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Sonnencreme geht ins Blut über

Sonnenschutzmittel sind einerseits sehr nützlich, andererseits nicht problemlos. Eine neue US-Studie lässt aufhorchen. Ob aber unsere Gesundheit gefährdet ist, bleibt aber vorerst offen.
Hans Graber
Panik ist nicht angebracht, aber beim Auftragen von Sonnenschutzmitteln sind ein bewusster Umgang und ein gezielter Einsatz empfohlen. (Bild: Mykola Sosiukin/Getty)

Panik ist nicht angebracht, aber beim Auftragen von Sonnenschutzmitteln sind ein bewusster Umgang und ein gezielter Einsatz empfohlen. (Bild: Mykola Sosiukin/Getty)

Unser aktuell etwas garstiges Wetter hat zumindest den Vorteil, dass man sich nicht vor der Sonne schützen muss. Ein solcher Schutz wird von Dermatologen dringend empfohlen, wenn man sich – freiwillig oder unfreiwillig – der Sonne aussetzt. Zur Verfügung stehen Cremen, Lotionen und Sprays, in welchen Filter gegen die Ultraviolettstrahlung (UV) eingearbeitet sind.

Verwendet werden sogenannte organische («chemische») und mineralische («physikalische») UV-Filter. Diese Bezeichnungen sind zwar unscharf oder sogar falsch, weil sie aber landläufig verwendet werden – unter anderm auch von Behörden wie dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) – , lassen wir sie hier so stehen.

Gesundheitsfachleute empfehlen tendenziell die mineralischen Filter, die aus Zinkoxid oder Titandioxid bestehen. Ein Nachteil dieser Produkte: Die Haut wird beim Auftragen sehr weisslich – es sei denn, man zerkleinert Zinkoxid und Titandioxid. Die dabei entstehenden Nanopartikel sind so winzig, dass sie unter Verdacht stehen, über die Haut in den Körper zu gelangen. Das BAG und mit ihm die grosse Mehrheit der Experten betont jedoch, dass dies «nach heutigem Wissensstand» nicht der Fall sei. Das Durchdringen der Haut konnte bisher wissenschaftlich jedenfalls noch nie nachgewiesen werden.

Einfluss auf den Hormonhaushalt

Weit weniger eindeutig ist das bei organischen («chemischen») Filtern. Einzelne von ihnen zeigten in Labor- und Tierversuchen Wirkungen auf unseren Hormonhaushalt. Inwiefern das für Menschen von Bedeutung sein könnte, ist laut BAG nicht bekannt. Weil aber die im Labor und beim Tier verwendeten Dosen bedeutend höher als die geschätzte Aufnahmemenge beim Menschen seien, erachtet das BAG eine Gesundheitsgefährdung «aus heutiger Sicht für unwahrscheinlich». Unter anderem auch, weil es gesetzlich vorgeschriebenen Höchstmengen an diesen Filtern in Sonnenschutzmitteln gebe.

Doch Vorbehalte gegen die organischen Sonnenschutzmittel erhalten nun neue Nahrung: Eine diese Woche im US-Ärzteblatt «JAMA» veröffentlichte Studie zeigt, dass organische Filter nach dem Auftragen auf die Haut bald einmal im menschlichen Blut nachweisbar sind.

Durchgeführt hat die kleine Studie die US-Arzneimittelbehörde FDA. 24 gesunde Erwachsene trugen im Labor kommerziell erhältliche Cremen, Lotions oder Sprays während vier Tagen viermal täglich in der empfohlenen Menge (2 mg/cm2) auf 75 Prozent ihrer Körperoberfläche auf. Die Produkte enthielten vier der am häufigsten verwendeten Lichtschutzfaktoren (Avobenzon, Oxybenzon, Octocrylen und Ecamsul).

Grenzwert bereits am ersten Tag überschritten

Nach den Tests mit insgesamt 30 Blutentnahmen zeigte sich, dass alle vier Lichtschutzfaktoren im Blut in einer Konzentration über dem Grenzwert (0,5 Nanogramm pro Deziliter) nachweisbar waren. Dieser Grenzwert war in der Regel bereits nach einem Tag erreicht und stieg an den Folgetagen weiter an.

Welche Auswirkungen das nun aber auf unsere Gesundheit hat, ist vorerst unklar. In einem Kommentar zur Studie schreibt Dermatologin Kanade Shinkai von der Universität von Kalifornien in San Francisco, «dass vom Nachweis der Lichtschutzfaktoren im Blut allein nicht auf eine schädliche Wirkung geschlossen werden kann».

Weitere Tests seien aber dringend nötig, ehe man Bedenken ganz ausräumen könne. Im Fokus stehen vor allem Kinder. Die Durchlässigkeit der Haut ist zwar vergleichbar, aber bei Kindern ist die Körperoberfläche im Verhältnis zum Körpervolumen grösser als bei Erwachsenen, deshalb ist auch mit einer erhöhten Konzentration im Blut zu rechnen.

«Es gibt definitiv Grund zur Besorgnis»

Bereits frühere Untersuchungen mit dem Lichtschutzfaktor Oxybenzon haben gezeigt, dass er im Blut, im Urin, in der Muttermilch und auch im Fruchtwasser nachgewiesen werden konnte. Für Kanade Shinaki ist deshalb klar: «Es gibt definitiv Grund zur Besorgnis, wer Medikamente kauft, darf erwarten, dass sie auf ihre Sicherheit getestet wurden.» Bei Sonnenschutzmitteln aber sei das nie bewiesen worden. Abgeraten wird von diesen Mitteln nicht, aber wer ganz auf Nummer sicher gehen wolle, sollte besser mineralische Filter verwenden.

Diese Meinung teilt Christian Surber, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Gastprofessor an den Dermatologischen Universitätskliniken Basel und Zürich. Surber gilt in der Schweiz als der Sonnenschutzmittel-Fachmann. Dramatisieren will er die neusten Studienergebnisse nicht, zumal er in unserem Alltag weitaus grössere Gefahren sieht als Sonnenschutzmittel, zum Beispiel Feinstaub durch Verkehr.

Schwangere und Kinder: Nie organische Filter

Christian Surber rät aber zu einem bewussten Umgang und einem gezielten Einsatz von Sonnenschutzmitteln. «Wenn man die Mittel gemäss den empfohlenen Vorgaben anwendet, ist man im grünen Bereich.» Bei Schwangeren, Kindern und Kleinkindern sollen aber Sonnenschutzmittel mit organischen Filtern generell gemieden werden.

Surber empfiehlt denn auch klar, mineralische Sonnenschutzmittel einzusetzen (im Zweifelsfall bei der Produktewahl in der Drogerie fragen). Darüber hinaus weist er nochmals darauf hin, Säuglinge nicht der direkten Sonne auszusetzen, ein Tuch über dem Kinderwagen reicht als Sonnenschutz vollauf.

Irreführende Begriffe für Sonnenschutzfilter
Die für UV-Sonnenschutzfilter häufig verwendeten Begriffe «chemisch» und «physikalisch» seien im Grunde genommen falsch, sagt der Schweizer Sonnenschutzexperte Christian Surber. Denn: «Bei allen Filtern handelt es sich um chemische Sub­stanzen.»
Die Begriffe seien Anfang der 1990er-Jahre von Marketingleuten kreiert worden, um die neuen «physikalischen» Filter Zinkoxid und Titiandioxid von den damals vorhandenen Filtern abzugrenzen. Das Wörtchen «chemisch» ist negativ besetzt, «physikalisch» dagegen eher positiv. Letztere werden oft geschönt auch als «natürliche Filter» bezeichnet.
«Wir sollten diese Marketingsprache nicht einfach übernehmen», sagt Surber. Die synonym verwendeten Begriffe organisch (= «chemisch») und mineralisch (= «physikalisch») würde er noch knapp durchgehen lassen, obwohl sie den Sachverhalt auch nicht ganz korrekt wiedergeben. Christian Surber: «Richtig aber wäre, von löslichen und unlöslichen Filtern zu sprechen.»

Quelle: Quelle: JAMA. 2019 May 6. doi: 10.1001/jama.2019.5528

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