SCHWEIZ: Vor den Viertausendern

Von Mürren nach Grütschalp, vom Männlichen auf die Kleine Scheidegg oder durchs Rosenlauital – Winterwandern in der Jungfrauregion ist ein Erlebnis.

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Vor der Kulisse von Eiger, Mönch und Jungfrau: ein kurzer Schwatz auf dem Winterwanderweg von Mürren nach Grütschalp. (Bild: Norbert Linz)

Vor der Kulisse von Eiger, Mönch und Jungfrau: ein kurzer Schwatz auf dem Winterwanderweg von Mürren nach Grütschalp. (Bild: Norbert Linz)

tEXT UND BILDER NORBERT LINZ

Neben traumhaften Skiabfahrten bietet das Berner Oberland auch exzellente Winter-Wanderrouten – als Einstieg wählen wir einen Panoramaweg vom Feinsten. Majestätisch strahlen die Viertausender in der Sonne: Eiger, Mönch und Jungfrau! Wir starten im autofreien Mürren, dem Bergdorf mit alten sonnengebräunten Holzchalets.

Der junge Tourismuschef Samuel Bichsel schwärmt davon, wie viele seiner Gäste den leicht welligen, gut präparierten Winterwanderweg nach Grütschalp gehen, hoch über dem engen, 800 Meter tiefer liegenden Lauterbrunnental. Statt eineinhalb Stunden zurück zu wandern, meint er, bietet sich die Schmalspurbahn an. Mit ihr ist schon um 1900 die britische High Society gefahren, die sich hier im Winter vergnügte.

Eigernordwand-Dreieck im Blick

Zur nächsten Runde erwartet uns tief unten in Lauterbrunnen die längste Zahnradbahn Europas. Mit der grün-gelben Wengernalp-Bahn gehts leicht ruckelnd hoch auf die Sonnenterrasse nach Wengen und im Nu mit der Seilbahn zum Männlichen auf 2230 Meter. Auf dem Plateau empfängt uns das Bergpanorama der Viertausender. Mit lilafarbenen Schildern ist der etwa dreistündige Wanderweg zur Kleinen Scheidegg gut gekennzeichnet.

Wir gehen los. Der Weg ist breit gespurt, die Sonne gleissend hell. In der verschneiten Bergwelt Stille ringsum. Wir laufen am Fuss des Tschuggen entlang mit herrlichem Blick hinunter ins Grindelwaldtal. Dann kommt hinter einer Wegbiegung das wuchtige Dreieck der Eigernordwand gross ins Bild. Welch ein Anblick! Beim Arvengarten bringt uns ein letzter Aufstieg nochmals ins Schwitzen: hinauf zur Passhöhe der Kleinen Scheidegg. Hier auf 2061 Metern wartet wieder die Wengernalp-Bahn (WAB). Es ist noch Zeit bis zur Abfahrt. Lokführer Paul Betschart, seit drei Jahrzehnten bei der WAB, ist für Fragen offen. So erklärt er etwa die unterschiedliche Sitzneigung der Waggons bei Berg- und Talfahrt. Oder dass bergab Strom in die Fahrleitung zurückgespeist wird. Gemächlich fahren wir hinab ins autofreie Wengen.

Abgeschiedenes Wintermärchen

Hier im Laden der Molkerei Chäs-Gruebi bietet Käthi von Allmen eine breite Palette an Käsespezialitäten. Ihr Mann Hans erzählt, seine Liebe zum Käse habe er als Bub auf der Alp entdeckt. Mit ihm steigen wir in den Keller. Kräftiger Geruch strömt uns entgegen. Zwischen Regalen mit grossen Käselaiben probieren wir unterschiedlich alte Alpkäse. Je älter, desto würziger. Und der Unterschied zum Bergkäse? Den kennen viele nicht, sagt Hans von Allmen. Alpkäse wird nur im Sommer kuhwarm vor Ort aus Rohmilch hergestellt. Den Unterschied schmecke man – Käsefachmann von Allmen zieht geniesserisch die Augenbrauen hoch.

Wer dem Pistenrummel als Wanderer ganz entgehen will, so hören wir, findet im östlichen Berner Oberland ein abgeschiedenes Wintermärchen. Wir sind neugierig.

Also zurück mit dem Zug nach Interlaken und am Brienzersee entlang bis Meiringen. Hier treffen wir den urigen Emil Feuz, einen fitten 70-jährigen Wanderführer. Da das Postauto unregelmässig fährt, sind wir in seinem Auto unterwegs. Laut müht sich der alte PKW die schmale Strasse hinauf, 9 Kilometer hinein ins abgeschiedene Rosenlauital. Wir beginnen den gut beschilderten Rundwanderweg auf 1300 Metern auf der reizvollen Alp Gschwantenmad.

Fast 300-jährige Käsespeicher

Im Winter ist sie unbewohnt, im Sommer von den Sennen bewirtschaftet. Dann sind über 1200 Kühe auf dieser Alpweide, erläutert Feuz. Vom Tannenwald her an der Talseite kommen frische Fuchsspuren. Sie kreuzen unseren Weg, der sich zwischen Obstbäumen und auf Stelzen stehenden alten Käsespeichern sanft den Hang hochschlängelt. Auf einer der Holzhütten entdecken wir über der Tür, eingekerbt in einen Tragbalken, die Inschrift «Ano 1717 Jahrs Herr Ich Warten Auff Dinn Heill». «Gebuwen», also erbaut, durch Hänss von Bärgn. So alt hätten wir den Speicher nicht geschätzt. Er ist bestens erhalten.

Wir wandern den gut gespurten Weg bergauf. Endlich: Die Sonne kommt durch. Welch eine Kulisse: die steil aufgestellten Engelhörner, der Rosenlaui­gletscher und das Wetterhorn leuchten im Mittagslicht! Über den sanften Rufenen-Hang mit seinen alten Ahornbäumen gelangen wir ins Broch mit seinen sonnseitigen Weidehängen und erreichen nach eineinhalb Stunden auf 1450 Metern die Schwarzwaldalp. Im Restaurant bestellen wir zur Stärkung ein Wetterhorn-Plättli mit Trockenfleisch, Landrauchschinken und gehobeltem Alpkäse.

Zurück geht es ganz locker bergab über das wildromantische Reichenbachtal, vorbei an dem nostalgischen Gründerzeithotel Rosenlaui. Schade, dass es im Winter geschlossen ist, meint Emil Feuz. Jetzt wäre so ein Schümli Pflümli gerade recht.

Wandern statt fahren

Die Pisten und Hänge vor der Kulisse von Eiger, Mönch und Jungfrau sind allen Skifahrern, nicht nur den Rennfahrern, ein Begriff. Doch auch Winterwanderer finden hier Routen und Wege für das etwas gemächlichere Vorankommen.