med. Mathias Henseler ist Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenkrankheiten,
speziell Hals- und Gesichtschirurgie, an der Hirslanden-Klinik St. Anna, Luzern, www.hirslanden.ch