Reisen
Wandern und Wissen am Wasser: So lässt sich die blaugrüne Seite der Schweiz entdecken

Mit den entsprechenden Büchern ausgerüstet, wird die Wanderung durch die Areuseschlucht im Kanton Neuenburg zur hydrologischen Exkursion.

Niklaus Salzmann
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Die Areuseschlucht dient nicht nur der Naherholung, sie liefert auch Trinkwasser für La Chaux-de-Fonds.

Die Areuseschlucht dient nicht nur der Naherholung, sie liefert auch Trinkwasser für La Chaux-de-Fonds.

Bild: Imago

Dass wir uns nicht an einem gewöhnlichen Wanderführer orientieren, zeigt sich bereits am Bahnhof von Noiraigue im Neuenburger Jura. Alle anderen, die hier aussteigen, stapfen Richtung Creux-du-Van oder Richtung Areuse­schlucht los. Letztere steht zwar auch bei uns auf dem Programm, doch wir wollen mehr wissen über das Wasser, das diese Felsen zerklüftet hat. Und so steuern wir als Einzige zuerst auf den oberen Dorfrand zu, wo der Bach Noiraigue entspringt.

Aus einem Loch unter moosigem Fels fliesst das Wasser glasklar hervor. Dass es nicht immer so klar ist, sagt uns der Name das Flusses: Da steckt «noir» drin, schwarz, wie die Torferde, die fast 300 Höhenmeter weiter oben bei Les Ponts-de-Martel zu finden ist. Dort verschwindet ein Bächlein namens «Le Bied» im Boden.

Bild: Niklaus Salzmann

Ist es dieses Wasser, das unten hervorsprudelt? Diese Frage soll sich ein Geologe schon 1864 gestellt haben. Er färbte das Wasser oben blau, und siehe da: acht Stunden später trat an der Noiraguequelle blaues Wasser hervor. Laut dem Buch «Quellen der Schweiz» (siehe Box unten) handelte es sich um den weltweit ersten Versuch mit dieser Technik.

Wir folgen dem Lauf der Noirague, die nach wenigen hundert Metern in die Areuse fliesst. Es ist eine Mischung aus Natur und Kultur, der wir hier begegnen. Ungefähr jeden Kilometer steht ein Kraftwerk, mit dem sich die Menschen die Energie des Wassers zunutze machen. Dazwischen darf der Fluss aber immer wieder seinen freien Lauf nehmen. Es tost die Felsen hinunter, kommt danach plötzlich wider beinahe zum Stillstand.

Bild: Niklaus Salzmann

Das Rauschen weicht der Ruhe, zu hören ist nur noch das Pfeifen eines Vogels. Ähnlich wie das Wasser ist auch der Wind, der an den engeren Stellen durch die Felsen zog, hier zur Ruhe gekommen, es ist kaum ein Hauch zu spüren. Es riecht nach Moos, eine Ente landet. Der perfekte Picknickplatz.

Trinkwasser für La Chaux-de-Fonds

Ein Stück weiter unten gibt es wieder einen Hinweis darauf, dass der Mensch diese Gegend nicht nur zur Naherholung nutzt: Auf einer kreisförmig betonierten Fläche sind zwei Metalldeckel eingelassen. Würden wir hier blaue Farbe hineinschütten, käme das blaue Wasser nicht etwa weiter unten zum Vorschein – sondern es würde aus den Hähnen in der Stadt La Chaux-de-Fonds, die weit höher liegt, fliessen.

Dieser Stadt mangelte es an Wasser, als sie im 19. Jahrhundert wegen der boomenden Uhrenindustrie rasch wuchs. Also wurde im Jahr 1886 mit dem Bau einer zwanzig Kilometer langen Leitung begonnen, die das Wasser aus der Areuseschlucht über fast 500 Höhenmeter nach oben führte. Die Energie fürs Hochpumpen lieferte auch gleich der Fluss: eines der Kraftwerke, an denen wir vorbeiwandern, wurde gleichzeitig mit der Wasserleitung gebaut.

Hier drin fliesst Wasser, der junge Wanderer hat es verifiziert.

Hier drin fliesst Wasser, der junge Wanderer hat es verifiziert.

Bild: Niklaus Salzmann

Im Grunde genommen wird das Wasser hier sogar über rund 1000 Kilometer umgeleitet. Denn von La Chaux-de-Fonds aus landet es via Doubs, Saône und Rhone im Mittelmeer. Die Areuse aber, der wir entlangwandern, mündet in den Neuenburgersee, dessen Wasser schliesslich via Aare und Rhein in die Nordsee fliesst.

Doch bleiben wir in der Schweiz. Langweilig wird die Wanderung nicht, wechselt doch die Landschaft ständig. Hier ein Auenwäldchen, das offensichtlich vor nicht allzu langer Zeit überschwemmt wurde. Dann wieder ein begradigtes Stück, der Weg führt über Steinstufen hinunter. Eine sonnige Kiesbank lädt zu einer nächsten Pause ein. Über Brücken wechselt der Weg zwischen linkem und rechtem Ufer hin und her.

Höhlenforschung mit dem Smartphone

Und da oben, nur wenige Schritte vom Weg entfernt, eine Grotte. Wie weit sie wohl in den Fels führt? Die Kinder erkunden einen Gang, die Smartphones leuchten als Taschenlampen auf, doch bald ist von aussen her kein Lichtschein mehr zu sehen. Der Vater denkt daran, was er im Buch gelesen hat über zwei erfahrene Höhlenforscher, die beim Vermessen einer Höhle vom plötzlich ansteigenden Wasser eingeschlossen wurden. Rund vierzig Stunden mussten sie ausharren, bis sie schliesslich gerettet werden konnten.

Hier drin fliesst Wasser, der junge Wanderer hat es verifiziert.

Hier drin fliesst Wasser, der junge Wanderer hat es verifiziert.

Bild: Niklaus Salzmann

Doch hier kommen die Buben selbstverständlich ohne Zwischenfälle wieder zum Vorschein. Der Fels sei nass da drin, erzählen sie. Ein weiterer Beweis für die Durchlässigkeit des Karstgesteins, welche das Entstehen von Gewässern wie der Noiraigue und der Areuse erst ermöglicht.

Die Schlucht wird nun urtümlicher, die Felswände grün bewachsen mit Moos und lang herunterhängenden Efeusträngen. Das wirkt fast schon dschungelhaft. Dazwischen bildet der Fluss immer wieder kleine grünliche Becken, wie geschaffen zum Baden.

Der Wanderbeschrieb führt uns eigentlich nun weg vom Fluss zum Bahnhof Chambrelien. Doch uns gefällt dieser Teil der Schlucht besonders gut, und so folgen wir nicht dem Beschrieb, sondern weiter dem Flusslauf in Richtung Neuenburgersee – und in Richtung eines Parkplatzes, wie an den vielen Leuten hier zu merken ist.

Und obwohl es etwas gar viel Publikum hat, lassen wir uns schliesslich doch noch verlocken, kurz ins Wasser einzutauchen. Sehr kurz. Die Areuse ist eisig kalt. Doch ein wenig stolz darauf sind wir, das Wasser nicht nur gesehen, gehört und darüber gelesen zu haben, sondern es auch richtig gefühlt zu haben.

Eine Beschreibung der Route ist zu finden auf: randosources.ch/de

Sich in der Natur bewegen und lernen: Drei Buchtipps

Quellen, Höhlen und Mineralwasser

Rémy Wenger, Jean-Claude Lalout, Roman Hapka: Quellen der Schweiz – Naturschauplätze im Wasserschloss Europas. Verlag Haupt 2021, ca. 48 Fr

Rémy Wenger, Jean-Claude Lalout, Roman Hapka: Quellen der Schweiz – Naturschauplätze im Wasserschloss Europas. Verlag Haupt 2021, ca. 48 Fr

Bild: zvg

Das Buch, in dem auch die Wanderung durch die Areuseschlucht empfohlen wird, trägt den Stempel des Höhlenforschungsinstituts SISKA und wartet unter anderem mit tiefgründigem Wissen zu unterirdischen Verläufen der Gewässer auf. Viele der beschriebenen Schauplätze sind hinreissend schön, darunter einige Geheimtipps.

Pro: Verständlich aufbereitete Hintergrundinfos von Hydrologie über Industrie bis zu Mythologie.
Contra: Das Buch ist nach Themen geordnet, nicht nach Wanderungen. Das Nachlesen zu einer bestimmten Region ist deshalb etwas kompliziert.

Steinbock, Eisvogel und Laubfrosch

Heinz Staffelbach: Wildtierwanderungen in der Schweiz. Biodiversität erleben – die 34 lohnendsten Touren zu Laubfrosch, Hirsch und Adler. AT Verlag, ca. 40 Fr.

Heinz Staffelbach: Wildtierwanderungen in der Schweiz. Biodiversität erleben – die 34 lohnendsten Touren zu Laubfrosch, Hirsch und Adler. AT Verlag, ca. 40 Fr.

Bild: zvg

Hier stehen Wildtiere im Fokus. Der Autor führt an Orte, wo die Artenvielfalt besonders hoch ist oder wo mit hoher Wahrscheinlichkeit eine bestimmte Art anzutreffen ist. Er gibt Tipps zum Beobachten und beschreibt Naturschutzprojekte. Zum Teil geht es in die Berge, aber die Wanderungen sind einfach und meist familientauglich.

Pro: Gute Chancen, um ohne allzu viel Aufwand schöne Tierbegegnungen zu erleben.
Contra: Die meisten Wanderungen führen an ziemlich bekannte Orte und sind wenig überraschend.

Waldbrände, Gletscher und Lawinen

Christine Huovinen, Thomas Wohlgemuth: Wandern, wo andere forschen. Ober- und Mittelwallis. Verlag Haupt, ca. 38 Fr.

Christine Huovinen, Thomas Wohlgemuth: Wandern, wo andere forschen. Ober- und Mittelwallis. Verlag Haupt, ca. 38 Fr.

Bild: zvg

Das Wallis ist ein spezieller Kanton, auch für die Forschung. Wer sich beim Wandern an diesem Buch orientiert, lernt nicht nur die Tiere und Pflanzen in besonderen Lebensräumen kennen, sondern auch Projekte der Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL). Zum Beispiel gibt es die Sensoren zu entdecken, mit denen Geschwindigkeit und Aufpralldruck von Lawinen erfasst werden.

Pro: Die App zum Buch bietet Zugriff zu den Infos für unterwegs.
Contra: Von Stil und Gewichtung her eher wissenschaftliche Lektüre als Wanderführer.

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