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RUSSLAND: St. Petersburg: Treffpunkt Gorki-Park

Auch wenn alle von St. Petersburg schwärmen, echte Moskauer möchten trotz vieler Probleme nirgendwo anders wohnen als in der Hauptstadt. Ein Leben zwischen Plattenbauten, Kreml und Moscow City.
Pedalofahren auf einem See im Gorki-Park, dem Lieblingsort vieler Moskauerinnen und Moskauer. (Bild Julia Barandun)

Pedalofahren auf einem See im Gorki-Park, dem Lieblingsort vieler Moskauerinnen und Moskauer. (Bild Julia Barandun)

Julia Barandun

«Geh nicht nach Moskau, geh nach St. Petersburg!», hört man von so manch einem Russen, der nicht in Moskau lebt. Während St. Petersburg die touristische Hauptstadt Russlands ist, wird die echte Hauptstadt von vielen gemieden. Und auch Stanislaw Wladimirowitsch Narkjewitsch, echter Moskauer, gerät über das schöne St. Petersburg ins Schwärmen. Leben möchte er aber nirgendwo ausser in Moskau. «Hier ist das Zentrum der Welt, alles ausserhalb Moskaus ist Provinz.»

Sieht der 28-Jährige aus dem Fenster, von dessen Rahmen die vierte oder fünfte Schicht Ölfarbe langsam abblättert, versperren Birken die Sicht auf das gegenüberliegende Hochhaus. Zusammen mit seiner Mutter wohnt er im fünften Stock eines klassischen Plattenbaus. Drei Zimmer, Küche, Bad. «Chruschtschowka» werden diese Häuser von den Russen nicht immer ganz liebevoll genannt. Als sie in den 60ern und 70ern schnell und billig gebaut wurden, waren sie nur als Zwischenlösung gedacht. «Das Haltbarkeitsdatum ist vor etwa 20 Jahren abgelaufen», sagt Stanislaw Wladimirowitsch, der unter der Woche Verwaltungsangestellter und am Wochenende Rockmusiker ist. Während die Chruschtschowka zu ihren Anfangszeiten für ihre Bewohner nicht nur eigenes fliessendes Wasser bedeuteten, sondern vor allem auch Privatsphäre, bieten sie für die heutigen Bewohner wenig Komfort.

Lieber ein iPhone in der Hand?

Auch in der Küche bröckelt die Ölfarbe von den Wänden. «Wir können uns nicht dazu entschliessen zu renovieren», sagt Stanislaw Wladimirowitsch. «Wir warten schon seit Jahren auf die Nachricht, dass das Haus abgerissen wird und wir in einen Neubau umgesiedelt werden.» Seit einigen Jahren bemühe man sich in Moskau darum, die alten Plattenbauten abzureissen und an ihrer Stelle riesige Wohnblöcke zu errichten. «Für viele ist es aber sowieso wichtiger, ein iPhone in der Hand zu haben, als ein Dach über dem Kopf», sagt Stanislaw Wladimirowitsch.

Denn die Russen legen Wert auf Äusseres. Wenn sich die Trottoirs an Regentagen in grosse Pfützen verwandeln, lassen es sich die Moskauerinnen nicht nehmen, mit hohen Absätzen auf den Randsteinen zu balancieren. Teure Markensachen, die man sich eigentlich nicht leisten kann, sind beliebt. Riesige Einkaufszentren, in denen man sie kaufen kann, findet man überall – selbst im Herzen Moskaus.

Zur Tanzstunde in den Park

Neben dem Kreml, gegenüber dem Lenin-Mausoleum steht das geschichtsträchtige Warenhaus GUM, in dem unter Glaskuppeln und Säulengängen Luxusläden die Oberschicht empfangen. Einige Meter weiter befindet sich das Einkaufszentrum Ochotny Rjad, in dem sich die Mittelschicht vergnügt. Doch ab und zu scheinen die Einkaufstempel in weite Ferne zu rücken. Zum Beispiel, wenn alte Frauen auf Kartonschachteln Zwiebeln, Radieschen und Gurken verkaufen. Meist haben sie diese auf ihrer Datscha, dem russischen Landhäuschen, selbst gezogen.

Vor allem die älteren Moskauer ziehen sich an den Wochenenden gerne auf ihre Datscha zurück. «Meine Eltern finden es nur dort wirklich schön», erzählt Natalja Wladimirowna Trischnewskaja. Sie selbst gehe in ihrer Freizeit aber lieber in der Stadt aus oder unternehme einen Städtetrip mit Freunden, sagt die 24-Jährige. Viel freie Zeit habe sie aber nicht. Meist arbeite sie oder lerne für ihr Tourismusstudium.

Natalja Wladimirownas Lieblingsort in Moskau ist der Gorki-Park. Und damit ist sie nicht allein – halb Moskau scheint sich an den Wochenenden im Gorki-Park zu versammeln. Gern werden ausgiebige Picknicks veranstaltet, wobei eine Tüte Semechki, Sonnenblumenkerne, auf keinen Fall fehlen darf. Und ja, in einigen der Tüten steckt wohl auch eine Wodkaflasche. Wer vergessen hat, etwas mitzunehmen, kann sich in einer der zahlreichen Essbuden verpflegen. Auch Konzerte und Tanzstunden werden im Park veranstaltet.

Wolkenkratzer und alte Steinhäuser

Etwa ein Drittel der russischen Hauptstadt besteht aus Grünflächen, und die Parks sind beliebt bei den Einwohnern, von denen niemand weiss, wie viele es sind. Offiziell leben etwa 12 Millionen Menschen in Moskau, anderen Schätzungen zufolge könnten es aber auch 20 Millionen sein. Erst im Feierabendverkehr oder an den Wochenenden in den Parks bekommt man eine Ahnung davon, dass es tatsächlich viele sind. Die Staus in Moskau sind legendär, und auch Natalja Wladimirowna beschwert sich gern darüber. Doch trotz des vielen Verkehrs und schlechter Luft mag sie ihre Stadt. «Moskau ist vielseitig und pulsierend. Es vereint so viele verschiedene Lebensstile aus der ganzen Welt in sich.» An jeder Metrostation, an der man herauskommt, herrscht eine andere Atmosphäre. Bei der einen kann man die kühlen Glasfassaden der Wolkenkratzer in Moscow City bewundern, bei anderen die niedrigen alten Steinhäuser in Kitai Gorod, in denen viele der hippen Bars untergebracht sind. Gemütlich spazieren kann man durch den alten Arbat, die berühmteste Fussgängerzone Russlands. In den zahlreichen Lokalen spricht das Servicepersonal meist sogar Englisch, was nicht selbstverständlich ist in Moskau.

Dostojewski lesen in der Metro

Auch die Metrostationen an sich sind sehenswert: Eine der schönsten ist die Komsomolskaja. Die Einwohner von Russlands Hauptstadt scheinen immer irgendwohin zu spät zu sein. Nur in der Metro kommen sie etwas zur Ruhe – da sieht man so manch einen älteren Herrn auf seinem iPhone «Candy Crush» spielen. Fast ebenso viele haben aber ein Buch in der Hand: Die viel propagierten Zweitweltkriegsgeschichten werden gelesen, aber auch Turgenjew, Dostojewski und Hesse eignen sich als Metrolektüre. Bücher sind beliebt in Moskau. Ob auf dem alten Arbat oder an einer vierspurigen Strasse in einem der Aussenbezirke: Der nächste Bücherstand ist meist nicht weit.

Viele Hochzeiten, viele Scheidungen

In vielen Läden kann rund um die Uhr eingekauft werden. Besonders fallen aber die vielen 24-Stunden-Blumenläden auf. «Ein Russe kommt nie mit leeren Händen. Und Blumen öffnen Herzen und Türen der Moskauer Frauen», erklärt Stanislaw Wladimirowitsch. Geheiratet wird viel und früh. Ebenso steht es mit den Scheidungen. «Die meisten meiner Freunde waren schon mindestens einmal verheiratet», sagt Stanislaw Wladimirowitsch.

Er selbst hätte auch ganz gern eine Ehefrau. Denn wenn er abends nach Hause komme, habe er meist keine Lust mehr zu kochen. Mittagessen holt er sich meistens bei McDonald's oder Burger King, dort ist es am billigsten im Zentrum. «Kinder hätte ich auch gerne», sagt Stanislaw Wladimirowitsch. Doch jedes Mal den Kinderwagen in den fünften Stock hinaufzutragen, weil kein Lift da ist, will er nicht.

«Uns ging es schon immer schlecht»

Ein weiteres Problem des Lebens in Moskau sehen er und viele andere Russen in den Zuwanderern aus Tadschikistan und den anderen ehemaligen Sowjetrepubliken. Auch wenn es sich für viele von ihnen wegen der Krise nicht mehr lohne, hier zu arbeiten, seien noch genug da, um den Einheimischen die Arbeitsplätze wegzunehmen, sagt Stanislaw Wladimirowitsch. Viele der Gastarbeiter arbeiten für Niedriglöhne. Oft auf dem Bau der neuen Wohnhäuser, in welchen Stanislaw Wladimirowitsch gerne eines Tages leben würde.

Während er den Gasherd anmacht, um Pelmeni, mit Fleisch gefüllte Teigtaschen, Grundnahrungsmittel von Studenten und alleinstehenden russischen Männern, zu kochen, erzählt er von der Arbeit. Den Job in der Verwaltung habe er bekommen, weil eine gute Freundin von ihm auch dort arbeite, erzählt Stanislaw Wladimirowitsch. Das liefe meistens so. «Ja, es gibt viele Probleme hier. Aber uns Russen ging es schon immer schlecht. Das ist einfach so.»

Moskauer Aussenbezirk. Wie viele Menschen in Russlands Hauptstadt wohnen, ist ungewiss: 12 bis 20 Millionen. (Bild Julia Barandun)

Moskauer Aussenbezirk. Wie viele Menschen in Russlands Hauptstadt wohnen, ist ungewiss: 12 bis 20 Millionen. (Bild Julia Barandun)

Ein Russe kommt nie mit leeren Händen: Einer der vielen 24-Stunden-Blumenläden. (Bild Julia Barandun)

Ein Russe kommt nie mit leeren Händen: Einer der vielen 24-Stunden-Blumenläden. (Bild Julia Barandun)

Eine der vielen Kirchen in der Warwaka-Strasse in der Nähe des Kreml. (Bild Julia Barandun)

Eine der vielen Kirchen in der Warwaka-Strasse in der Nähe des Kreml. (Bild Julia Barandun)

«Chruschtschowka» nennen die Russen diese Häuser – Plattenbauten aus den 60er- und 70er-Jahren. (Bild Julia Barandun)

«Chruschtschowka» nennen die Russen diese Häuser – Plattenbauten aus den 60er- und 70er-Jahren. (Bild Julia Barandun)

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