Seit 75 Jahren bricht sie sämtliche Regeln und stellt die Welt auf den Kopf: Warum Pippi Langstrumpf bis heute unerreicht ist
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Seit 75 Jahren bricht sie sämtliche Regeln und stellt die Welt auf den Kopf: Warum Pippi Langstrumpf bis heute unerreicht ist

Unbändig, unabhängig, unbeschwert: Im Herbst 1945 erschien das erste Buch über Pippi Langstrumpf. Seitdem galoppiert sie durch die Kinderstuben. Weshalb fasziniert sie bis heute?

Annika Bangerter
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Astrid Lindgren setzte zu ihrer Verteidigung an, ehe Pippi Langstrumpf aus ihrer Schreibstube spazierte. Bevor die Autorin das Manuskript an einen Verlag schickte, schrieb sie einen Begleitbrief und bat, man möge nicht das Jugendamt alarmieren. Ihre eigenen «unglaublich wohlerzogenen, engelsgleichen Kinder» hätten durch Pippi «keinerlei Schaden» genommen. Lindgren schrieb:

«Sie haben sofort verstanden, dass Pippi ein Einzelfall ist, der normalen Kindern kein Vorbild sein kann.»
Astrid LindgrenKinderbuchautorin

Astrid Lindgren
Kinderbuchautorin

Bild: Getty, 1972

Die Autorin irrte sich. Pippi wurde zum Idol unzähliger Kinder auf der ganzen Welt. Seitdem sie im Herbst vor 75 Jahren ihr erstes Pippi-Buch veröffentlicht hat, galoppiert das rothaarige Mädchen durch die Kinderstuben. Laut, freiheitsliebend und mit einem Herzen für die Schwächeren.

Nur wenige Jahre nachdem Superman erstmals über die schwedischen Kinoleinwände flackerte, erschuf Astrid Lindgren die neue Superheldin. «Ein solch anarchisches Kind wirkte wie ein Meteorit, der in die Kinderliteratur einschlug», sagt Christine Lötscher, die zu populären Literaturen und Medien an der Universität Zürich forscht und lehrt.

Denn Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf erschuf sich die Welt, wie sie ihr gefiel. Und ihre Welt hatte nicht viel gemein mit jener der Nachkriegszeit. Ohne Eltern lebt das rothaarige Mädchen mit einem Äffchen und einem Pferd in der Villa Kunterbunt.

Bild: Keystone

Die kindliche Idylle ist ein Ort der Anarchie. Statt mit einem Löffel rührt sie mit einem Regenschirm im Kochtopf, schläft mit den Füssen auf dem Kopfkissen und schmückt ihr Haus mit weggeworfenen Dingen anderer. Ihr Haus ist der Albtraum von Hygge-affinen Dekorateuren und das Gegenteil eines Ikea-konformen Haushalts.

Der Besuch von Erwachsenen in der Villa Kunterbunt ist denn auch zum Scheitern verurteilt: Statt mit Pippis Goldtalern zu türmen, müssen Einbrecher bis drei Uhr morgens Schottisch tanzen. Und selbst die Polizisten geben nach einem unfreiwilligen Fangspiel entnervt auf, Pippi ins Kinderheim zu bringen. Dies, nachdem sie in der Falle respektive auf dem Dach der Villa Kunterbunt sitzen und nach einer Leiter flehen. Bei Pippi Langstrumpf ist das Prinzip ausgehebelt, dass Erwachsene befehlen und Kinder folgen. Ebenso radikal bricht sie mit Geschlechterstereotypen.

Die emanzipatorische Wirkung von Pippi Langstrumpf

Heute erfahren Kinder in 77 Sprachen, wie das stärkste Mädchen der Welt nicht nur ihr Pferd von der Veranda hebt, sondern auch den stärksten Mann der Welt in der Zirkusmanege niederringt. Ihre Kräfte sind übernatürlich, in ihren Zuschreibungen ist sie aber eindeutig ein Mädchen.

Ein Mädchen, das statt rosa Kleidern zwei verschiedene Strümpfe und riesige Schuhe trägt. Ein Mädchen, das bereits im Kindesalter sein eigenes Geld verwaltet und autonom lebt. Ein Mädchen, das beim Kaffeekränzchen statt dekorativ und ruhig vor einem Stück Kuchen zu sitzen, mit beiden Händen nach der Torte greift und sämtliche Tischgespräche verunmöglicht.

Inzwischen ist die kleinbürgerliche Ordnung der Nachkriegszeit passé. Ebenso die Idee, dass aus Töchtern «feine Damen» werden müssen. Weshalb funktioniert Pippi Langstrumpf dennoch? Lötscher erklärt:

«Pippi hat für jede Generation eine Message.»
Christine LötscherKinder- und Jugendliteraturexpertin

Christine Lötscher
Kinder- und Jugendliteraturexpertin

Bild: Uni Zürich

Und fügt an: «Heute dürfen die Kinder zwar wilder und stärker sich selber sein als früher. Gleichzeitig sind sie einem grossen Leistungsdruck ausgesetzt. Diesbezüglich hat Pippi eine befreiende Funktion: Sie führt Polizisten an der Nase herum und nervt Lehrerinnen, ohne Konsequenzen zu erfahren.»

Pippi steht für das Schrille, das Revolutionäre und das Chaos. Ihr gegenüber hat Astrid Lindgren die Geschwister Annika und Thomas gestellt. «Die beiden führen ein ganz normales Leben, mit dem sich gerade jene Kinder identifizieren, die mit Pippis Art wenig anfangen können. Deren radikale und fantastische Seite kann auch unheimlich wirken», sagt die Expertin für Kinder- und Jugendliteratur.

Seit 75 Jahren wächst Generation um Generation mit der sommersprossigen Romanfigur auf. Nicht nur in Europa. Selbst Michelle Obama bekannte:

«Pippi Langstrumpf war mein Mädchen. Ich liebte ihre Stärke – nicht nur die körperliche, sondern auch die Vorstellung, dass sie sich von niemandem den Mund verbieten lassen würde.»
Michelle ObamaAutorin und erste schwarze First Lady der USA

Michelle Obama
Autorin und erste schwarze First Lady der USA

Schenkten früher die Eltern ihren Kindern eher widerwillig die Pippi-Bücher, übergeben heutige Mütter und Väter begeistert die Geschichten ihrer einstigen Heldin der Kindheit. «Pippi verkörpert die Utopie, dass ein Kind die Welt verändern kann. Dies fasziniert die Erwachsenen», sagt Lötscher.

Die Kinderbuchheldin hat auch eine fragile, verletzliche Seite

In der öffentlichen Wahrnehmung dominiert Pippi mit ihrer Lebenslust und den ausgefallenen Spielideen. Doch es gibt auch eine andere, fragile Seite an ihr. Etwa, wenn sie sich abends Wiegenlieder vorsingt, um Schlaf zu finden. Oder wenn sie ihrer Mutter im Himmel zuwinkt und ruft:

«Hab keine Angst! Ich komme immer zurecht.»

Zudem ist die Villa Kunterbunt auch ein Ort des Wartens auf den verschollenen Vater. Er segelte als Kapitän über die Meere, bis er an einem stürmischen Tag ins Wasser stürzte und verschwand. Pippi ist daraufhin felsenfest überzeugt, dass er sich auf eine Insel retten konnte und sie – sobald er ein Schiff gebaut hat – in der Villa Kunterbunt abholen wird.

Im Haus am Rand des Dorfes und auch am Rand der Gesellschaft harrt die Neunjährige aus. Lötscher erklärt:

«Astrid Lindgren schuf mit Pippi eine Figur, die für ihre absolute Freiheit einen hohen Preis bezahlte: jenen des Alleinseins.»

Drei Bücher veröffentlichte die schwedische Autorin über Pippi. Bücher, deren Wirkung scheinbar zeitlos ist und gleichzeitig immer wieder Kritik auf sich zogen. Ein halbes Jahr nach dem Erscheinen des ersten Bandes donnerte ein bekannter Pädagogikprofessor in einer schwedischen Zeitung: Pippis Auftreten erinnere ihn an «krankhafte Zwangsvorstellungen», und Lindgren mangle es an «Fantasie und Kultur». Es folgten Debatten, in denen man fürchtete, Pippi sei ein schlechtes Vorbild für die Kinder und könnte sie zu Unsinn anstiften.

Bild: Keystone

Selbst 50 Jahre nach dem Erscheinen des ersten Pippi-Buches vermochte die Kinderbuchheldin noch zu polarisieren. 1995 wurde in einer schwedischen Zeitung der Pippi-Kult angeprangert. Er habe «Ordnung und Rücksicht lächerlich gemacht» und stattdessen «Egozentrik und Wirklichkeitsflucht verherrlicht». Später standen die Bücher in der Kritik, rassistische Begriffe zu verwenden. Der deutsche Verlag änderte in der Folge den «Negerkönig» zum «Südseekönig».

Bis heute lässt sich gutes Geld mit der Kinderbuchheldin verdienen. Die Anarchistin ist auch ein kommerzielles Produkt geworden. Zu ihrem 75. Geburtstag erscheinen Jubiläumsbücher, Musicals kommen – wenn Corona nicht dazwischenfunkt – auf die Bühne, und Merchandising-Artikel werden im grossen Stil verkauft.

Pippi Langstrumpf lässt bis heute die Kassen klingeln

Mit der Firma Astrid Lindgren Company wachen ihre Nachkommen über die Lizenzen und Rechte an sämtlichen Werken der schwedischen Autorin. Zu Lebzeiten soll sie ihre Geschichten vor fremden Ideen und Einflüssen gut geschützt haben. Theaterskripte, Filmdrehbücher oder Liedertexte: Lieber setzte Lindgren sich selbst dahinter, als anderen ihr Werk zu überlassen.

Heute steht ihr Enkel, Olle Nymann, an der Spitze der Astrid Lindgren Company. Zur Firma gehören auch ein Verlag, der Freizeitpark Astrid Lindgrens Welt und das Museum in ihrem Heimatort Vimmerby. Gemäss der Wochenzeitung «Die Zeit» machte das Unternehmen zuletzt einen Jahresumsatz von knapp 24 Millionen Euro. Pippi sei die stärkste Marke, sagte Nymann gegenüber der «Zeit». Insgesamt wurden deren Bücher mehr als 66 Millionen Mal verkauft.

Auch der deutsche Oetinger-Verlag verdient 20 Prozent seines Jahresumsatzes mit den Büchern Lindgrens. Er brachte 1949 Pippi Langstrumpf auf den deutschen Markt, nachdem fünf andere deutsche Verleger das Buch abgelehnt hatten. Sie waren nicht die Einzigen. Der schwedische Verlag, an den Lindgren ihr Manuskript geschickt hatte, informierte zwar nicht das Jugendamt. Aber es lehnte eine Veröffentlichung von Pippi Langstrumpf ab. Ein Fehlentscheid, der wohl 75 Jahre später noch schmerzt.

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