Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Samuel Koch: Sein Körper ist sein Feind

Der tragische Unfall in der ZDF-Sendung «Wetten, dass …» vor acht Jahren stellte das Leben des passionierten Kunstturners Samuel Koch jäh auf den Kopf. Heute spielt der 31-jährige Querschnittgelähmte Theater und träumt von wärmeren Gefilden. Unser Redaktor mit demselben Namen traf ihn zum Gespräch.
Interview: Samuel Koch, Mannheim
Tetraplegiker Samuel Koch in seinem Elektrorollstuhl.Bild: Donato Caspari (Mannheim, 17. Dezember 2018)

Tetraplegiker Samuel Koch in seinem Elektrorollstuhl.
Bild: Donato Caspari (Mannheim, 17. Dezember 2018)

Sein Lächeln ist warm, seine blaugrauen Augen wirken müde. Vom Elektrorollstuhl grüsst Samuel Koch – so gut es halt geht. Obwohl er sich um einen festen Händedruck bemüht, kann er seine körperlichen Fesseln nicht kaschieren. Der 31-Jährige sitzt an einem grossen Holztisch in einem Sitzungszimmer im Werkhaus des Nationaltheaters Mannheim ­inmitten der Universitätsstadt, während sein Begleiter Simon einen Heizstrahler nach ihm ausrichtet. Im Gespräch erzählt Samuel Koch von berührenden ­Begegnungen während der Reha im Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil, der Hassliebe zu seinem Körper sowie dem Glauben und der Liebe, die ihn am Leben halten.

Samuel Koch, ist Ihnen kalt?

Ja, ich bewege mich zu wenig. Und weil mein vegetatives Nervensystem zerstört ist, liegt meine Körperkerntemperatur immer zu tief.

Die Diagnose nach Ihrem Unfall vor einem Millionenpublikum muss niederschmetternd gewesen sein.

Ich habe mir viermal das Genick gebrochen, eine Halsschlagader verletzt und folglich wurde mein Rückenmark durch einfliessendes Blut gequetscht. Deshalb bin ich seither von den Schultern abwärts gelähmt.

Sie verbrachten über ein Jahr in der Reha im Schweizer Paraplegiker­Zentrum in Nottwil?

Das war mit Sicherheit eine der schlimmsten und intensivsten Zeiten in meinem ganzen Leben, zumal ich alleine drei endlose Monate auf dem Rücken lag, mit dem Kopf eingespannt in einer Schraubstockkonstruktion.

Schlucken Sie noch Schmerzmittel?

Nein, dagegen habe ich mich immer ­gesträubt. Schon im Leben als junger Kunstturner, das anstrengender war als das jetzige, gehörte Schmerz bei mir immer dazu. Ich lernte, die körperlichen Schmerzen in Kauf zu nehmen. Mein Genick wuchs nach dem Unfall nicht mehr richtig zusammen, weshalb mein Schädel heute noch auf den zweiten Halswirbel drückt. Und weil beim Sturz auch der siebte Halswirbel gebrochen war, empfinde ich noch täglich Schmerzen. Zudem ist der Titankäfig, der meine Halswirbel zusammenhält, sehr kälteempfindlich.

Was war schlimmer, die körper­lichen Schmerzen oder die ­psychische Auseinandersetzung mit der Tetraplegie?

Letzteres quält mich bis jetzt. Zu wissen, dass man das ganze Leben abhängig, ­unselbstständig und auf andere Leute angewiesen sein wird, ertrage ich manchmal heute noch nicht.

Sie sprechen offen über Ihre damaligen Suizidgedanken.

Es gab Phasen, da waren die physischen Schmerzen echt qualvoll. Da wollte ich einfach nur, dass es aufhört. Wenn ein Tier Schmerzen hat, ruft man auch den Tierarzt und lässt es einschläfern. Es gab Momente, da sagte ich zu meiner Mutter, sie solle jetzt den Tierarzt für mich rufen.

Woraus konnten Sie neue Lebenskraft schöpfen?

Da gab es diverse Quellen. Zunächst waren es Therapeuten in Nottwil, aber auch Freunde und Familie, die mich auf andere Gedanken brachten, mit mir spielten, sangen, beteten und mich trotz grosser Schmerzen zum Lachen brachten. Leid ist kaum nachhaltig zu ertragen, wenn man nicht auch Freude erlebt. Wichtig war in einer zweiten Phase auch, dass ich mit meinem Studium für Musik, Theater und Medien in Hannover weitermachen durfte und konnte. Ich brauchte wieder eine Beschäftigung und damit einen Grund, um morgens aufzustehen.

Sie sprechen heute von einer Hassliebe zu Ihrem Körper. Warum?

Mein Körper funktioniert nicht so, wie ich will. Nach christlicher Tradition, dass man seine Feinde lieben soll, versuche ich, ihn so behutsam und so liebevoll zu behandeln, wie es geht. In täglichen Therapien und in jeder freien Minute zwischen meinen Theaterproben und Auftritten versuchen wir, meinen Körper geschmeidig und beweglich zu halten oder Krämpfe zu lösen.

Redaktor Samuel Koch und Schauspieler Samuel Koch. Bild: Donato Caspari (Mannheim, 17. Dezember 2018)

Redaktor Samuel Koch und Schauspieler Samuel Koch.
Bild: Donato Caspari (Mannheim, 17. Dezember 2018)

Samuel Koch trifft Samuel Koch

Was am 4. Dezember 2010, einem für mich hundskommunen Samstagabend, auf meiner persönlichen Agenda stand, entzieht sich meinem Erinnerungsvermögen. Hingegen noch haargenau erinnere ich mich, dass mein damaliges, schon in die Jahre gekommenes Nokia-Handy sturmvibrierte. Es geschah aus heiterem Himmel und ohne jegliche Taten meinerseits. Mein Namensvetter Samuel Koch, der kurz zuvor in der ZDF-Sendung «Wetten, dass …» vor rund acht Millionen Zuschauern fürchterlich stürzte und regungslos liegen blieb, hievte meinen Namen kurzerhand auf einen Sockel meines persönlichen Umfelds. «Geht es Dir gut?», «Du bist im Fernsehen», «Musik- und Theaterstudent – hätte ich Dir gar nicht zugetraut»: So der teilweise groteske Inhalt der einzelnen SMS auf meinem Handy oder der Kommentare auf meiner noch jungfräulichen Facebook-Seite. So pfeilschnell die Nadel des Aufregung-Seismografen nach oben schoss, so blitzartig kehrte mein Leben danach in ruhigere Gewässer zurück mit meinem damaligen Beruf als kaufmännischer Sachbearbeiter im Thurgau.

Erst Jahre später während meiner ersten journalistischen Gehversuche bei den Tagblattmedien konfrontierte mich der Thurgauer Schauspieler Florian Rexer erneut mit dem namenstechnischen Zufall, den ich doch nutzen sollte. «Samuel Koch trifft Samuel Koch, das ist doch der Hammer», sagte er bei einem Treffen in St. Gallen. – Gesagt, lange gründlich überlegt, getan: Das spannende Treffen verdanke ich einerseits der Zusage des deutlich berühmteren Samuel Koch, der wegen seiner vielen Engagements rund vier Fünftel aller Anfragen absagen muss. Andererseits meinem abwechslungsreichen Beruf. Alleine in der Schweiz, vor allem in der Innerschweiz um meinen Heimatort Entlebuch, teilen nach Konsultation des Telefonbuchs drei weitere Samuel Koch dasselbe Schicksal. Aber wohl nur einer ist als Redaktor mit dem Glück gesegnet, den Vorschlag Florian Rexers umzusetzen und das lang ersehnte Gespräch tatsächlich wahr werden zu lassen. (sko)

Erinnern Sie sich an Ihren verhängnisvollen Unfall?

Bis ein paar Sekunden vor dem Aufprall, ja. Danach bin ich erst wieder in der Uniklinik in Düsseldorf aus dem künstlichen Koma aufgewacht.

Sie bezeichnen Ihren Unfall als Fehlleistung.

Klar. Ich bin mit Sprungstelzen an den Füssen gegen ein Auto gerannt und habe mir viermal das Genick gebrochen. Eine grössere Fehlleistung gibt es kaum.

Sind Sie ein zu hohes Risiko eingegangen?

Mit diesen Sprungstiefeln war ich schon an vielen Veranstaltungen aktiv. Das war etwas, was noch nie jemand auf der Welt gemacht hatte. Wie hoch das Risiko ­tatsächlich war, hatte damals niemand vorhergesehen, auch die vielen Sicherheitsexperten nicht.

Haben Sie sich das Video vom Sturz jemals angesehen?

Ja, aber das ist schon etwas her. Ich kapiere es einfach nicht. Ich mache Saltos seit ich denken kann. In meinen Trainings als Kunstturner, mit denen ich als 6-Jähriger begann, drehte ich täglich an diversen Geräten mindestens 100 Überschläge. Mit 300 Trainings pro Jahr, 17 Jahre lang ergibt das insgesamt über eine halbe Million Salti. Und ich habe immer gelernt, dass man im Optimalfall die Rotation der Salti erst am Zenit der Flugkurve einleitet. Beim Unfall aber habe ich das nicht gemacht, das ist komplett unlogisch.

Im Unfallauto sass ausgerechnet Ihr Vater.

Es ist ja nicht so, als hätten wir das zum ersten Mal gemacht. Ich begreife nicht, dass es ausgerechnet beim flachsten Auto von allen passierte. Und mit meinem Papa, mit dem es zuvor bei den vielen anderen Auftritten oder all den Proben immer am besten funktioniert hatte.

Kehrten Sie vier Jahre ­bei einer der letzten «Wetten, dass …»-Sendungen gerne zurück vor die Kameras?

Sie hatten mich mehrmals angefragt, und ich habe immer abgesagt, weil ich beim Gedanken daran Bauchschmerzen hatte und an den jeweiligen Tagen zur Theatervorstellung musste. Die Produktionsfirma des Til-Schweiger-Films «Honig im Kopf», in welchem ich eine kleinere Rolle spielen durfte, hat dann aber mit dem Staatstheater Darmstadt, meinem damaligen Arbeitgeber, eine Verlegung erzielt. So musste ich hin, weil ich keine Ausrede mehr hatte.

Vor laufenden Kameras bewiesen Sie Humor und sagten, dass sie sich letztmals wegen eines steifen Halses nicht richtig verabschieden konnten.

Das hatte nichts mit Humor zu tun, sondern war eine objektive Feststellung eines doch noch versöhnlichen Abschlusses. Ich wollte nur nett sein und Tschüss sagen, denn die ZDF-Leute mochte ich gerne.

Sind Sie durch den Unfall ein anderer Mensch geworden?

Die Öffentlichkeit etikettiert mich so, vielleicht auch wegen meiner Autobiografie «Zwei Leben». Mein Leben ist immer noch das gleiche, aber unter völlig anderen Umständen.

Inmitten seiner Antwort hält Samuel Koch plötzlich inne, blickt auf sein Smartphone und sagt zu Simon: «Ich überlege die ganze Zeit, ob wir vielleicht schon Essen holen sollten. Denn die Kantine ist spätestens um 14 Uhr leer gefuttert.»

Wo waren wir stehen geblieben? – Ich bin immer noch dieselbe Persönlichkeit, obwohl Nahestehende vielleicht zu Recht festgestellt haben, dass ich mein Lachen verloren hätte. Mittlerweile habe ich es aber stellenweise wiedergefunden. Heute fokussiere ich zwangsläufig auf andere Dinge. Auf Dinge, die ich noch kann. Ich will nicht immer daran denken, was ich seit dem Unfall nicht mehr kann.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie sich auf eine Reise nach dem Wert befinden.

Was bin ich? Worüber definiere ich mich? Was macht mich aus? Das sind Fragen, mit welchen ich mich schon vor dem ­Unfall auseinandergesetzt hatte. Früher konnte ich an schlechten Tagen fünf Minuten aufs Trampolin und war wieder gut drauf.

Haben diese Sinnfragen mit Ihrem Glauben zu tun?

Der Glaube spielte in meinem Leben immer eine grosse Rolle. Wir sind schon geliebt mit all unserer Fehlbarkeit und unseren Talenten, unabhängig davon, ob man etwas schafft oder erbaut. Ein Freund von mir bezeichnete es einmal treffend, dass es ja eben «human being» heisst und nicht «human doing».

Lesen Sie die Bibel?

Hie und da. Manchmal ziehe ich neue, tolle Sachen daraus. Gerade kürzlich habe ich darin nach einer Diskussionsrunde gelesen: «Wer antwortet, bevor er zugehört hat, zeigt seine Dummheit und macht sich lächerlich.» Vielleicht ist das nicht der Weisheit letzter Schluss, aber mir hat es gefallen.

Ihre Frau Sarah lernten Sie bei Dreharbeiten kennen.

Wir lernten uns hinter den Kameras für die TV-Telenovela «Sturm der Liebe» kennen und verliebten uns.

Und vor zwei Jahren haben Sie zur Hochzeit getanzt. Wie kam es dazu?

Das war der Hammer. Ich bin dann halt schon kitschig konservativ. Dank einer Trapezkonstruktion konnte ich quasi mit Sarah den Hochzeitstanz durchs Zelt fliegen. Ein unvergesslicher Tag.

Was bedeutet Glück für Sie?

Glück ist für jeden wichtig. Ich glaube, wer penetrant danach sucht, ist zum Scheitern verurteilt. Meiner Meinung nach gibt es da einerseits Glücksmomente. Das können kleine Freuden sein, wie lustige Proben, ein Sonnenaufgang, ein gutes Essen unter Freunden, ein Besuch in der Sauna oder ein gutes Theaterstück. Andererseits gibt es das viel stärkere und nachhaltigere Glücklich- oder Zufriedensein.

Sind Sie glücklich?

Ich versuche, es tagtäglich zu sein.

Wie sieht bei Ihnen ein gewöhn­licher Tag aus?

Mein Leben besteht nicht aus einem allzu regelmässigen Alltag. Rund 100 Tage im Jahr bin ich unterwegs an Lesungen, und wir übernachten in Hotels. Der regelmässigste Alltag gibt es am Nationaltheater Mannheim, bei welchem ich seit dieser Spielzeit unter Vertrag stehe. Von 10 bis 14 und von 18 bis 22 Uhr proben wir. Dazwischen gehe ich zur Therapie oder erledige Bürokratisches. Sonst mache ich das, was alle anderen auch tun, essen und schlafen.

Sie sagten einmal, dass Sie gegenüber der Welt verpflichtet seien.

In gewisser Weise ist das jeder je nach Möglichkeit. Und ich versuche, dem Unfall etwas von diesem Unsinn zu nehmen, zum Beispiel mit sinnvollen Auftritten, die sich lohnen und die Freude bereiten, wie zuletzt beim Besuch einer Nachsorgeklinik für Kinderkrebs oder bei einer Lesung in München vor knapp 300 Leuten.

Spüren Sie manchmal auch negative Resonanz?

Ständig. Negative Kritik ist immer Auffassungssache. Ich versuche, jeweils das Sinnvolle für mich herauszuziehen. Mit Kritik kann man sich auch weiterentwickeln. Gerade beim Theater kriege ich die Krise, wenn alles nur wunderbar und positiv ist.

Stehen Sie lieber auf der Bühne oder vor der Kamera?

Beides hat Vor- und Nachteile und seinen Reiz. Am Theater schätze ich, dass jeder Abend anders ist, sich die Atmosphäre durch die Zuschauer immer verändert. Man erlebt direkte und ehrliche Feedbacks, was es vor der Kamera nicht gibt. Dafür kann ich viel tiefer in die ­Augen der Zuschauer blicken, was beim Theater spätestens ab der vierten Reihe nicht mehr wahrnehmbar ist.

Letztes Jahr ist der Kinofilm «Draussen in meinem Kopf» mit Ihnen in Ihrer ersten Hauptrolle erschienen.

Der Film ist von einer wahren Begebenheit inspiriert. Die als Waise aufgewachsene Hauptperson Sven leidet an einer schweren Muskelkrankheit. Seinem neuen Pfleger und persönlichen Betreuer öffnet sich der zunächst verschlossene Sven nach und nach, was in einer engen und vertrauten Freundschaft endet.

Ist Ihr Leben vergleichbar mit demjenigen von Sven?

Eher nicht. Sicherlich gab es Situationen, bei denen ich aus meinen Erfahrungen oder meinen erlebten Emotionen schöpfen konnte, so wie es halt jeder Schauspieler macht.

War es leicht für Sie, sich in diese Rolle hineinzuversetzen?

Am Set wurde mir fast täglich gesagt, dass ich mich nicht so viel bewegen darf. Der besondere Reiz war, dass die Figur Sven vom Charakter her komplett anders ist als ich. Nachzuempfinden und diese Krankheit zu verstehen, ist für einen Schauspieler nur bis zu einem gewissen Grad hilfreich. Was dann entscheidend ist, sind die Emotionen, die der Schauspieler transportiert.

War die Schauspielerei immer Ihr Traumberuf?

Nein, im Gegenteil. Vor vielen Leuten aufzutreten, fand ich wegen der Nervosität immer grauenvoll. Beim Schauspielunterricht als 13-Jähriger wollte ich das nie tun, bei kitschiger «Titanic»-Musik wildfremden Mädchen pseudoverliebte Blicke zuwerfen.

Weshalb haben Sie es doch getan?

Viele buchten mich damals als Kunstturner, da konnte ich mich von Häusern herab in Luftkissen werfen, anzünden lassen oder Treppen herunterspringen. Ich bewunderte früher immer die spektakulären Stuntmen, nicht die Schauspieler, die ihr Gesicht narzisstisch in die Kamera halten.

Das widerspricht aber dem Leben, das Sie jetzt führen?

Ja, Katastrophe. Ich weiss auch nicht, wie es dazu kommen konnte. (schmunzelt) Früher war ich total fertig, als ich in der Bundeswehr bei der Gelöbnisansprache vor 3000 Leuten reden musste. Heute gehe ich mit der Nervosität offen ins ­Gefecht. Ich möchte mich über Leistung definieren, nicht über Fehlleistungen wie ein so dämlicher Unfall.

Wovon träumen Sie noch?

Ich träume von Vielem. Einerseits will ich mich noch geistlich weiterentwickeln, mit einem Theologie- oder Philosophiestudium. Andererseits gibt es sonst noch so viel zu tun, zu entdecken und herauszufinden.

Kommen in Ihren Träumen auch eigene Kinder vor?

Ja klar, wir können uns Kinder gut vorstellen. Zum jetzigen Zeitpunkt wäre das aber noch zu wenig verantwortungsvoll.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

In einem wärmeren Land. In Mitteleuropa ist es langfristig zu kalt für mich. Noch bin ich aber auf Deutschland angewiesen.

Wie meinen Sie das?

Mit meiner Arbeit muss ich meine teure Existenz finanzieren und mehr Geld verdienen als andere für einen vergleichbaren Lebensstandard. Anders als in der Schweiz ist eine Invalidenversicherung in Deutschland nicht obligatorisch. Ich will mich aber nicht beklagen.

Samuel Koch wuchs in Efringen-Kirchen nahe der Schweizer Grenze auf. Ab 6 Jahren reiste er als Kunstturner durch Europa. Seit dem Unfall bei «Wetten, dass ...» 2010 ist Koch querschnittgelähmt, dennoch schloss er sein Studium an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover ab. Als Schauspieler bekleidete er zunächst eine Rolle in der TV-Serie «Sturm der Liebe». Zuletzt debütierte er in «Draussen in meinem Kopf» in der Hauptrolle. Seit Oktober ist er Ensemblemitglied am Nationaltheater Mannheim, wo er selber auf der Bühne steht. Das erste seiner zwei Bücher avancierte 2012 zum Bestseller. Bald erscheint das dritte: «Stehaufmensch». Nebst der Unterstützung für Stiftungen hält er oft Lesungen. Seit 2016 ist er mit Schauspielerin Sarah Timpe verheiratet.

«Gezielte Reha kann motorisches Lernen positiv beeinflussen»

Exakt eine Woche nach seinem folgenschweren Sturz in der «Wetten, dass ...»-Show vom 4. Dezember 2010 verlegten die Ärzte Samuel Koch von der Uniklinik Düsseldorf auf die Intensivstation des renommierten Schweizer Paraplegiker-Zentrums (SPZ) nach Nottwil. «Das mediale Echo war riesig, weil Samuel Koch wegen seines Sturzes vor einem Millionenpublikum als öffentliche Person in die Schweiz kam», erinnert sich Michael Baumberger, Chefarzt Paraplegie und Rehabilitationsmedizin im SPZ. Den Hunger der Öffentlichkeit nach Neuigkeiten über Kochs Zustand konnte er jedoch nicht schon nach der Erstuntersuchung stillen. An einer damaligen Pressekonferenz sagte Baumberger, dass mit einem Aufenthalt von acht bis zwölf Monaten zu rechnen sei. Nach unzähligen Untersuchungen diagnostizierten die Fachärzte bei Samuel Koch schliesslich eine inkomplette Lähmung. «Das bedeutet vereinfacht, dass einige sensible oder motorische Bahnen noch erhalten sind», sagt Baumberger. Koch kann deshalb heute – auch dank unzähliger Therapien – die oberen Extremitäten «sehr beschränkt bewegen». Durch wiederholte Bewegungen in regelmässigen Trainings seien Hirn und Rückenmark in der Lage, neue Verbindungen zu aktivieren und so positive Entwicklungen zu ermöglichen. «Forschungsergebnisse zeigen, dass durch eine gezielte Rehabilitation das motorische Lernen positiv beeinflusst wird.»

Lebenserwartung gleicht jener der nicht gelähmten Bevölkerung

Bei Lähmungen oberhalb des ersten Lendenwirbels ist als Begleiterscheinung meistens auch das vegetative Nervensystem beschädigt. «Eine Lähmung vom Vegetativum heisst, dass die inneren Organe nicht mehr geregelt funktionieren», meint Baumberger. Daher funktionierten Körper von Querschnittgelähmten anders, «sie sind anfälliger für Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes». Trotzdem sei die Lebenserwartung von Tetraplegikern heutzutage dank einer lebenslangen Betreuung «fast vergleichbar mit derjenigen der nicht gelähmten Bevölkerung». Gegen die häufig neuropathischen Begleitschmerzen bei Querschnittgelähmten als Folge des geschädigten Nervensystems gebe es medikamentöse oder nicht-medikamentöse Behandlungen. «Zu letzteren gehört auch die Psychologie, bei welcher der Patient verschiedene Schmerzbewältigungsstrategien erlernt», sagt Baumberger. Wie erwartet durfte Samuel Koch das SPZ Ende 2011 nach rund einem Jahr wieder verlassen. Kontakt mit seinem aussergewöhnlichen Patienten hat Baumberger heute kaum mehr. «Wir sind uns aber auch schon zufällig begegnet.» Er habe den Umgang mit Samuel Koch stets als sehr angenehm empfunden. Am wichtigsten für den positiven Heilungsverlauf sei gewesen, dass sich sein Patient von Anfang an stark und willig zeigte, gesund werden zu wollen. (sko)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.