Thomas Stocker

Schweizer Klimaforscher bricht Lanze für China und sagt, wie ihn ein Politiker beeinflussen wollte

Der Umweltphysiker Thomas Stocker (58) ist seit 1993 Professor am Physikalischen Institut der Universität Bern. Im Interview mit der Schweiz am Wochenende erklärt er unter anderem, warum China die Dringlichkeit erneuerbarer Energien erkannt hat.

Andreas Maurer und Samuel Schumacher
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Die Hurrikane «Irma» und «Katia» (von links nach rechts) aus der Sicht des amerikanischen Wettersatelliten GOES-16. Rechts: Physiker Thomas Stocker.

Die Hurrikane «Irma» und «Katia» (von links nach rechts) aus der Sicht des amerikanischen Wettersatelliten GOES-16. Rechts: Physiker Thomas Stocker.

AP/NOAA/HOGP/Severin Bigler

Umweltphysiker Thomas Stocker (58) hat die Wand seines Büros der Universität Bern mit Souvenirs dekoriert. Vertrocknete Blumenkränze erinnern an sein Sabbatical auf Hawaii. Mehrere Dutzend Badges dokumentieren seine Auftritte an Klimakonferenzen. Für den nächsten Auftritt liegt der Koffer schon bereit. Nach dem Interview fliegt er nach Indien.

Herr Stocker, es sind aufregende Zeiten für einen Klimaforscher. In den USA wüten die Hurrikane, in Saas-Grund bricht der Gletscher ab, in Bondo stürzt der Berg ins Tal, und in Portugal brennen die Wälder. Verbringen Sie Ihre Tage vor dem Newsticker?

Thomas Stocker: Natürlich verfolge ich die Nachrichten. Als Klimaforscher beschäftige ich mich aber vor allem mit langen Datenreihen. Aufgrund der Treibhausgaskonzentration in Eisbohrkernen können wir mit wissenschaftlich verlässlich sagen: Die CO2-Konzentration ist heute höher als je zuvor in den vergangenen 800 000 Jahren. Die Durchschnittstemperatur ist global seit 1900 um 1 Grad gestiegen, in der Schweiz sogar um 1,8 Grad.

Wie erklären Sie die Häufung der aktuellen Extremereignisse?

Viele sind vom Klimawandel beeinflusst. Die Hitzewelle von 2003 war das erste Extremereignis, bei dem nach einigen Jahren Forschung nachgewiesen werden konnte, dass es wegen des Klimawandels besonders stark ausgefallen ist. Die Hurrikane werden durch den Klimawandel ebenfalls verstärkt. Da das Meer wärmer wird, können sie mehr Energie aufnehmen. Zudem ist der Meeresspiegel seit 1900 um zwanzig Zentimeter angestiegen. Dadurch richten die Wellen mehr Schäden an.

Renommierter Wissenschafter

Thomas Stocker (58) ist seit 1993 Professor am Physikalischen Institut der Universität Bern. Er leitet die Abteilung für Klima- und Umweltphysik und modelliert mit seinem Team vergangene und zukünftige Klimaveränderungen. Dazu untersuchen die Forscher unter anderem Eisbohrkerne aus der Antarktis und Grönland. Stocker entdeckte, dass ein enger Zusammenhang zwischen Änderungen der Ozeanströmungen und dem Klima besteht.

Von 2008 bis 2015 war Stocker Co-Vorsitzender einer Arbeitsgruppe, welche die wissenschaftlichen Grundlagen für den Klimabericht der UNO erarbeitete. Der Bundesrat schlug ihn 2015 für den Vorsitz des Weltklimarats IPCC vor. Doch Stocker unterlag bei der Wahl gegen den Südkoreaner Hoesung Lee. Dieses Jahr erhält er den Marcel-Benoist-Preis, der als «Schweizer Nobelpreis» gilt.

In der Schweiz flog Bundespräsidentin Doris Leuthard nach dem Bergsturz nach Bondo. Sie verkündigte, wegen des Klimawandels müssten wir vermehrt mit derartigen Extremereignissen rechnen. Einverstanden?

Ich finde es ausgezeichnet, dass sie sofort hingeflogen ist. Sie zeigt, dass bei uns die Regierung Anteil nimmt und sich vor Ort einen Eindruck verschafft. Bei solchen Ereignissen werden verständlicherweise Aussagen oft verkürzt formuliert. Im Grundsatz hat Frau Leuthard aber recht. Wegen des Klimawandels müssen wir mit mehr Extremereignissen rechnen. Bergstürze gab es allerdings schon immer.

Statistisch ist keine Häufung von Bergstürzen festzustellen.

Bergstürze sind seltene Ereignisse. Deshalb kann man kaum statistische Aussagen dazu machen. Grundsätzlich gilt aber: Überall, wo der Permafrost – gefrorenes Wasser im Gestein – auftaut, wird der Fels instabiler.

Unterhalb von Permafrostgebieten werden die Felsen aber stabiler, wenn die Winter wärmer werden, sagen Geologen.

Das kann punktuell der Fall sein. Wir sagen nicht, dass es überall gefährlicher und schlimmer wird. Die Tendenz ist aber da: Wir müssen uns auf eine Umgebung einstellen, die sich schneller verändert als früher. In bewohnten Gebieten ist das ein Risiko.

Der Sommer 2017 war der drittwärmste seit Messbeginn. Dennoch lässt der Klimawandel viele Leute kalt. Haben Sie Verständnis dafür?

Überhaupt nicht. Das ist, wie wenn ein Raucher jeden Morgen mit einem Husten aufsteht und keinen Zusammenhang zu seiner Sucht sehen will. Wer den Klimawandel abstreitet, ignoriert wissenschaftliche Fakten, die von Hunderten Instituten weltweit zusammengetragen worden sind. Dennoch gibt es vor allem in den USA und England starke Lobbyorganisationen, die behaupten, es gebe den Klimawandel nicht. Diese Argumentation wurde auch in der Schweiz übernommen, zum Beispiel in einem Positionspapier der SVP aus dem Jahr 2009, das immer noch auf dem Netz ist.

Es gibt aber auch Politiker, die jedes Ereignis mit dem Klimawandel erklären wollen, obwohl sich ein Zusammenhang nicht belegen lässt.

Ich muss aber festhalten: Die Zeit ist vorbei, in der man jede Aussage mit dem Mantra beginnt, man könne noch nichts Definitives sagen, da nicht alle Zusammenhänge erforscht seien. Wir wissen, dass sich das Klima wegen der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas erwärmt. Und wir wissen, dass sich die Erwärmung nur mit einer Reduktion der Treibhausgasemissionen bremsen lässt.

Welchen Beitrag soll ein Durchschnittsschweizer leisten?

Eines meiner wichtigsten Anliegen ist es, dass man an unserer Demokratie klimabewusst teilnimmt. Dass man also bei jeder Abstimmung überlegt: Was sind die Folgen fürs Klima? So wie man sich ja immer fragt, was die Folgen fürs Portemonnaie sind. Die Informationen zu den Konsequenzen fürs Klima stehen aber kaum im Abstimmungsbüchlein.

Welches Land stufen Sie klimapolitisch als vorbildlich ein?

Dänemark bezüglich Windenergie pro Kopf. Die Dänen haben grosse Windparks gebaut und setzen voll auf erneuerbare Energien.

Mehr als die Schweiz?

Dänemark produziert mehr Strom aus Erneuerbaren pro Kopf als die Schweiz. Ein anderes eindrückliches Beispiel ist China. Die Chinesische Regierung hat die Dringlichkeit des Problems erkannt. Und auch die Chance, die Führerschaft im Bereich der erneuerbaren Energien übernehmen zu können, nachdem sich die USA von dieser Aufgabe verabschiedet haben.

Die chinesische Regierung gab bekannt, ab 2040 keine neuen Autos mit Verbrennungsmotoren zuzulassen. Das ist doch vor allem eines: geschickte Propaganda.

Das glaube ich nicht. Schauen Sie sich zum Beispiel Peking an. Ich war vor 30 Jahren zum ersten Mal dort. Damals war die Stadt voller Velos. Dann kamen die Autos und Motorräder. Inzwischen sind praktisch nur noch Motorräder mit Elektromotoren unterwegs. Das ist ein gewaltiger Fortschritt. Das zeigt: China kann sehr schnell reagieren, wenn die Regierung ein konkretes Ziel hat.

Als Klimaforscher und -erklärer jetten Sie um die Welt. Nach diesem Interview reisen Sie nach Indien. Wie warm wäre die Erde, wenn alle so viel fliegen würden wie Sie?

Das wäre effektiv ein Problem. Zur angesprochenen Reise: Ich halte an der Universität von Bangalore mehrere Vorträge über den Klimawandel. Ich habe solche Vorträge aber auch schon hier in Bern aufgezeichnet und elektronisch übermittelt; danach diskutiert man per Telefon.

Sie könnten auch per Skype referieren.

Da müssen wir noch warten, bis die Technologie besser ist. Die Bandbreite ist noch zu wenig gut, um das Wort in der gesamten Überzeugungskraft rüberzubringen. Die meisten Flüge habe ich in den vergangenen Jahren im Auftrag der UNO gemacht, als ich Mitvorsitzender des Weltklimarats IPCC war. Sie wurden alle mit Klimaschutzprojekten kompensiert. Jede Meile, die ich für den IPCC-Bericht geflogen bin, der die wissenschaftliche Grundlage für das Pariser Abkommen bildete, war es wert.

Als Mitglied des Weltklimarats standen Sie politisch im Fokus. Spürten Sie Druckversuche?

Die interessanteste Post erhielt ich von einem Senator: In einem eingeschriebenen Brief verlangte er, dass ich gewisse Kollegen für den Klimabericht nicht als Autoren einlade.

Welcher Senator war das?

James Inhofe von Oklahoma (Anm. d. Red: Inhofe ist Republikaner). Er ist bekannt für solche Aktivitäten.

Was hat er erreicht?

Ein Schmunzeln. Seine Intervention hat bei mir Wilhelm-Tell-artige Gefühle ausgelöst. Ich war stolz auf meine Arbeit und habe weitergemacht wie bisher.

Welchen Widerstand spüren Sie in der Schweiz?

Vor allem im Kommentarbereich von Onlinemedien äussern sich einige Leute sehr abschätzend über unsere Arbeit.

Lesen Sie die Kommentare?

Nein. Aber wer mir ein anständiges Mail schreibt, erhält immer eine Antwort. Aber nur eine.

Sie erhalten am 1. November den Marcel-Benoist-Preis. Wissen Sie schon, was Sie mit dem Preisgeld von einer Viertelmillion Franken machen wollen?

Ich habe eine riesige Freude über diese Anerkennung. Wenn man als Professor in Pension geht, erhält man ab diesem Tag keine Forschungsgelder mehr. Der Preis gibt mir grosse Flexibilität: Ich möchte das Geld nutzen, um meine Arbeit nach der Pensionierung weiterzuführen. Und vielleicht schreibe ich ein Buch.