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SPANIEN: Ans Ende der Welt

Entlang einsamer Wege, an Steilküsten und Leuchttürmen vorbei führt die Weitwanderung an der galicischen Costa da Morte.
Ein Leuchtturm und eine Herberge am «Ende der Welt» – auf dem Kap Finisterre an der galicischen Küste. Finisterre gilt für viele Pilger als das eigentliche Ende des Jakobswegs. (Bild: PD)

Ein Leuchtturm und eine Herberge am «Ende der Welt» – auf dem Kap Finisterre an der galicischen Küste. Finisterre gilt für viele Pilger als das eigentliche Ende des Jakobswegs. (Bild: PD)

Text und Bilder Justin Koller

Der Himmel hängt so tief, dass er praktisch im Meer untergeht. Dabei ist es August, und wir sind doch in Spanien. Zwar am Atlantik und nicht am Mittelmeer; alles ein feucht-schwüles Dampfbad. Doch kurz darauf strahlt die Sonne schon wieder durch die Wolken. Europas Wetter entsteht hier an der windigen Atlantikküste in der nordwestlichsten Ecke der iberischen Halbinsel. Wetterwechsel im Stundentakt. Als Weitwanderer muss man sich daran gewöhnen, als Fotograf freut man sich an den abwechslungsreichen Stimmungen. Wir sind zu einem Ort unterwegs, der für viele Jakobspilger das Ende des Weges bedeutet: Finisterre.

Bis ins Mittelalter war hier das westliche Ende der Welt. Viele der Pilger auf dem Jakobsweg nach Santiago gaben sich nicht damit zufrieden, das Apostelgrab erreicht zu haben. Die Neugier trieb sie weiter. Sie wollten zumindest einmal im Leben das Meer sehen und erst dann heimkehren. Costa da Morte (galicisch: Todesküste) tönt nicht gerade einladend. Ihren Namen erhielt sie wegen der Gefahren für die Seefahrt und der daraus resultierenden Schiffbrüche mit vielen Toten. Sie erstreckt sich von Malpica westlich von A Coruna bis zum Kap Finisterre.

Wo Maria das Ufer betrat

Wir sind im kleinen Fischerstädtchen Laxe gestartet. Der Weg ist abwechslungsreich. Bald als Trampelpfad in einer weissen Sandlandschaft auf einem weichen Teppich, geschmückt mit wilden Strandblumen. Dann durch ein Tal mit zum Teil zerfallenen Mühlen landeinwärts in eine Hügellandschaft bis zum imposanten Dolmen von Dombate aus keltischer Zeit (4. Jahrtausend v. Chr.)

Am Beginn des zweiten Wandertages umwandern wir eine Halbinsel, sehr einsam und geheimnisvoll. Am Ende ein Leuchtturm. Kein Mensch ist dort, nur eine schlichte Statue aus Bronze, die eine Mutter mit dem Kind im Arm darstellt. Beide schauen aufs Meer, warten auf den Mann und Vater, der nicht mehr wiederkehren wird. Weiter führt der Weg durch eine wilde Landschaft mit grossen felsigen Kuppen, dazwischen Weideland für Schafe. Trockensteinmauern ziehen sich über ganze Abhänge. In den Senken stehen brusthohe Farnwedel und Brombeerverhaue mit kobaltblauen Wicken. Unten leuchtet das Meer mit wechselnden Farben von Hellblau bis Ultramarin.

Das Ziel des dritten Wandertages von Camarinas nach Muxía wäre mit dem Boot in kurzer Zeit zu erreichen – es liegt gut erkennbar am jenseitigen Ufer. Zu Fuss sind aber zwei tief ins Land eingeschnittene Rias auszuwandern bis ans Ende, dort, wo der Fluss ins Meer mündet.

Muxía ist ein wichtiges Wallfahrtsziel in Galicien. Die Legende erzählt, dass die Jungfrau Maria in einem steinernen Schiff übers Meer kam und hier das Ufer betrat. Die Kirche direkt am Meer ist umgeben von Felsbuckeln und riesigen Steinplatten, darunter auch magische grosse Wackelsteine, die ein Pilger mit der entsprechenden Technik in Bewegung setzen kann. Das Gebiet blieb von Katastrophen nicht verschont. Im November 2002 brach vor der Küste der Öltanker «Prestige». Zehntausende von Freiwilligen säuberten die Strände von Teer und Öl. Heute ist von aussen nichts mehr erkennbar.

Machtvolles Meer

Die Küste ist von einfacher wilder Schönheit. Die leeren weissen Strände und die Brandung, die sich an ihnen bricht, bilden eine magische Atmosphäre. Strände wechseln sich ab mit Steilküsten. Leuchttürme warnen vor vorgelagerten Riffs und Untiefen wie der durch seine Lage beeindruckende Faro am Cabo Vilán. Denn hier, an der Todesküste, ist das Meer machtvoller als das Land. Ganz in der Nähe des Kaps erinnert der Friedhof der Engländer oder Cemiterio dos Ingleses an die Tragödie der «Serpent», ein Schiff der Royal Navy mit nur drei Überlebenden.

Wir wandern durch kleine Fischerdörfer und bäuerliche Weiler, treffen nur wenige Menschen – welch Gegensatz zur Mittelmeerküste Spaniens. Wir sehen Hórreos, auf Granitsäulen stehende (Mais-)Speicher. Die grossen Steinteller sichern gegen Mäusefrass.

An meterhohen Strassenkreuzen aus Granit kommen wir vorbei, an knurrenden und kläffenden Hunden, zum Glück meist an der Leine oder mitleidlos eingesperrt. In den Gärten blühen tiefblaue Hortensien. Wir riechen den Duft von frischem Brot aus einer Panaderia. Und wir treffen Menschen, die sich freuen, nach langen Arbeitsjahren in der Schweiz (zurück aus der Uhrenindustrie im Jura) mit uns einen kurzen Schwatz zu halten.

Es ist Mittag. Der Weg führt hinauf und hinunter mit atemberaubenden Blicken von der Steilküste. Wir sind schon recht ermüdet und hungrig. Ein Glas Weisswein und ein Teller mit Meeresfrüchten – ein gewagter Traum in dieser Einsamkeit. Nach einer halben Wegstunde: da unten zwei Häuser in der Bucht. Davor Autos, das könnte ein Gasthaus sein. In der Tat, voll von Gästen vor vollen Tellern. Es duftet nach Hummer und Reis. Für uns zuerst ein kühles Glas weissen Albarino. Entenmuscheln (percebes), Jakobsmuscheln (vieiras), Schwertmuscheln (navajas), Miesmuscheln (mexilóns) und Herzmuscheln (berberechos) stehen auf der Karte. Die Welt hat einen Mittelpunkt bekommen. Es ist warm, und die Menschen sind freundlich. Plötzlich eilen alle ans Fenster: Delfine in der Bucht!

Magie des Sehnsuchtsorts

Am letzten Wandertag erblicken wir zum ersten Mal das ersehnte Ziel unserer Weitwanderung. Der Aufstieg zum Cabo Fisterra beginnt aus Tradition bei der romanischen Kirche Santa Maria das Areas mit einem bekannten gotischen Kreuz. Der Weg führt auf einer Fahrstrasse zum Kap. Die Autos nerven, wir waren zu lange an der einsamen Küste unterwegs. Vielleicht ist auch die Vorstellung überhöht, das Ende der Welt und der Sehnsuchtsort vieler Pilger über Jahrhunderte müssten magisch sein. Doch weiter zum Leuchtturm und dem noch verdeckten Ausblick dahinter. Endlich die Sicht auf das Meer und den unendlichen Horizont.

Selfie und Picknick

Auf runden Felsen sitzen die einheimischen Besucher, fotografieren – nicht etwa das Ende der Welt, sondern sich als Selfie. Familien beim Picknick. Es gibt auch wenige echte Pilger, die sich am Ende ihrer Wanderschaft ausruhen. Doch lenken die vielen Menschen ab und erschweren es, den Ort zu erleben. An zwei Masten hängen Kleider, Schuhe und Gürtel über einer Tafel, die das just verbietet. Manche Pilger verbrennen Schuhe oder Kleidungsstücke. Der Sinn dabei ist, symbolisch den alten Menschen zu verbrennen und als gewandelter zurückzukommen.

Es ist Abend geworden, und ich möchte trotz der Ernüchterung noch einige Zeit an diesem Ort verbringen. Ich steige in den Felsen herum, suche mir einen windgeschützten Platz abseits der Leute und warte auf den Sonnenuntergang. Die alten Römer sollen hier schon einen Altar zu Ehren des Sonnengottes errichtet haben. So allein belohnt und erfüllt mich eine meditative Stille.

An der Küste Galiciens Wandern und Wallfahren

Route: Anreise: Flug nach A Coruña oder Santiago de Compostela, Busverbindungen nach Laxe, dem Startpunkt der Küstenwanderung.

Wanderung:Eine 6-Tages-Wanderung mit im Voraus reservierten, guten Unterkünften und Gepäcktransport bietet beispielsweise der Veranstalter www.pures-reisen.de an. In einem Handbuch (Spanisch und Englisch) sind die Tagesrouten gut erklärt und mit Karten und kulturellen Hinweisen ergänzt. Im Anhang findet sich eine grosse Auswahl an Restaurants. Vor Ort geben die freundlichen Fahrer des Gepäcktransportes weitere Auskünfte. Der Besuch von Santiago de Compostela lässt sich gut verbinden.

Unterwegs im Auto:Für allgemeine Auskünfte und Mietwagen: www.turgalicia.es und www.spain.info.

Warten auf den Liebsten: Diese Statue steht auf der Insinua-Halbinsel bei Laxe. (Bild: Justin Koller)

Warten auf den Liebsten: Diese Statue steht auf der Insinua-Halbinsel bei Laxe. (Bild: Justin Koller)

Ausruhen auf einem Felsen und die Weite des Atlantiks erleben. (Bild: Justin Koller)

Ausruhen auf einem Felsen und die Weite des Atlantiks erleben. (Bild: Justin Koller)

Hórreos, auf Säulen gebaute Getreidespeicher, stehen am Wegrand. (Bild: Justin Koller)

Hórreos, auf Säulen gebaute Getreidespeicher, stehen am Wegrand. (Bild: Justin Koller)

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