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Ratgeber

Welcher Wert gilt in der Erbteilung?

Unsere Mutter ist 2015 gestorben. Zwei Jahre davor hat mein Bruder eine Wohnung als Erbvorbezug erhalten. Kurz vor dem Tod hat mein Bruder zudem aus dem Tresor zwei Goldbarren entnommen. Der Wert der Wohnung wie auch des Goldes ist seither stark gestiegen. Mein Bruder will sich jedoch nur den Wert zum Todeszeitpunkt anrechnen lassen. Welcher Wert gilt? Was können wir tun, wenn wir keine Einigung finden?
Lic. iur. Marcel Vetsch*
Marcel Vetsch

Marcel Vetsch

Da zwischen dem Erbgang (Todestag) und der Erbteilung (Aufteilung des Nachlasses unter den Erben) mehrere Jahre vergehen können – wie das auch bei Ihnen der Fall ist –, können hinsichtlich der einzelnen Erbschaftssachen erhebliche Wertveränderungen auftreten.

Auswirkungen von Wertschwankungen vermeiden

Grundsätzlich ist für das gesamte Nachlassvermögen der Wert per Teilungstag, d. h. am Tag der tatsächlichen Erbteilung, massgebend, da Wertschwankungen, die seit dem Tod eintreten, sich nicht zugunsten oder zulasten einzelner Erben auswirken sollen. Aus Praktikabilitätsgründen wird dabei ein Stichtag festgesetzt, welcher möglichst nahe bei der tatsächlichen Teilung liegt, per welchem die Vermögensgegenstände des Nachlasses bewertet werden. Für die Bewertung gilt das Verkehrswertprinzip, d. h., es gilt der Wert, welcher bei einer Veräusserung der betreffenden Erbschaftssachen an einen unabhängigen Dritten als Erlös erzielt werden könnte. Die Erben sind aber frei darin, auch einen anderen Wert zu vereinbaren, wenn sie sich einig sind. Anders verhält es sich nun, wenn die Erblasserin Vermögenswerte bereits vor ihrem Tod veräussert hat. Die Schenkung der Wohnung an Ihren Bruder ist von Gesetzes wegen von ihm zur Ausgleichung zu bringen, sofern er von Ihrer Mutter nicht von der Ausgleichungspflicht befreit worden ist. D. h. in Ihrem Fall: Ihr Bruder muss sich den Wert der Wohnung an seinen Erbteil anrechnen lassen. Befindet sich der geschenkte Vermögenswert im Todeszeitpunkt der Erblasserin noch im Eigentum des Be-schenkten, so gilt für die Ausgleichung der Wert per Todestag.

Für Goldbarren gilt der Wert am Stichtag der Teilung

Wäre die Wohnung vor dem Erbgang verkauft worden, würde sich die Bewertung nach dem dafür erzielten Verkaufserlös richten. Für die Goldbarren hingegen ist der Goldpreis im Zeitpunkt der Erbteilung massgebend, da sich Ihr Bruder diese selbst angeeignet hat.

Können Sie sich nicht über die Erbteilung einigen, so können Sie diese (nur) über das Gericht erzwingen. Jedem Erbe steht dabei ein jederzeitiger Teilungsanspruch zu.

Bei Uneinigkeit bleibt nur Gang vor das Gericht

Den Erbteilungsprozess können Sie mit einem Schlichtungsgesuch an die zuständige Schlichtungsbehörde am letzten Wohnsitz der Erblasserin einleiten. Erzielen Sie dann auch an der Schlichtungsverhandlung keine Einigung, so wird im anschliessenden Gerichtsprozess beim Zivilgericht der Verkehrswert der Wohnung durch einen vom Gericht bestimmten Schätzungsexperten mittels Gutachten festgestellt.

*Lic. iur. Marcel Vetsch ist Fachanwalt SAV Erbrecht und Familienrecht, Vetsch Rechtsanwälte Luzern/Hochdorf, www.vetsch-rechtsanwaelte.ch

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