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RUSSLAND: Zwanglos an der Newa: Weisse Nächte in St. Petersburg?

Auch ganz im Alleingang lässt sich St. Petersburg heute fast so leicht besuchen wie andere Grossstädte. Gastronomie und Hotellerie haben sich deutlich verbessert.
Die Isaakskathedrale (hinten) und die Nikolaus-Marine-Kathedrale in Aquarelltönen. (Bild: Thomas Veser)

Die Isaakskathedrale (hinten) und die Nikolaus-Marine-Kathedrale in Aquarelltönen. (Bild: Thomas Veser)

Text und Bilder Thomas Veser

«Auch du frohlocke, Petersburg/Und steh wie Russland ohne Schwanken/Du zwingst die Elemente durch den Newakai in ihre Schranken!» – Mit diesem anspornenden Appell Alexander Puschkins im Hinterkopf streben wir nach der Landung zielstrebig zur Flughafenpasskontrolle. Trotzdem gelangt man nicht schneller in Russlands zweitgrösste Stadt, von ihren Einwohnern liebevoll «Piter» genannt. Abschreckend lange Warteschlangen zwingen den Besucher dort erstmals in seine Schranken.

Nach dieser Geduldsprobe gilt es, das Spalier zudringlicher Taxichauffeure zu überwinden. Auf ihre unverschämten Tarife muss sich niemand mehr einlassen, denn es gibt einen offiziellen Taxistand, dessen Chauffeure für die Fahrt ins Zentrum umgerechnet 20 Franken berechnen. Wer es noch günstiger will, gelangt für nicht einmal einen Zehntel dieses Preises in einem der Marschrutka-Minibusse zum Moskovskij-Prospekt mit Metro-Anschluss. Man findet sich schnell zurecht: U-Bahn- und Strassenschilder im Zentrum sind auch in lateinischen Buchstaben beschriftet. Nichts verändert hat sich allerdings an der chaotischen Verkehrssituation mit regelmässigen Staus.

Eine Stadt wie ein Aquarell

Dafür verzaubert die ehemalige Hauptstadt, die in «Meyer,s Universum» 1863 als «Stück versteinerte Kultur des Westens» bezeichnet wird, zwischen Mitte Juni und Mitte Juli mit den Weissen Nächten. Das horizontal einfallende Sonnenlicht lässt die Stadt fast rund um die Uhr wie ein Aquarellgemälde wirken. In dieser Zeit herrscht eine herrlich entspannte Stimmung, in vielen Lokalen ist die Sperrstunde aufgehoben. Gerne sitzen die Einheimischen am Newa-Ufer oder nehmen beim «Ehernen Reiter», dem Standbild des Stadtgründers, ein Sonnenbad auf dem Rasen, dessen Betreten natürlich strengstens verboten ist. Dennoch werden sie von den Ordnungshütern überraschenderweise nicht in ihre Schranken gewiesen.

«Die Sterne der Weissen Nächte»

Zu den reizvollsten Unternehmungen zählen an diesen Tagen nächtliche Bootsfahrten auf dem Kanalnetz, Anlegestellen befinden sich bei der Eremitage, der Auferstehungskirche und der Anitschkow-Brücke. Bis Mitte Juli geht zudem im Mariinski-Theater das Festival «Die Sterne der Weissen Nächte» über die Bühne.

Am Erscheinungsbild, zumindest des Zentrums, hat sich in den letzten Jahren kaum etwas geändert. Die vor der 300-Jahr-Feier begonnene Restaurierung der Prachtboulevards ist weitgehend abgeschlossen. Begibt man sich vom Newski-Prospekt aus indessen tiefer in die Seitenstrassen, wird angesichts vieler heruntergekommener Gebäude deutlich, dass die Sanierung des ausgedehnten Kerns eine Herkulesaufgabe ist. Nach wie vor im Dornröschenschlaf verharren die mit Gestrüpp überzogenen Ruinen des barocken Zeughauses Nowaja Gollandia auf einer Insel im Stadtteil Kolomna.

Zahl der Hotels nimmt zu

Beachtliche Fortschritte konnten in den vergangenen Jahren im Hotelleriesektor erzielt werden. Es entstanden viele kleinere, gut in Schuss gehaltene Hotels. Meist bieten sie professionelle Leistungen zu fairen Preisen an. Immer häufiger können Gäste mit Kreditkarten bezahlen und dürfen mit einem guten oder zumindest korrekten Service rechnen. Wer kein Russisch kann, muss nicht verzweifeln. Vor allem bei der jüngeren Generation ist Englisch auf dem Vormarsch. Und will man sich für einen Besuch der Eremitage im Sommer nicht in eine Warteschlange einreihen, erwirbt man das Eintrittsbillett vorab übers Internet.

Ein Aufenthalt in einer der Pensionen entlastet das Reisebudget (z.B. www.petersburg-hotel.com). Taddeo Battistini, Schweizer mit korsischen Wurzeln, bietet in einem renovierten Gebäude am Gribojedow-Kanal acht Gästezimmer mit Gemeinschaftsküche an, er kann auch die für das Visum nötige Einladung zustellen. Battistini, der seit 20 Jahren in St. Petersburg lebt, beherbergt eigenen Worten zufolge seit Jahresbeginn erstmals deutlich mehr russische als ausländische Gäste.

Russische Küche mit Niveau

Angesichts der Vielfalt an Restaurants und Clubs steht der Besucher vor der Qual der Wahl. Fortwährend gehen neue Lokale auf, aber ebenso schnell verschwinden auch ältere von der Bildfläche. Ausländische Restaurants jeder Preiskategorie stehen auf der Beliebtheitsskala an erster Stelle, da die meisten Besucher aus Russland stammen und den Reiz anderer Küchen kennenlernen wollen. Inzwischen bieten jedoch einige Restaurants die als wenig raffiniert geltende einheimische Küche auf höchstem Niveau an. Das Fischrestaurant Koryushka bei der Peter-und -Pauls-Festung zählt ebenso dazu wie das an der Leninstrasse gelegene «Mari Vanna» mit Wohnzimmercharme: Dort kann man die Nationalsuppe Borschtsch, Piroggen oder eingemachtes Gemüse geniessen. Dass man zumindest in St.Petersburg dem traditionell zu den Mahlzeiten servierten Wodka untreu geworden ist, zeigt die inzwischen auf 20 angestiegene Zahl von städtischen Kleinbrauereien. Auch beim Wein sind die Russen allmählich auf den Geschmack gekommen.

Livekonzerte und Partymeile

Während der Sowjetzeit so gut wie unbekannt, verleihen Clubs und Bars dem Nachtleben heutzutage genau die richtige Würze. Gemeint sind damit freilich nicht jene leicht schmuddeligen Orte mit Stripteaseeinlagen, deren Zahl seit einigen Jahren rückläufig ist, sondern beispielsweise Jazzlokale, die nicht nur an den Wochenenden mit Livekonzerten locken. Strahlten solche Orte früher bestenfalls Ikea-Charme aus, gleichen viele Bars dank ihrer alten Möbel heute Brockenstuben und erinnern an die Berliner Kneipenszene. Wer die städtische Partymeile sucht, wird in der Uliza Dumskaya schnell fündig.

Zu den beliebtesten Lokalen zählt seit 2003 das «Datscha». Betont lässig gekleidet und anscheinend fest entschlossen, sich zu amüsieren, müssen die Gäste dort gewiss nicht damit rechnen, in ihre Schranken gewiesen zu werden.

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