Keine Strassen, dafür ausgeklügelte Röhrensysteme: So sieht die Stadt der Zukunft aus

Smart City
Keine Strassen, dafür ausgeklügelte Röhrensysteme: So sieht die Stadt der Zukunft aus

BIld: Bjarke Ingels Group

Gleich für zwei «smarte» Städte ist in diesen Wochen Spatenstich. Beide wollen mit dem Verkehr aufräumen.

Niklaus Salzmann
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Eine 170 Kilometer lange Stadt ohne Autos und ohne Strassen für eine Million Einwohner. In den einzelnen Stadtmodulen entlang der Linie ist alles für den täglichen Bedarf in fünf Minuten zu Fuss erreichbar, der Hochgeschwindigkeitszug braucht nur zwanzig Minuten von einem Ende zum anderen. Und das alles CO2-neutral.

Zukunftsmusik? Nein! Der Spatenstich soll noch im ersten Quartal 2021 erfolgen, also spätestens im März. Es handelt sich um das Projekt «The Line», welches der saudische Kronprinz Mohammad bin Salman im Januar der Öffentlichkeit präsentiert hat. Und dabei mehr Fragen aufgeworfen als Antworten geliefert hat.

Das Konzept stammt aus dem 19. Jahrhundert

Grundsätzlich ist das Potenzial einer solchen Planstadt gross. Kay Axhausen, Professor für Verkehrsplanung an der ETH Zürich, sagt:

«In der Theorie ist das Modell mit den städtischen Nachbarschaften, die durch Hoch­geschwindigkeitszüge erschlossen sind, gut.»

Neu ist die Idee einer linearen Stadt nicht. Diskutiert wird sie schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, als viele Städte in Europa rasant gewachsen waren und die Bevölkerung unter langen Arbeitswegen, hohen Grundstückspreisen und mangelnden Erholungsräumen zu leiden begann. Konsequent verwirklicht wurde die lineare Stadt mangels Platz und Geld aber nirgends.

Zumindest Platz gibt es in Saudi-Arabien genügend. «The Line» soll sich von der nordwestlichen Ecke des Landes am Roten Meer schnurgerade durch Wüste und Berge ins Landesinnere erstrecken.

Bild: Neom

Das Klima ist gleichzeitig ­Herausforderung und Chance: Einerseits müssen in der trockenen Region nicht nur die Million Menschen mit Wasser versorgt werden, sondern auch sämt­liche Grünräume und land­wirt­schaft­lichen Flächen bewässert werden. Andererseits kann Solarenergie günstig und effizient produziert werden. Und das bietet wiederum Potenzial für die Trinkwassergewinnung, denn zum Entsalzen von Meerwasser braucht es Energie.

Schneller als die schnellsten Züge

Viel Energie wird auch das Transportwesen benötigen. Drei parallele Systeme sollen im Untergrund das Rückgrat der Stadt bilden: eine ultraschnelle Transitlinie, eine Metrolinie für den Nahverkehr und eine Güter­linie.

Die versprochene Reisezeit von 20 Minuten für die 170 Kilometer (das entspricht der Distanz von Bern zum Bodensee) ergibt eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 510 Stundenkilometer, was die schnellsten Züge der Welt bislang nur in Testfahrten erreichen. Die Lösung könnte Richtung Hyper­loop gehen, ein Transportkapselsystem in Röhren, das von Elon Musk vorangetrieben wird.

Eine 35 Kilometer lange Hyperloop-Teststrecke ist für eine andere Planstadt in Saudi-Arabien angekündigt, für die King Abdullah Economic City, die seit 15 Jahren im Bau ist und zwei Millionen Menschen aufnehmen soll.

In Abu Dhabi hat es mit der Ökostadt nicht geklappt

Das Verkehrskonzept von «The Line» erinnert in erster Linie an die Stadt Masdar im benachbarten Emirat Abu Dhabi. Im Jahr 2006 wurde sie als Öko-Modellstadt für 50 000 Menschen angekündigt: CO2-neutral, ohne Personenwagen, mit selbstfahrenden Elektrofahrzeugen für den Personentransport.

2016 hätte die Stadt fertiggestellt sein sollen. Der erste selbstfahrende Shuttle ging aber erst 2018 in Betrieb. Als Zeithorizont für das Gesamtprojekt wird nun 2030 angegeben, und das Ziel der CO2-Neutra­lität ging verloren. ­Masdar könnte die erste grüne Geisterstadt werden, hiess es in der britischen Zeitung «The Guardian» bereits vor fünf Jahren.

Das Wachstum hält sich nicht an den Plan

Doch auch das Gegenteil kann einer Planstadt drohen: Dass sie mehr Leute anzieht, als sie fassen kann. «Die Frage lautet: Was passiert, wenn die Stadt über die vorgesehen Grenzen hinaus wächst?», sagt Kay Axhausen. Und fügt an:

«Wenn die Regierung die Infrastruktur wie Trinkwasserleitungen und Kanalisation nicht baut, können nur Favelas entstehen.»
Kay AxhausenProfessor für Verkehrsplanung an der ETH Zürich

Kay Axhausen
Professor für Verkehrsplanung an der ETH Zürich

Bild: Keystone

So geschehen in Brasília, der Hauptstadt Brasiliens, die 1960 eingeweiht wurde. Der Kern der Stadt wurde gemäss den Plänen erstellt, ausserhalb wuchs eine der grössten Favelas des Kontinents.

Ein solcher Wildwuchs würde ganz und gar nicht zur Vision des saudischen Kronprinzen passen. Ihm schwebt eine hochtechnisierte Stadt vor, die alle möglichen Daten über ihre Bevölkerung sammelt und auswertet, um die Infrastruktur zu optimieren.

Auch Toyoto plant eine Stadt der Zukunft

«Smart City», lautet das Wort der Stunde. Nicht nur auf der arabischen Halbinsel. Am Dienstag war in Japan Spatenstich für die «Woven City», eine vernetze Kleinstadt von Toyota, emissionsfrei und energieeffizient. Interessant, dass sogar der Autohersteller die Zukunft nicht bei Privatfahrzeugen sieht. Herzstück der Stadt sind vielmehr öffentliche selbstfahrende Minibusse. Der Güterverkehr wird auch hier in den Untergrund verbannt. Die Stadt soll 2000 Menschen Platz bieten, das Projekt ist also sehr viel bescheidener als «The Line», was die Umsetzung realistischer macht.

In Saudi-Arabien ist hingegen fraglich, ob sich genügend Investoren finden. Die Baukosten für 170 Kilometer unterirdische Infrastruktur sind enorm hoch. Und dass die Petrodollars nicht ewig fliessen, weiss niemand besser als Saudi-Arabien – nicht zuletzt geht es beim Projekt darum, die Abhän­gigkeit von den Erdölexporten zu verringern.

Die Gelegenheit, eine ganze Stadt von Grund auf zu bauen, ergibt sich nur selten. Doch Projekte wie «The Line» und «The Woven» sind auch Labors, in denen Technologien getestet und vorangetrieben werden. Davon können wiederum andere Metropolen profitieren, in denen städteplanerisch Hopfen und Malz verloren scheinen. Den Lungen der Londoner Bevölkerung käme zum Beispiel gelegen, wenn die Elektrifizierung des Verkehrs vorangetrieben würde.

Nach Plan gebaut: Diese Städte wurden ebenfalls am Reissbrett entworfen

Die Stadtpläne der meisten Schweizer Städte wirken ziemlich chaotisch. Die Strassen passen sich Flussläufen und Hügeln an, ein zugrunde liegendes grösseres Konzept ist kaum zu erkennen. Die Ausnahme ist La Chaux-de-Fonds: Nach einem Brand im Jahr 1794 wurde die Stadt mit einem geometrischen Grundriss neu aufgebaut. In anderen Ländern gibt es mehr solche Planstädte. Und eine davon ist sehr viel älter.

Teotihuacán

Bild: Getty

Die drittgrösste Pyramide der Welt steht in Teotihuacán im Hochland von Mexiko. Dies war zu Zeiten der Maya die grösste Stadt Amerikas. Die Gebäude und Strassen waren streng nach einem Rechteckmuster um die zentrale Achse, die vier Kilometer lange «Strasse der Toten», angeordnet. Sogar der Fluss wurde kanalisiert, um ins Raster zu passen.

Karlsruhe

Bild: Getty

Standen im alten Mexiko Tempel im Mittelpunkt, waren es im Barock weltliche Machtsymbole. Karlsruhe wurde ab 1715 um die Residenz des Markgrafen herumgebaut. Vom Schloss aus führen 32 Strassen strahlenartig nach aussen.

Letchworth

Bild: Getty

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden dann Konzepte, in denen der Mensch im Mittelpunkt steht. Die Gartenstadt, wie sie dem britischen Stadtplaner Ebenezer Howard vorschwebte, vereint Stadt mit Natur. Auf seinen Ideen basierend, wurde ab 1903 unweit von London die Letch­worth Garden City mit grossen Pärken gebaut.