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Ratgeber

Müssen sich Eltern stets in Kinderstreitereien einmischen?

Meine beiden schulpflichtigen Jungs sind ab und zu in harmlose Zänkereien mit andern Kindern verwickelt. Oft erlebe ich dann, dass sich sofort deren Eltern einmischen. Das irritiert mich. Wir nehmen den Kindern doch so die Möglichkeit, Dinge selber zu regeln. Zudem diskutieren Eltern dann endlos darüber, wer recht hat. Ist das nötig?
Josef Jung*

Eltern beklagen oft das «ewige» Gezänk zwischen Kindern. Doch ist Streit unter Kindern normal, ja sogar notwendig. Streiten hat viele Funktionen, die es auszuprobieren und zu verbessern gilt: Die eigenen Bedürfnisse durchsetzen und sich abgrenzen, aber auch die Wünsche anderer respektieren, mit Niederlagen klarkommen und Kompromisse schliessen. Die Kinder lernen, wie man nach Streit einander verzeiht, sich entschuldigt, sich versöhnt oder wieder etwas gut macht. Dies alles sind Verhaltensweisen, die auch für das Leben als «Grosse» nützlich sind.

Josef Jung.

Josef Jung.

Die Auslöser für Streitereien sind oft Kleinigkeiten: das neue Velo des andern, die besseren Spielkarten, das schönere Kleidungsstück usw. Da heute viele Kinder gar kein oder höchstens noch ein Geschwister haben, verlagert sich die Streitlust auf den ausserhäuslichen Bereich wie Spielplatz, Pausenplatz, Schulweg.

Das Kind als «Projekt»

Und da beginnt dann die elterliche Einmischung, die Sie irritiert. Etwas überspitzt formuliert wird das Kind zum «Projekt». Die Erwachsenen sind sehr nahe am Kind und versuchen, es in allen Belangen zu unterstützen, zu schützen, zu fördern. Das Kind klagt über eine auf dem Schulweg erlebte Beleidigung. Oft sind dann die Finger auf der Tastatur rasch, und die Nachricht ist abgesandt oder der Anruf getätigt, bevor nachgedacht wird.

Das erinnert an das Theaterstück «Gott des Gemetzels» von Yasmina Reza und verfilmt von Roman Polanski, wo zwei Elternpaare sich wegen einer Auseinandersetzung zwischen ihren Söhnen zerfleischen, während die beiden Knaben schon längst wieder friedlich zusammen spielen. Doch was will das Kind, wenn es über andere klagt? Will es die erwachsene Einmischung? Stärkt dies das Kind in den täglichen Auseinandersetzungen mit seinen «Gspänli»? Bevor man losmarschiert, ist es sinnvoll, dem Kind zuzuhören. Was wünscht sich das Kind vom Elternteil, damit es sich wieder beruhigt und gestärkt fühlt?

Zwei Wahrheiten

Sollte dann tatsächlich ein anderer Elternteil an der Türe klingeln und eine Wiedergutmachung oder Entschuldigung einfordern, gilt dasselbe: Hören Sie zu, was das Anliegen ist. Verzichten Sie möglichst auf eine Gegendarstellung der «richtigen» Wahrheit. Hier gibt es mit Sicherheit zwei Wahrheiten, diejenige Ihres und die des anderen Kindes.

Zeigen Sie Verständnis für die Aufgebrachtheit des anderen Elternteils, aber schützen Sie Ihr Kind vor demütigenden Handlungen wie Pseudoentschuldigungen. Drücken Sie Ihre Überzeugung aus, dass das andere Kind die Kraft und den Mut hat, die Sache mit Ihrem Kind selbst zu regeln, vorausgesetzt, Ihr Kind unterdrückt oder beleidigt das andere Kind nicht systematisch. Wenn Sie hier klar bleiben können, verhindern Sie ein «Gemetzel». Die Kinder werden wohl schon bald wieder miteinander spielen. Und auch bald wieder mal in Streit geraten.

* Dr. phil. Josef Jung, Hitzkirch, ist eidg. anerkannter Psychotherapeut; www.psychotherapie-jung.ch

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