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Schicksen sind in Zürich-Wiedikon kein Thema

Die Komödie über den jungen Juden Motti Wolkenbruch bricht an den Schweizer Kinokassen alle Rekorde. Ultraorthodoxe Juden aus Zürich finden den Film weniger witzig, wie ein Besuch zeigt.
Pascal Ritter
Kinder und Erwachsene feiern im Stadtviertel Wiedikon in Zürich das Purimfest. (Bild: Ennio Leanza/KEY)

Kinder und Erwachsene feiern im Stadtviertel Wiedikon in Zürich das Purimfest. (Bild: Ennio Leanza/KEY)

Von der Synagoge bis zur Leinwand sind es nur 500 Meter. Im Kino Houdini im Kreis 4 lachen die Stadtzürcher in vollen Sälen über den Juden Mordechai «Motti» Wolkenbruch. Im Film tragen die Männer lange Bärte, schwarze Gewänder, auffällige Hüte oder Kippas. Weisse Schnüre baumeln über ihren Hüften, Locken über ihren Schläfen. Die Frauen tragen Röcke und Perücken und irgendwie alle die gleichen Daunenjacken.

Motti Wolkenbruch sorgt mit seiner Liebschaft für Aufruhr in der Gemeinschaft. Seine Mutter versucht ihn mit arrangierten Treffen (Schiduch) weg von der Schickse Laura und hin zu einem jüdischen Mädchen zu lotsen. Regisseur Steiner zeichnet das Bild einer Parallelgesellschaft, die den Kontakt nach aussen meidet.

Zeichnet der Film ein authentisches Bild der Juden ?

Für den Realitätscheck muss man die 500 Meter gehen. Denn für ein Gespräch mit konservativen Juden eignet sich kein Ort besser als die Kreuzung von West- und Erikastrasse mitten im Herzen von Zürich-Wiedikon. Hier steht die Synagoge Agudas Achim.

Während andere orthodoxe Juden zusammen mit liberalen in Verbänden und Synagogen zusammenkommen, bleiben die Mitglieder dieser Gemeinschaft meist unter sich. Ihre Mitglieder leben nach einer besonders konservativen Auslegung des jüdischen Glaubens. Mischehen sind verpönt, und manch ein Mitglied arbeitet nicht, um sich ganz dem Studium der fünf Bücher Mosis, der Tora, zu widmen. Die vielleicht 2'000 Ultraorthodoxen sind unter den 18'000 meist liberalen oder säkularen Juden, die in der Schweiz leben, eine Minderheit.

Motti Wolkenbruch, gespielt von Joel Basman, sorgt für Aufruhr in seiner Gemeinschaft. (Bild: PD)

Motti Wolkenbruch, gespielt von Joel Basman, sorgt für Aufruhr in seiner Gemeinschaft. (Bild: PD)

Orthodoxe schauen ihre eigenen Filme

Gleich gegenüber der Synagoge bietet der Supermarkt ­Koscher City nach jüdischen Vorschriften produzierte Lebensmittel an. Das Fleisch etwa stammt von geschächteten Tieren und kommt nie mit Milchprodukten in Berührung. Judith Rubinstein überquert die Strasse. Um sie herum kurvt einer ihrer Söhne mit dem Kickboard. Den Film «Wolkenbruch» hat die 46-Jährige nicht gesehen. «Wenn wir Orthodoxen Filme schauen, sind es unsere eigenen», sagt Rubinstein, die eigentlich anders heisst, aber wie alle befragten orthodoxen Juden nicht will, dass ihr Name in der Zeitung steht. Einer Schickse oder einem Schegez, wie nichtjüdische Männer auf Jiddisch genannt werden, ist noch keines ihrer zwölf Kinder verfallen. Fünf davon fanden bereits einen Partner innerhalb der Gemeinschaft. Die Übrigen sind zum Heiraten noch zu jung. Trotzdem sagt sie:

«Ich möchte, dass meine sieben Buben und fünf Töchter eine Jüdin oder einen Juden heiraten.»

Es gelte, das jüdische Volk am Leben zu halten. Wer wie Rubinstein den jüdischen Glauben streng auslegt, glaubt, dass nur Jude sein kann, wer eine jüdische Mutter hat. «Letztlich», sagt Rubinstein, «müssen die Kinder aber selber entscheiden.»

Wegen seiner Liebe zur Nichtjüdin Laura überwirft sich Motti mit seinen Eltern. (Bild: PD)

Wegen seiner Liebe zur Nichtjüdin Laura überwirft sich Motti mit seinen Eltern. (Bild: PD)

Als es eindunkelt, treffen Männer in schwarzen Mänteln bei der Synagoge ein. Das zweite von drei täglichen Gebeten steht an. Manche tragen die Kippa, ­andere die etwas auffälligeren schwarzen Filzhüte. Auf den Film angesprochen, verwirft ein Mann mit langem weissem Bart die Hände: «Der ist schlimm, der ist nicht objektiv», sagt er. Ein jüngerer Mann stimmt ihm zu. «Man zeigt Juden mit unseren Kleidern, erzählt aber die Geschichte von einem, der vom Glauben abgefallen ist.» Es komme nur sehr selten vor, dass ein ultraorthodoxer Jude wegen einer Schickse die Gemeinschaft verlasse. Mit ihrer Kritik bestätigten sie, was der Film zeigt: Es ist schwer für junge Leute, aus der Gemeinschaft auszutreten.

Eine Hotline für die Aussteiger

Den Schritt gewagt haben Samuel Friedman und Samuel Cohen. Die beiden jungen Männer haben die Hüte abgelegt und die langen Schläfenlocken abgeschnitten. Sie leben zwar immer noch in Zürich-Wiedikon, aber nicht in einer Ehe mit vielen Kindern, sondern zusammen in einer Wohngemeinschaft. Gestern waren sie in Leverkusen, als der Fussballclub Zürich dort gegen den FC Bayer spielte. Fussball schauen: Das ist auch so etwas, was sie als Buben nicht durften. Cohen hat Regisseur Steiner bei den Dreharbeiten beraten und spielt selbst im Film mit.

Friedman und Cohen sind gerade dabei, eine Plattform für die Beratung von Aussteigern aus dem orthodoxen Judentum zu gründen. «Es braucht viel Kraft, seinen eigenen Weg zu gehen», sagt Cohen. Per Telefon und via Website wollen sie zweifelnden jungen Leuten das Gespräch ­anbieten. Die Plattform heisst Derachim, was Weg bedeutet. Die Botschaft: Jeder soll seinen eigenen Weg gehen.

Das Nachmittagsgebet ist zu Ende. Der 18-jährige Benjamin tritt aus der Synagoge. Mit seinem lichten Bart sieht er fast aus wie Motti Wolkenbruch. Im Gegensatz zur Filmfigur hat Benjamin hat er sich gerne verkuppeln lassen. «Ich heirate in zwei Wochen», sagt er und strahlt.

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