Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

«Slow Fashion»: Mode soll für Näherinnen existenzsichernd sein

Die St. Gallerin Carmen Lama vertreibt faire und nachhaltige Mode aus Nepal. Mode, die mehr sein soll als existenzsichernd für die Näherinnen. Morgen Abend hält sie am Historischen- und Völkerkunde Museum ein Referat über die Modebranche im Wandel.
Philipp Bürkler
Carmen Lama, Co-Leiterin des Labels TGIFW - hier in ihrem Lager in St. Gallen - vertreibt nepalesische Mode, die zu fairen Bedingungen hergestellt wird. (Bild: Philipp Bürkler)

Carmen Lama, Co-Leiterin des Labels TGIFW - hier in ihrem Lager in St. Gallen - vertreibt nepalesische Mode, die zu fairen Bedingungen hergestellt wird. (Bild: Philipp Bürkler)

Ein Zimmer ihrer Wohnung dient als Geschäftsstelle und Lager. Im Raum sind Stoffe und Kleidungsstücke in einem Wandregal verstaut. In einem Sideboard mit zahlreichen Schubladen liegen verschiedene Schals. Die Mode, die Carmen Lama zusammen mit ihrem Mann unter dem Label «TGIFW» verkauft, stammt aus Nepal. «TGIFW» steht für Thank God It’s Fair Wear», was so viel heisst wie «Zum Glück ist es faire Kleidung».

«Fair Wear» oder auch «Slow Fashion» nennen sich Labels, die Näherinnen, im Gegensatz zu «Fast Fashion» von Grosshändlern wie H&M oder Zalando, zu humanen Bedingungen beschäftigen. Branchenweit heisst «Human» allerdings, die Näherinnen erhalten einen «existenzsichernden» Lohn. Doch: was heisst existenzsichernd?

Carmen Lama geht mit ihrem Label deshalb einen Schritt weiter. «Unser Produzent bezahlt den Näherinnen monatlich einen fixen Lohn», sagt die 37-Jährige.Nepalesische Arbeiterinnen, die krank oder an einem Tag weniger produktiv sind, erhalten Ende Monat trotzdem ihren Lohn, so wie das auch in der Schweiz üblich ist. «Die Frauen sollen mit ihren Kindern auch mal einen Ausflug machen können, so wie wir uns das in der Schweiz auch gewohnt sind.» Ausserdem bietet Lama den Frauen eine Krankenversicherung und Abwechslung bei der Arbeit. «Im Fast Fashion-Bereich gibt es oft Näherinnen, die zu einem tiefen Lohn über Jahrzehnte den gleichen Saum nähen müssen.»

Früher hat Carmen Lama in der Wirtschaft gearbeitet. Immer wieder ist sie schon damals nach Nepal gereist und hat in Kathmandu in einer örtlichen Frauenorganisation mitgearbeitet. Dort hat sie sich um Kommunikationsaufgaben gekümmert oder hat den Frauen erklärt, wie sie mit dem Westen geschäftlich leichter in Kontakt kommen können. Die Frauen, die diese Schals herstellen, kommen alle aus schwierigen Verhältnissen, in denen sie meist Opfer von häuslicher Gewalt waren. «Die Frauen gehen zuerst in ein Frauenhaus, sobald es die Umstände zulassen, können sie bei der Organisation als Weberinnen arbeiten.» Aus einer der Reisen habe sie 50 Schals mit in die Schweiz genommen und diese dann Freundinnen an einer «Schal-Party» gezeigt. «Meine Freundinnen waren sofort begeistert von der Qualität und den Stoffen», erinnert sich Lama.

Soziales Engagement in Nepal

Seit einiger Zeit hat das Label «TGIFW» handgefertigte nepalesische Teppiche im Sortiment. Die Herstellung eines einzelnen Teppichs beanspruche rund 45 Tage. Neben einer fairen Entlöhnung für die Arbeiterinnen und Arbeiter hätten sie und ihr Mann nun mit einen Teil des Geldes aus dem Verkauf in der Teppichfabrik in Kathmandu eine Kindertagesstätte einrichten können. «Das nächste, was wir dort übernehmen wollen, ist die Anschaffung eines Fernsehgeräts, damit die Mütter und ihre Kinder auch mal fernsehen können.» Es sei vor allem das soziale Engagement, das sie an der Gründung eines eigenen Modelabels interessiert habe und weniger die Begeisterung für Mode.

Während die Kleidung in Nepal hergestellt wird, stammt das Design fast ausschliesslich aus der Schweiz. «Schweizer Design ist uns wichtig.» Dennoch sollen sich auch die Produzenten in Nepal kreativ einbringen können. «Aus Nepal kam die Idee, einen unserer Prints in kupfer auf schwarz zu drucken. Dieser Schal wurde zu einem unserer meist verkauften.»

«Slow Fashion» ist teurer als Mode ab der Stange, nicht alle Menschen können oder wollen sich solche Mode leisten. Dennoch zeigt die Expansion von «TGIFW» – das Unternehmen bezieht auf September ein Lager in der St. Galler Innenstadt –, dass immer mehr Menschen bewusst auf nachhaltige Mode setzen. Dennoch würden sich die meisten Menschen noch immer wöchentlich billige neue Kleider kaufen. Viele Leute seien sich über die teils miserablen Produktions- und Arbeitsbedingungen in Entwicklungs- und Schwellenländern nicht bewusst.

Kleiderhändler verbrennen nicht verkaufte Ware

Die Modebranche hat sich während der vergangenen zwei Jahrzehnte radikal verändert. Weil alles immer günstiger wurde, stopfen sich die Menschen immer mehr Kleidung in ihre Kleiderschränke. «Im Schnitt kauft ein Schweizer im Jahr 15 Kilogramm Kleider, das ist viermal mehr als noch 1950», sagt Lama. Heute gebe es Jeanshosen schon für 15 Franken. «Würde die gleiche Hose zu fairen Bedingungen produziert, müsste sie mindestens 100 Franken kosten.» Dazu kommt das ständige Überangebot. Während es früher eine Frühlings- und eine Herbstsaison gab, ist das Schild «Sale» heute das ganze Jahr über in den Schaufenstern zu sehen. «Heute gibt es 52 Mikro-Saisons pro Jahr und vielfach bis zu 70 Prozent Preisnachlass. Was dann immer noch nicht verkauft wird, wird von einigen Händlern sogar verbrannt.»

An ihrem morgigen Vortrag wolle sie auch solche schmerzhafte Themen der Modebranche aufgreifen. Beispielsweise, auch, dass Modeverkäuferinnen auch in der Schweiz noch immer zu wenig verdienen.

Vortrag Carmen Lama am Historischen- und Völkerkundemuseum, St. Gallen, 18 Uhr. Website von Carmen Lama tgifw.com

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.