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Kolumne

Sich in die Schuhe des andern stellen

Selbstreflexion und Zuhören führt zu mehr sozialer Intelligenz, schreibt unser Glückskolumnist.
Sigmar Willi
Sigmar Willi, Prof. FHS St.Gallen, Dozent für Persönlichkeitsentwicklung

Sigmar Willi, Prof. FHS St.Gallen, Dozent für Persönlichkeitsentwicklung

Es war ein ziemlicher Schlag ins Gesicht, als mich ein guter Freund am Ende eines gemeinsamen Abends damit konfrontierte, dass ich ihm nicht richtig zuhöre. Dies nach einem aus meiner Sicht überaus angenehmen Abend mit wunderbarem Essen, lustigem Billardspiel und zwei herrlichen Gin Tonics. Mit meiner dösigen Bald-zu-Bett-geh-Stimmung war es schlagartig vorbei. Schliesslich entwickelte sich eine angeregte Diskussion, die mir aufzeigte, dass Eigen- und Fremdbild auch bei mir, als vermeintlichem Profi, nicht immer übereinstimmen.

Soziale Kompetenzen sind lernbar

Ich erinnere mich noch gut an die Diskussionen bei zwei Lehrplanrevisionen an Vorgängerinstitutionen der Fachhochschule St. Gallen. Es ging darum, ob Sozialkompetenzen als eigenes Fach unterrichtet oder in bestehende Fächer integriert werden sollten. Die überwiegende Anzahl der Dozierenden sprach sich für die zweite Variante aus. Da man sich aber doch nicht so sicher war, erhielt ich die Möglichkeit, ein Wahlpflichtfach aufzubauen, dass sich ausschliesslich mit der Förderung sozialer Intelligenz befassen sollte. Ich nannte es Self- und Team-Empowerment. Ein marketingtechnischer Anglizismus, damit die Hardfacts-orientierten Studierenden das Fach eher wählen würden. Meine Erfahrungen aus diesem Unterricht und auf anderen Ebenen des sogenannten Softskills-Bereich bestätigten: Soziale Kompetenzen sind lernbar.

Der erste Schritt ist, sich in Selbstreflexion zu üben.

Wir alle machen uns Gedanken über das, was uns passiert ist, was wir beobachten, was wir aus Medien mitbekommen, wie wir wirken, was unsere Handlungen auslösen oder was unsere Motive sind. Auch Gedanken über Gedanken gehören dazu – Philosophinnen und Philosophen sind Spezialisten darin. Sich mit seinen Gedanken und Handlungen auseinanderzusetzen, ist unabdingbar für die Persönlichkeitsentwicklung, fällt aber vielen Menschen schwer. Was hilft?

Nichts tun - und Bilder kommen hoch

Gedanken werden verbindlicher, wenn wir sie aufschreiben, zum Beispiel in einem Tagebuch. Mehr Übung braucht der Gedankenaustausch mit anderen, kann aber sehr lustvoll sein. Manche greifen auf Hilfsmittel wie Persönlichkeitstests zurück oder fragen Profis, zum Beispiel Coaches oder Psychologen, wenn sie mehr über sich erfahren wollen. Andere Menschen zu beobachten und deren Verhalten zu interpretieren, kann auch zu wertvollen Erkenntnissen führen.

Offen sein für Fremdbilder macht das Selbstbild realistischer. Besonders angenehm ist es, sich zur Gewohnheit zu machen, nichts zu tun. Zum Fenster hinauszuschauen, die Umgebung wahrzunehmen, Regentropfen zu verfolgen – in solchen Momenten der Achtsamkeit spült das Unterbewusstsein Bilder über uns selbst, andere oder über vergangene Ereignisse hoch. Das Mosaik unserer Persönlichkeit bekommt Farbe.

Gefühle so steuern, dass sie uns guttun

Der nächste Schritt hin zu sozialer Intelligenz ist, zu lernen, Gefühle so zu steuern, dass sie uns guttun: ein zentraler Punkt der Selbstkompetenz. Wer lernt, seinen Emotionen Richtung zu geben, der wird auch ein Gespür für die Gefühle seiner Mitmenschen entwickeln und bemerken, was gerade im Gegenüber vorgeht. Man wird empathischer. Bringt das etwas?

Ja, denn man kann auf Menschen, die Mühe haben, mit ihren Gefühlen klarzukommen, positiven Einfluss nehmen.

Allein schon ehrliches Verständnis für die schwierige Situation des andern zu zeigen, hilft diesem.

Empathische Menschen können über geschickte Gesprächsführung positiven Einfluss auf die Stimmung und das Verhalten von Mitmenschen nehmen. Je mehr jemand sich für die Gefühle anderer interessiert, desto empathischer wird diese Person. Und dies ist der Schlüssel zu hoher Sozialkompetenz – der wohl wichtigsten Eigenschaft für Lebenserfolg. Sozial kompetente Personen können zusätzlich adressatengerechter präsentieren, treten in Sitzungen überzeugender auf und sind fähig, Konflikte zu schlichten. Kein Wunder, wird in Stelleninseraten die Sozialkompetenz so hoch bewertet.

«...einen Mond lang in seinen Mokassins...»

Wie konnte das nur passieren, mit all dem Wissen und der Erfahrung, die ich habe, dass meine Sozialkompetenzen bei meinem Freund an diesem besagten Abend versagt haben? Gerade viel Wissen kann dazu verleiten, anderen Menschen nicht richtig zuzuhören. Man hat die Lösung für das Problem des anderen längst im Kopf, redet ungeduldig dazwischen oder hängt parallel anderen Gedanken nach. Was genau in jemand anderem vorgeht, können wir aber nur erahnen. Die Indigenen Nordamerikas prägten dazu das Sprichwort: «Urteile nie über einen anderen, bevor Du nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gelaufen bist.»

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