Stil: Ist auf Internetplattformen alles erlaubt?

Ich (m, 53) bin von Berufes wegen mit den Höflichkeitsstandards im E-Mail-Verkehr vertraut. Was mich immer wieder verunsichert, ist der Umgang auf sozialen Plattformen. Gelten hier keine Regeln?
Der Kanton Obwalden verbreitet Nachrichten neu auch auf Twitter.

Der Kanton Obwalden verbreitet Nachrichten neu auch auf Twitter.

Während im täglichen E-Mail-Verkehr Regeln der Höflichkeit wie Anrede, Grussformel und fristgerechte Antwort nach wie vor eine grosse Rolle spielen, ist der Social-Media-Kosmos eine Welt für sich. Der Umgang scheint lockerer und ungezwungener, was jedoch keineswegs heisst, dass es sich um einen gesetzlosen Raum handelt.

Eindruck hinterfragen

Auf Plattformen wie Facebook oder Twitter tummeln sich viele Profile, von soliden Firmen über Werbeträger bis hin zu Privatpersonen jeglicher Couleur, die ihre Meinung kundtun. Trotz unterschiedlicher Botschaften haben sie alle ein gemeinsames Interesse: sehen und gesehen werden. So lohnt sich vorab die Frage, welchen Eindruck man im Netz hinterlassen möchte, denn alles, was einmal gepostet wurde, bleibt der virtuellen Welt erhalten. Will man also einen seriösen Auftritt hinlegen, sollten Bilder und Posts sorgfältig gewählt werden. Manch einer stolperte über vermeintlich harmlose Schnappschüsse vom letzten Urlaub oder Parolen, die im Schnellschussverfahren mit der digitalen Feder verfasst wurden. Denn eines ist gewiss: Die Onlinegesellschaft kann hart zuschlagen. So ist es sehr ratsam, sich zuerst auf analogem Pfad zu überlegen, welche Botschaft den Weg ins Internet finden soll.

Die Kommunikation auf Plattformen oder in Foren zeichnet sich dadurch aus, dass in der Kürze die sprichwörtliche Würze steckt: Je schneller der Kern der Botschaft vermittelt wird, umso effektiver die Wirkung. Folglich werden die üblichen Anreden und Standardfloskeln grosszügig gestrichen.

Dialog nebensächlich

Weiter ist hier der digitale Austausch weitaus unverbindlicher und formungebundener: Reagiert jemand auf einen Kommentar, ist die Herstellung eines Dialogs nicht primäres Ziel. Ebenso muss sich niemand gezwungen fühlen, einen Austausch aufrechtzuerhalten: Das klassische Sender-Empfänger-Modell findet auf den meisten Plattformen keinerlei Anwendung mehr.

Aber wenn im Internet auch scheinbar alles gesagt werden darf, sollte der Netiquette – der Etikette im Netz – dennoch ein erhöhtes Augenmerk geschenkt werden. Dass sich viele hinter dem Schleier der Anonymität verstecken, ist kein neues, aber ein immer häufigeres Phänomen. Eine Meinung kundzutun, ist unser gutes Recht, und doch soll auch hier die Contenance gewahrt werden. Die Argumentation sollte auf sachlicher und nicht auf persönlicher Ebene stattfinden. Wer beim Verfassen von Kommentaren auf den Frontalangriff verzichtet und die Höflichkeit wahrt, ermöglicht es den anderen Beteiligten, ebenfalls auf einer wertschätzenden und sachbezogenen Schiene Stellung zu beziehen. Gastgeber von Kommentarportalen sehen sich jedoch immer öfters gezwungen, Regelungen und Sanktionen transparent zu vermitteln, um den digitalen Umgangston formell zu steuern.

Strafverfolgung möglich

Auch der Persönlichkeitsschutz darf nicht ausser Acht gelassen werden: Wer Bilder von Personen ohne deren Einwilligung ins Netz stellt – selbst wenn keine böswillige Absicht dahintersteckt –, muss mit rechtlichen Konsequenzen rechnen. Daher: Wer im Internet seriös wirken will, hält sich stets vor Augen, welche Eindrücke die vermittelten Ausdrücke bewirken können.

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