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SCHWEDEN: Mit der Familie im Robinsonland

Im Naturparadies Värmland glitzern 10000 Seelein. In den Wäldern leben gleich viele Bären wie Menschen – und angeblich auch Feen.
David Coulin
Die Familie lässt sich den Fluss Klarälven hinuntertreiben.

Die Familie lässt sich den Fluss Klarälven hinuntertreiben.

«Der schwedische Kaffee mag zwar dünn und bitter sein, dafür ist bei uns das Wi-Fi inbegriffen.» – Dieser Bescheid im erstbesten Stockholmer Restaurant erhellt die Mienen unserer Kinder entschieden mehr als jene von uns Eltern. Nur: Dreihundert Kilometer weiter westwärts, in der Region Värmland nahe der norwegischen Grenze, da schmeckt der Kaffee auch schwedisch, aber es gibt kein Wi-Fi. «Das haben wir vor zwei Jahren abgestellt», sagen Erik und Vanessa, auf deren Landsitz wir zu Gast sind.

Um dorthin zu gelangen, fliegt man am besten nach Stockholm, verfolgt belustigt das todernste Wachtablösungstheater vor dem verlassenen Königlichen Schloss in der Stadtmitte und zieht dann mit den Kindern weiter zum Vergnügungs- und Erholungsbezirk Djurgarden. Nicht wegen des grossen Lunaparks, sondern wegen des Wasamuseums oder – noch besser – den zwei Schiffen, die vor diesem in eine Museumshülle gepackten antiken Kriegsschiff vor Anker liegen und gratis besichtigt werden können. Es sind ein Leuchtturmschiff und ein Eis­brecher, und alles darf berührt werden. Auch einen Kinderbesuch wert ist gleich nebenan das Märchenmuseum Junibacken. Dieses erlaubt einen guten Einblick in die schwedische Fantasiewelt, wie sie uns auch in Värmland wieder begegnen wird. Wenn man dann vielleicht auch noch das völlig überlaufene Innenstädtchen von Gamla Stan durchstreift und einen Ausflug auf eine Schäreninsel unternommen hat, ist die Zeit reif für die Zugfahrt nach Karlstad am Vänernsee, dem grössten Süsswassersee Europas. Das Landgut von Erik und Vanessa liegen bei Olsäter rund 50 Kilometer nördlich von Karlstad in der Nähe eines Radwanderweges, der sich als Produkt eines EU-Tourismusprojekts 90 Kilometer hinzieht bis nach Hagfors.

Heimat des Kinderbuchhelden Nils Holgersson

Da sind wir also, wir Eltern mit der Gewissheit, bis zur Heimkehr auf guten Kaffee verzichten zu müssen, die Kinder mit ihren Tablets, aber ohne Wi-Fi. Elias (11) und Serafin (9) vermissen es keine Sekunde. Denn es gibt da Bälle, Uni­hockeygoals, ein Trampolin, Basketballhandschuhe, einen Pingpongtisch und einen Schuppen mit vielen Velos drin. Vornedran steht ein draisinenartiges Gefährt, das sich ähnlich wie ein Pedalo fortbewegen lässt, nur viel schwerfälliger. Serafin entdeckt es sofort, und von da an ist eine tägliche Tret-Go-Kart-Runde Pflicht. Da gibt es aber vor allem auch andere Kinder. So durchstreifen wir mit einer anderen Familie und mit einem GPS bewaffnet die schwedischen Wälder. 70 Prozent der Fläche von Schweden ist bewaldet, Holz das einzige Industrieprodukt der Region. Viele Wälder sind jedoch eigentliche Urwälder. Wir lassen uns auf dem bemoosten Waldboden nieder, um Heidelbeeren abzupflücken, ­Eierschwämme zu bergen oder das morsche und vermooste Unterholz zu erforschen. Es wundert uns nicht, dass die berühmte Autorin und Gutsherrin Selma Lagerlöf – sie ist nicht weit von Olsäter entfernt auf einem ansehnlichen Gut aufgewachsen, das jetzt ein hübsches Lagerlöf-Museum beherbergt – ihren Nils Holgersson zum Zwergen gemacht hat. Denn die Schönheit des Distrikts Värmland, der etwa so gross ist wie die Schweiz, zeigt sich nicht nur in der unberührten Weite der Landschaft mit unendlich scheinenden Wäldern und Seen, die von keinem einzigen Haus umstanden sind. Sie zeigt sich auch in den verschiedenen Grüntönen der Moose, in den Seerosen, in den vom Eisengehalt rostrot gefärbten Granitbuckeln, in den Orchideen, die am Wegrand bewundert werden können. Die Schweden sind überzeugt, dass es hier auch Feen gibt.

Leider sehen wir keine Feen und auch keine Bären und Wölfe und Elche, obwohl es von letzteren in Värmland etwa gleich viele gibt wie Menschen, nämlich rund eine Viertelmillion. Sie werden im Oktober gejagt wie in der Schweiz die Steinböcke, mit klaren Kontingenten pro Region zur gesunden Regulierung des Bestandes. Was wir aber sehen, sind einige der über 10 000 warmseichten Seelein von Värmland. Ein Bad drängt sich auf. Wichtig ist nur, sich nachher schnell wieder anzuziehen und sich so vor Mückenstichen zu schützen.

Tags darauf lassen wir uns auf Flossen den eiskalten Fluss Klarälven hinuntertreiben. Es ist ein Fluss wie die Aare oder die Thur, mit einem Unterschied: Es gibt weniger Brücken, und man ist hier den ganzen Tag allein. Wenn einem an einem Tag ein oder zwei Boote entgegenkommen, wird das von den Schweden schon als hektischer Verkehr empfunden. So gelangen wir zu einer kleinen Insel, auf der zwischen Bäumen Zelte verborgen sind. Erik bekocht uns über dem offenen Feuer mit Kartoffeln und Wursträdchen und Gemüse, die Kinder spielen mit Stecken und fühlen sich wie Robinson. Leider ist der Boden unter den Zelten nicht sehr ausgeebnet. Aber man muss ja nicht immer schlafen können, übernachten reicht auch.

Der Familientest: Im Kanu paddeln

Am vierten Tag dann der Charaktertest: Bringen wir es als Familie fertig, so zu paddeln, dass sich unser Kanu geradeaus bewegt? Wir müssen ein bisschen üben, bis die Koordination und die Kommunikation klappt. Denn einfach draufloszurudern bringt nichts, zumal ein Viererkanu ziemlich sensibel reagiert und gnadenlos ausschert. Dann aber rudern unsere Jungs nicht mehr zickzack, sondern zack, zack, und wir haben unseren Spass daran. Zu sagen ist ehrlicherweise auch, dass wir Wetterglück haben. Einige Tage zuvor scheiterten zwei triathlonerprobte Athleten an derselben Kanufahrt und mussten völlig durchnässt und durchfroren aufgeben.

Natürlich machten wir auch noch anderes: zum Beispiel Velo fahren vorbei an putzigen Schwedenhäuschen (die meisten Schwedenhäuser sind rot gestrichen, weil Rot die billigste Farbe ist). Oder schwedisch essen mit süss-saurem Beigeschmack (dieser fernöstliche Einfluss ist der Freundschaft des schwedischen mit dem thailändischen Königshaus geschuldet). Oder gut schlafen in unserer heimeligen Lodge im umgebauten Stallgebäude, wobei das Abendrot im Sommer praktisch übergangslos mit der Morgendämmerung verschwamm. Vor allem saugten wir aber sieben Tage lang die oft menschenleere Natur Mittelschwedens in uns auf. Was hängen blieb? «Ich habe alle Muskeln trainiert», sagt Elias. «Das draisinenartige Gefährt auf dem Hof war super, obwohl ich damit in den Strassengraben gefallen bin», sagt Serafin. «Mir gefielen die vielen Kontakte und die Helligkeit bis tief in die Nacht», sagt meine Frau Barbara. Und ich erinnere mich immer wieder an die goldgelben Kiesbänke.

David Coulin

Die Reise wurde unterstützt von Kontiki Reisen.

Viele Schwedenhäuser sind rot gestrichen.

Viele Schwedenhäuser sind rot gestrichen.

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