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Sonnencreme kann den Korallen und den Fischen schaden

Seit Jahren tragen wir Sonnencreme auf, um Sonnenbrand vorzubeugen. Und nun soll sie plötzlich umweltschädlich sein.
Diana Hagmann-Bula
Fische im Korallenriff werden womöglich durch Sonnencremes geschädigt. (Bild: Fotolia)

Fische im Korallenriff werden womöglich durch Sonnencremes geschädigt. (Bild: Fotolia)

Wer sich unter brennender Sonne eincremt, hat sich bisher vor allem um sich selber Sorgen gemacht. Braune Haut ist geschädigte Haut, sagen Dermatologen. Wie schlimm erst rote Haut sein muss. Nun kommt beim Einschmieren eine neue Sorge dazu: jene um das Meer. UV-Filter schützen zwar unsere Haut, bleichen aber die Korallen aus, was zu deren Absterben führen kann. «Sie schädigen ausserdem das Erbmaterial der Korallen und töten deren Larven», sagt Ulrike Pfreundt, Meereswissenschafterin an der ETH Zürich.

Wegen schlechten Ökogewissens die Zeit am Strand nicht geniessen können: So muss es trotzdem nicht enden. Immer mehr Kosmetikfirmen bringen Sonnencreme auf den Markt, welche die Bezeichnung «Reef Safe» trägt und, anders als herkömmliche Produkte, den Korallen nicht zusetzen soll.

«So dass man nicht mehr zwischen Haut- und Umweltschutz entscheiden muss»

, bewirbt etwa die französische Marke Claudalie ihr Produkt.

Tieferer UV-Filter, weniger Schadstoffe

Als kritisch erachtet Pfreundt vor allem die Inhaltsstoffe Oxybenzon, Octinoxat und Octocrylen. Wer nun chemischen Cremes abschwört und auf Produkte mit mineralischen Filtern wie Titandioxid und Zinkoxid ausweicht, der liegt nicht unbedingt richtig: «Zwar sind sie im Prinzip nichts anderes als Kristallsand, der auf der Haut liegt und die Sonne reflektiert. Oft werden sie aber mit chemischen Filtern gemischt, um die Vorteile beider zu kombinieren.» Die Kosmetikbranche hat in den vergangenen Jahren eine Nanoform vorwärtsgetrieben, die sich besser verteilen lässt und den Benutzer nicht weiss wie einen Milchbuben an den Strand schickt.

«Auch diese Nanoform schadet womöglich den Riffen, nur ist die Studienlage noch nicht ausreichend»

, sagt Pfreundt. Die Meereswissenschafterin betont, dass Produkte mit tieferem Sonnenschutz weniger Schadstoffe enthalten. Es sei denn, man bleibt so lange an der Sonne, dass die Wirkung mit einer zweiten Eincremerunde verstärkt werden muss. «Dann hilft auch der tiefere UV-Filter der Umwelt nicht.» Sie rät, wasserfeste Cremes zu verwenden, die sich weniger abspülen. Allerdings: «Bei Ländern mit Riffen handelt es sich oft um ärmere Länder mit schlechtem Klärsystem. Da gelangt die Creme beim Duschen ins Wasser und dann ins Meer.»

Genau lesen, trotz Öko-Label

Pfreundt kauft Sonnencreme meist vor Ort im Ausland ein. «Gerade in Hawaii und Australien ist das Bewusstsein für dieses Thema schon verbreiteter als bei uns. Entsprechend entwickelter sind die Produkte», sagt die 34-Jährige. Die US-Pazifikinsel ist eine der Vorreiterinnen, die Sonnencremes mit Oxybenzon und Octinoxat ab 2021 verbietet. Den Markt in Puerto Rico jedoch hat Pfreundt diesen Winter auf Forschungsreise falsch eingeschätzt: «Die Auswahl an umweltfreundlichen Cremes war nicht so gross wie erwartet. Ich bin 30 Minuten vor dem Regal gestanden, habe die Inhaltsstoffe studiert und mich schliesslich für eine mineralische Creme ohne Nanoteilchen entschieden.» Genau lesen, das empfiehlt sie auch den Konsumenten – trotz Umweltlabel auf der Verpackung.

Sonnencremen enthalten gemäss einem Dossier des schwedischen Umweltministeriums über 20 chemische Komponenten. Wie viel Sonnencreme jährlich tatsächlich in die Riffe gelangt, variiert von Studie zu Studie: Mal ist von 4000 bis 6000 Tonnen die Rede, mal von 6000 bis 14000 Tonnen. Der Filter Oxybenzon mache ein bis zehn Prozent vieler Cremen aus, heisst es. 10 Prozent aller Riffe weltweit und 40 Prozent der Küstenriffe seien dadurch bedroht.

Situation im Labor und am Riff kaum vergleichbar

In Zeiten, in denen Nachhaltigkeit hip ist, dient ein Reef-Safe-Label auch als Verkaufsargument in einem übersättigten Markt. In einer Bucht in Hawaii, wo täglich Tausende von Touristen schwimmen würden, könne biologisch abbaubare Sonnencreme vielleicht etwas bewirken, meint Pfreundt. «Weltweit lassen sich die Riffe aber nicht retten, nur weil wir neue umweltfreundliche Produkte auftragen. Verheerend für die Korallen ist vor allem der Klimawandel.» Als billiges Green Washing will sie die Bemühungen dennoch nicht abtun. «Ich habe nichts dagegen, wenn verschiedene Unternehmen den Öko-Trend aufgreifen. Immerhin führt das auch dazu, dass sich eine neue Gesinnung bei der breiten Bevölkerung etabliert. Irgendwann wird sich das auszahlen».

Skeptischer ist Christian Surber, wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Dermatologischen Universitätskliniken in Basel und Zürich. Er hält Bezeichnungen wie «korallenfreundlich» oder «riffgerecht» auf Sonnenschutzprodukten nicht für angebracht. Noch herrsche keine wissenschaftliche Klarheit darüber, ob und in welchem Umfang UV-Filter unter realen Bedingungen einen Einfluss auf Korallenriffe habe. «Auch, weil die experimentelle Situation im Labor schwierig vergleichbar mit der realen Situation vor Ort ist», begründet er. Weitercremen also mit Produkten wie bisher?

«Sonnencreme ist die am wenigsten effektive Art sich vor Sonne zu schützen.»

Surber rät stattdessen, lange leichte Kleidung zu tragen. Und sich einen Platz im Schatten zu suchen. So geht sicherer Sommer für Mensch und Meer.

Auch die Fische leiden

Korallen sind möglicherweise nicht die einzigen, die unter zu viel Sonnencreme leiden. Chemikalien, die als UV-Filter zum Einsatz kommen, gelangen auch in die Körper von Fischen. Nachgewiesen wurden sie in der Schweiz in Fischen aus dem Zürichsee und dem Thunersee – aber auch in Fischen aus kleinen Flüssen, und dies in höheren Konzentrationen als in denjenigen aus Seen. Das deutet daraufhin, dass die Chemikalien nicht nur dort, wo eingecremte Menschen baden, ins Wasser gelangen, sondern auch indirekt aus Abwasser, etwa von Duschen und Waschmaschinen in Privathaushalten. All diese Stoffe sind hormonaktiv, sie wirken sich auf den Sexualhormonhaushalt der Fische aus und können dadurch die Fruchtbarkeit und den Bruterfolg stören. Unklar ist aber, ob sich in den Fischen in Schweizer Gewässern so hohe Konzentrationen ansammeln, dass tatsächlich Probleme auftreten. Umweltingenieurin Eszter Simon vom Ökotoxzentrum der ETH sagt: «Das Schicksal der Chemikalien aus UV-Filtern in Gewässern ist noch nicht wirklich untersucht worden. Ebenso wissen wir über die langfristigen Effekte auf Fische noch sehr wenig.» Nach aktuellem Stand der Forschung kann die Möglichkeit, dass sich UV-Filter auf den Hormonhaushalt von Tieren auswirken, zumindest nicht ausgeschlossen werden. (nsn)

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