Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Interview

Botanik-Buch eines Entlebuchers:
«Sag mir, wo die Blumen sind»

Der pensionierte Escholzmatter Sekundarlehrer Franz Portmann ist Botaniker mit Leib und Seele. Nun hat er seine Kenntnisse der Entlebucher Pflanzenwelt in ein umfassendes Buch gepackt. Es wiegt stattliche 4,15 Kilo.
Interview: Pirmin Bossart

Ihr Mammutwerk über die Pflanzenwelt des Biosphärenreservates Entlebuch ist mehr als 4 Kilogramm schwer, hat 912 Seiten und 5800 Farbfotos. Seit wann haben Sie von diesem Buch geträumt?

Ausschlaggebend war die Begegnung mit Prof. Dr. Jean-Louis Richard (1921–2008), der mir 1974/75 an der Universität Fribourg die Augen geöffnet hat für die Pflanzensoziologie. Das ist die Lehre, welche Pflanzen warum in bestimmten Lebensräumen vorkommen. Ich war damals ein junger Sekundarlehrer und hatte mich schon lange intensiv mit Pflanzen befasst. Aber die Leidenschaft und die Fachkenntnis von Richard begeisterten mich so, dass ich beschloss: Wenn ich einmal pensioniert bin, werde ich ein Buch über die Pflanzen und ihre Lebensräume im Entlebuch schreiben.

Sie haben Wort gehalten, sogar etwas früher als vorgesehen.

Mit 61 beschloss ich, mit dem Unterrichten aufzuhören und mich nur noch diesem Projekt zu widmen. Aber der Abgang von meiner geliebten beruflichen Tätigkeit fiel mir schwer. Ich vermisste die Schule so stark, dass ich in ein richtiges Loch fiel. Ich habe dann einigen meiner ehemaligen Schülerinnen in Meggen Nachhilfeunterricht in naturwissenschaftlichen Fächern angeboten, damit sie gut durch das Kurzzeit-Gymnasium kamen. Das war meine Rettung. Mit dem Schreiben des Buches habe ich dann 2006 begonnen. Da war ich 62 Jahre alt.

«Meine Devise als Lehrer war: Alles sehen, vieles übersehen, wenig strafen.»

Das Buch eignet sich schlecht, um es in die Natur mitzunehmen. An welche Zielgruppe haben Sie gedacht als Sie das Buch schrieben?

Das Buch ist kein Exkursionsführer. Es umfasst drei Teile, die Landschaft Entlebuch, Pflanzen und ihre Lebensräume sowie Wandervorschläge. Das Buch wendet sich an interessierte Entlebucherinnen und Entlebucher, an Besucher der Unesco-Biosphäre Entlebuch, an Naturfreunde, an Verantwortliche für Natur und Landschaft sowie an Lehrpersonen und Schulen aller Stufen. Die 19 Wandervorschläge werden nächstes Jahr ­digitalisiert, mit einer App wird das Auffinden der Lebensräume mit ihren Pflanzen wesentlich erleichtert.

Sie hätten sich auch für Tiere wie Käfer oder Vögel begeistern können. Was hat Sie zu Pflanzen hingezogen?

Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen. Wir hatten viele verschiedene Wiesentypen, die mit strenger Handarbeit bewirtschaftet wurden. Meine Mutter pflegte einen grossen Bauerngarten und hatte ein waches Auge für die Schönheiten der Natur. Im Lehrerseminar Hitzkirch mussten wir bei Alfred Bögli, dem Höhlenforscher, ein Herbarium anlegen. Das machte ich mit Freude.

Zur Person

Franz Portmann, 1944 geboren, ist auf einem Bauernhof in Escholzmatt aufgewachsen. Er machte die Ausbildung zum Primarlehrer am Kantonalen Lehrerseminar in Hitzkirch, absolvierte das Sekundarlehrerdiplom mit Fächern phil. II und phil. I an der Uni Fribourg und machte dort später eine Weiterbildung mit Schwerpunkt Botanik und Pflanzensoziologie.
Während 28 Jahren arbeitete er als Sekundarlehrer in Escholzmatt, Flühli und Meggen. Drei Jahre amtete er als Bezirksinspektor für die Sekundar- und Realschulen Entlebuch, Hasle, Romoos. 1991–1998 war er Mitarbeiter beim Kantonalen Amt für Natur- und Landschaftsschutz in Luzern mit Schwerpunkt Umsetzung Moorschutz. Als Mitglied der Floristischen Kommission der Naturforschenden Gesellschaft Luzern war er für die Herausgabe der «Flora des Kantons Luzern» (1985) mitverantwortlich.
Viele Jahre leitete er naturkundliche und pflanzensoziologische Exkursionen im Entlebuch und war Teilnehmer an vielen botanischen Exkursionen in der Schweiz und im Ausland. Seit 1974 untersucht und fotografiert er die Lebensräume und ihre Pflanzengesellschaften in seiner engeren Heimat, was jetzt mit seinem kürzlich erschienen Standardwerk gekrönt wurde.
Franz Portmann ist seit 1970 mit Anne-Marie Thalmann verheiratet und Vater zweier Söhne. Er lebt im «Haus Botanica» in Escholzmatt.

Wollten Sie immer Lehrer werden?

Ich ging immer sehr gerne in die Schule. Früh verspürte ich den Wunsch, später selber mal Lehrer zu sein. Als älterer von zwei Söhnen haben meine Eltern aber erwartet, dass ich einst den Bauernhof als Landwirt übernehmen würde. Mit viel Verständnis und Opferbereitschaft erfüllten sie aber rasch meinen Berufswunsch, und ich konnte nach der 2. Sekundarklasse ins Lehrerseminar Hitzkirch eintreten. Dafür bin ich meinen Eltern heute noch dankbar.

Gibt es noch kein ähnliches Buch über die Pflanzenwelt im Entlebuch?

Nein. Auch über andere Regionen in der Schweiz gibt es meines Wissens nichts in dieser Art. Man findet Bestimmungsbücher oder Bildatlanten, in denen die Pflanzen meistens nach Familien und ihren Fundorten zugeordnet sind. Mein Buch ist ein leicht verständliches pflanzensoziologisches Werk. Es geht immer um Pflanzengruppen: Welche Pflanzen kommen in welchen Lebensräumen vor? Warum nur dort und anderswo nicht?

Wie sind Sie bei der Realisierung dieses Nachschlagewerkes vorgegangen?

Ich habe viel gelesen. Eine wichtige Quelle für mich war das Buch von Heinz Ellenberg, «Vegetation Mitteleuropas mit den Alpen», ein Standardwerk der Pflanzensoziologie. Dieses Handbuch gab mir das System, wie ich die Pflanzenwelt im Entlebuch pflanzensoziologisch aufteilen konnte. Ich habe 24 Lebensräume ausgeschieden und jeden Lebensraum mit den entsprechenden Pflanzengesellschaften beschrieben: Hoch­moore, Flachmoore, Magerwiesen, Bergwiesen, Schutt- und Felsfluren, Wiesen, Weiden, Wälder und andere Lebensräume.

Franz Portmann mit seinem Lebenswerk. (Bild: Eveline Beerkircher (Escholzmatt, 25. Oktober 2018))

Franz Portmann mit seinem Lebenswerk. (Bild: Eveline Beerkircher (Escholzmatt, 25. Oktober 2018))




Sie haben auch eine grosse Erfahrung mitgebracht.

Nach dem Sekundarlehrdiplom machte ich eine universitäre Weiterbildung mit Schwerpunkt Botanik und Pflanzensoziologie. Damals begann ich, systematisch die Lebensräume und ihre Pflanzen zu fotografieren. Als Mitarbeiter beim Kantonalen Amt für Natur- und Landschaftsschutz beschäftigte mich vorab die Umsetzung des Moorschutzes im Entlebuch. So lernte ich viele Lebensräume besser kennen. Das waren wichtige Erfahrungen, die mir nun halfen.

Ihre Sammlung von Pflanzenfotos muss riesig sein.

Mein Ziel war es, alle Pflanzenarten, die es im Entlebuch gibt, auf Dias zu bannen. Das sind etwa 1100 Arten. Das habe ich fast vollständig verwirklichen können. Manchmal bin öfter in das gleiche Gebiet gegangen, um von dieser oder jener Pflanze oder ihrem Lebensraum ein besseres Bild schiessen zu können. Ich habe weit über 10000 Dias gemacht. Mit der Digitalkamera sind nochmals Tausende von Fotos dazugekommen.

Ist das Entlebuch besonders reichhaltig an Pflanzen?

Aufgrund der geologischen Beschaffenheit ist es im Vergleich mit den anderen Regionen des Kantons Luzern am artenreichsten. Es gibt gegen 80 Pflanzenarten, die im Kanton Luzern nur im Entlebuch vorkommen. Viele von ihnen habe ich selber entdeckt. 1984 fand ich auf der Hagleren die Weissfilzige Alpenscharte, die gibt es auf wenigen Quadratmetern nur hier im Kanton Luzern. In Escholzmatt habe ich 1992 an einem Waldrand zufällig das Felsen-Labkraut gefunden, das in der Schweiz nur noch in der Gegend von Einsiedeln und im Kanton Appenzell vorkommt.

Wie entdecken Sie seltene Pflanzen? Sind das Zufälle?

Nicht nur. Es braucht ein Gespür dafür, wo diese oder jene Pflanze aufgrund der Bedingungen wachsen könnte. Natürlich braucht es ein gutes Auge. Oft gibt es lokale Besonderheiten, die zu Überraschungen führen. So findet man auf dem leicht sauren Boden des Schlierenflysch plötzlich typische Pflanzen der Kalk­berge. Grund: Der Schlierenflysch enthält eben auch da und dort recht viel Kalk.

Haben Sie ein paar Pflanzen, die es Ihnen besonders angetan haben, und wo haben Sie diese gefunden?

Ich habe gerne Pflanzen, die an extremen Standorten gedeihen. Die Aurikel oder Flueblume hat mir immer gefallen. Sie ist oft im felsigen Kalkgebiet anzutreffen, ebenso der seltenere Schweizerische Mannsschild. Die Orchidee Hummel-Ragwurz blüht mit ein paar wenigen Exemplaren im Entlebuch nur in einer Magerwiese in Romoos, ebenso die Bienen-Ragwurz. Eine grosse Freude bereitete mir 1979 die Entdeckung der Paradieslilie in einer steilen Bergwiese an der Grönflue. Eine heute selten gewordene Augenweide sind Anfang Mai Hunderte von Weissen Berg-Narzissen auf einer Bergwiese in Marbach.

Sie müssen das Entlebuch wie Ihre Hosentasche kennen. Sind Sie immer zu Fuss unterwegs?

Ich liebe die Natur und vor allem die Berge. Ohne sie könnte ich nicht leben. Zeitweise bin ich für das Botanisieren pro Tag 10 Stunden unterwegs gewesen. Viele Strecken habe ich mit dem Auto gemacht, um Zeit zu gewinnen. Manchmal habe ich auch direkt aus dem Auto heraus botanisiert. Ich konnte überall fahren, wo es möglich war. Von den ­Gemeindeammännern von Flühli-Sörenberg, Escholzmatt-Marbach und Entlebuch habe ich jeweils die Bewilligung zum Befahren von Strassen mit Fahrverbot erhalten. Das sparte viel Zeit.

Können Sie wandern, ohne dass Sie ständig nach Pflanzen gucken?

Wenn ich allein unterwegs bin, halte ich schon intensiv Ausschau nach Pflanzen. Deswegen gehe ich im Herbst viel weniger wandern, weil dann die meisten Pflanzen verblüht sind. Wenn ich aber mit der Familie unterwegs war, konnte ich nie gut botanisieren. Das war für die Kinder zu langweilig.

Haben Sie ein Lieblingsplätzchen im Entlebuch?

Ja. Am Fuss der Schrattenflue, in der Nähe der Alp Stein, unweit vom Hürnli, blüht eine der schönsten Borstgras­wiesen im Kanton Luzern. Sie ist voller Arnika und Purpur-Enzian. Ich wusste sehr früh, dass dieser Ort das Titelbild meines Buches werden musste. Ich bin sicher 20 Mal hingefahren, um kurz nach 18 Uhr, wenn die Abendsonne den Hengst der Schrattenflue hell erleuchtet, ein stimmungsvolles Foto zu bekommen.

Das Buch ist ein Vorzeigewerk für die Unesco-Biosphäre. Hatten Sie viel Support von dieser Seite?

Inhaltlich und finanziell hat die Unesco-Biosphäre Entlebuch (UBE) keinen Beitrag geleistet für die Drucklegung des Buches. Mit einem Gesuch an das Bundesamt für Umwelt (Bafu), das vom Kanton unterstützt wurde, hat die UBE aber erreicht, dass der Bund einen namhaften Beitrag an die Digitalisierung der Wandervorschläge zugesichert hat.

Sie waren Sekundarlehrer, haben sich seit Jahrzehnten mit Akribie der Botanik gewidmet und mit Ihrer Frau Kinder grossgezogen. Hatten Sie da noch Platz für andere Ak­tivitäten?

Ja, schon als Bub im Turnverein und später im Lehrerseminar habe ich mit Begeisterung Sport getrieben. Ballspiele, Kunstturnen und Leichtathletik waren meine bevorzugten Sportarten. 10 Jahre habe ich aktiv bei den Senioren als ­Goalie und linker Verteidiger Fussball gespielt. Gleichzeitig war ich acht Jahre Schiedsrichter für meinen Verein FC Escholzmatt-Marbach. Bei dieser Tätigkeit wurde mir klar, dass Junioren- sowie Senioren- und Veteranen-Mannschaften eine konsequente und korrekte Schiedsrichterhand brauchen.

Wie haben Sie als Lehrer auf die Veränderungen der Gesellschaft reagiert?

Insgesamt habe ich 28 Jahre an der Sek unterrichtet. Ich habe in der Schule oder mit den Eltern nie Probleme gehabt. Der Schulbetrieb hat mich auch nie belastet. Heute haben Jugendliche mehr Möglichkeiten, sie sind offener, aber auch grösseren Einflüssen und Ablenkungen ausgesetzt, vor allem auch durch die elektronischen Medien. Die zeitliche und psychologische Belastung für die Lehrpersonen ist mit anhaltenden Reformen und Mitsprache der Eltern viel grösser geworden. Leider musste ich in den letzten Jahren meiner Berufstätigkeit auch etwa feststellen, dass Jugendliche untereinander rücksichtsloser, ohne Mitgefühl und brutaler umgehen. Die Hemmschwellen sind tiefer geworden. Es kündigt sich auch hier – wie manchmal in Wirtschaft und Politik – der Abschied von der Menschlichkeit in einer wohlstandsgeschädigten Gesellschaft an. Andererseits darf ich aber festhalten, dass es auch heute noch sehr viele ganz tolle Jugendliche gibt, das ist ein grosses Versprechen für die Zukunft!

Welche Werte haben Sie in der Schule vermittelt?

Ich wollte, dass die Schülerinnen und Schüler etwas leisten, entsprechend ihren Fähigkeiten. Dass es ihnen wohl war in der Schule und dass sie im Umgang anständig und freundlich sein konnten. Ich war als Lehrer kein Polizist, aber die Schüler wussten, was geht und was nicht. Ich war kein Freund von Strafen. Meine Devise war: helfen statt strafen oder: alles sehen, vieles übersehen, wenig strafen! Frechheit und Lügen konnte ich nicht dulden. Wichtig fand ich immer, dass der Unterricht humorvoll sein musste. Die Schüler schätzten das. Einige sagen mir heute noch: «Du warst in der Schule wie ein Vater zu uns.»

Wie gehen Sie mit der Digitalisierung und den damit einhergehenden Veränderungen um?

Ein einfaches Handy genügt mir. Der Computer ist für mich ein wertvolles Instrument. Mit dem Schreiben des Buches habe ich viel dazugelernt. Trotzdem bin ich am Computer immer noch ein fortgeschrittener Anfänger. Bei Problemen kann ich aber immer auf die kompetente Hilfe unseres Dorfdrogisten zählen.

Franz Portmann, «Die Pflanzenwelt der Unesco-Biosphäre Entlebuch», Haupt Verlag, 912 Seiten, 5800 farbige Abbildungen, 30 Karten, gebunden in Schuber, 88 Franken www.haupt.ch
Das Buch ist in allen Buchhandlungen erhältlich, ebenso in den Tourismusbüros von Escholzmatt und Sörenberg sowie im Entlebucher Medienhaus in Schüpfheim.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.