SPANIEN: Mit dem Tod wird das Leben gefeiert

Semana Santa – die Karwoche vor Ostern ist im spanischen Andalusien ein Fest des Volkes. Die Umzüge sind getragen von einem feierlichen Katholizismus. Mit dazu gehören Kapuzenmänner, Weihrauch und der Tod.

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An den Prozessionen zeigen sich die Frauen auch gerne schön geschminkt. (Bild: Epa/Salas)

An den Prozessionen zeigen sich die Frauen auch gerne schön geschminkt. (Bild: Epa/Salas)

Peter Exinger

Diese Männer wissen, was sie tun. Die Linke packt ein Bündel Rosen. Die Rechte schneidet mit einem Druck der Gartenschere die zu langen Stiele ab. Gleich sieben oder acht aufs Mal. Sie fallen auf den Kirchenboden. «Wo sind die Rosen?» – «Hier, kommen gleich.»

In den Tagen vor Ostern sind die andalusischen Kirchen religiöse Manufakturen. Und die Männer sind Blumenbinder und Lastenträger. Zuerst aber haben sie angepackt und sämtliche Kirchenbänke in eine Ecke gestellt, ganz nach hinten links, damit sie Platz haben für ihre Arbeit: Sie schmücken heute ihren Paso. Das ist eine Holzkonstruktion, einem überdimensionalen Tisch nicht unähnlich: Auf ihm thront eine schwere Statue, mit Tausenden Blüten geschmückt, inmitten Hunderter Kerzen.

Die tränenreiche Mutter

Heute Abend wird die ganze Stadt bei der Prozession auf den Beinen sein, und alle werden mitgehen, gross und klein, jung und alt, wenn die Männer ihre tränenreiche Mutter Gottes und ihren Kreuz schleppenden Jesus auf den Schultern durch die engen Strassen tragen.

Die Männer der Bruderschaft haben einander zur Begrüssung auf die Schulter geklopft, sich gegenseitig den Bauch getätschelt, als versicherten sie sich ihrer Existenz. Sie müssen sich aufeinander verlassen können. Zwei Dutzend von ihnen tragen heute ihre Christusstatue, die andere Truppe – sie zählt 34 Köpfe – trägt eine Mutter Gottes. Jesus und Maria stehen das Jahr über in der Kirche, an den Tagen vor Ostern kommen sie für ein paar Stunden unters Volk auf die Strasse.

In der Kirche stehen die Pasos untertags wie seltene Oldtimer in einer Garage. Einer neben dem anderen. Geputzt und strahlend. Alle kommen diese Woche zu Ehren der unzähligen Prozessionen auf die Strasse. Jeder will dabei sein – sogar jene, die schwerfällig ihre Schritte setzen, nur gestützt von Sohn und Tochter vor die Tür gelangen.

Mit einer Tonne durch die Stadt

So ein Paso hat ein ganz schönes Gewicht. Eine Tonne mindestens, die meisten aber bringen 1500 Kilogramm und mehr auf die Waage. Auf den Schultern der Männer lastet im Normalfall eine Last von mindestens 40 Kilogramm. Damit jeder in etwa dasselbe Gewicht auf sich lädt, legt die Bruderschaft vorab fest, an welcher Stelle wer unter dem Paso geht. Je nach Körpergrösse passen die Männer ihre Position mit Holzklötzen und kleinen Polstern an.

Andalusische Prozessionen sind nicht in einer halben Stunde wieder vorbei, sie dauern den ganzen Abend bis weit nach Mitternacht – oder den ganzen Tag. So ein lebensgrosser Christus mit Silberkreuz, der jeden Augenblick zusammenzubrechen scheint, oder eine Madonna mit ihrem goldbestickten Samtmantel lasten schwer auf den Schultern. Der Paso erlaubt den Männern nur kleine Schritte; alle 50 oder 100 Meter müssen sie ihre schwere Last absetzen und eine Pause einlegen.

Seit Andalusien Arbeitslosenraten von über 30 Prozent ausweist, arbeiten viele auswärts. Für die meisten eine harte Distanz. An den Ostertagen jedoch schlafen fast doppelt so viele in den kleinen andalusischen Städten, als es unterm Jahr Einwohner hat. Die Semana Santa ist Volkes Fest.

Seit dem 16. Jahrhundert hält sich die Tradition der Umzüge. Kein Priester oder Pfarrer nimmt an den Prozessionen teil. Das ist kein Ereignis der Amtskirche, es ist eine für Mann und Frau und Kind und Kegel. Das Volk hat dafür Beharrlichkeit gezeigt, all die Jahrzehnte und Jahrhunderte. Bischöfe versuchten es mit Verboten. Die Juntas auch. Selbst Diktator Franco liess nur argwöhnisch dieses katholische Treiben gewähren.

Der schärfste Lidstrich

Dann kündigt sich in den Abendstunden mit dem Klang der Trommeln die Prozession an. Schon sehen wir den leicht schwankenden Paso – voran die Weihrauchkessel. Dafür braucht sich niemand auf die Zehenspitzen zu stellen. Die Frauen in den Strassen tragen den schärfsten Lidstrich, das kürzeste Kleidchen, die höchsten High Heels – nur die Mädchen Ballerinas.

Hinter dem Paso schreiten zwei schwarz verhüllte Figuren. Auf dem Kopf tragen sie eine Dornenkrone, in der Rechten ein Holzkreuz und in der Linken einen Totenschädel – sie sind lebendige Memento Mori. Ihr Gesicht bleibt während der gesamten Prozession verhüllt mit schwarzem Stoff. Sie tragen eine grobe Kutte und an den blossen Füssen eine schwere Kette, die eisern über das Pflaster schleift. Dann folgen in langen Reihen die Kapuzenmänner. Jede Bruderschaft in ihren eigenen Farben, alle geordnet, mit Fackeln oder brennenden Kerzen in der Hand. Es sind die Sünder dieser Stadt – öffentlich, und doch anonym.

Azur über dem Olivenhain

Anderntags wölbt sich der Himmel weit und hoch mit seinem strahlenden Azur. In den andalusischen Städten kann schon Anfang April das Thermometer bis zu 30 Grad im Schatten zeigen. Von der Häuserflucht geht der Blick die Strasse entlang und dann auf die Hügel rundum: Olivenhaine – die verwachsenen uralten Bäume stehen ausgerichtet, aber nicht stramm in der rot ausgebackenen Erde.

Draussen, weit vor den Toren der Stadt, wacht ein riesiger schwarzer Stier über den Verkehr auf der spanischen Autobahn. Die roten Tücher, mit denen die Balkongeländer geschmückt sind, bewegen sich leicht im Wind. In den Gassen noch Stille. Die weissen Wände der Häuser werfen das Sonnenlicht zurück. Die ersten Mauersegler sind unterwegs. Ihre kleinen Körper pfeilen durch die Lüfte – und dünnkreischende Rufe erfüllen das Gemäuer ringsumher.

Schweigend, still und ohne Worte gehen am Nachmittag wieder die Kapuzenmänner durch die Stadt. Durch die beiden Gucklöcher in den Kapuzen sind die Menschen nicht zu erkennen. Es ist ein gespenstischer Umzug – wer mag die ganzen Kostüme genäht, gewaschen und gebügelt haben? Tagelang sind die Prozessionen unterwegs. Ostern rückt näher – es ist für die Andalusier ein Fest der Tränen, der Schmerzen, des Tods. Die meisten Geschäfte bleiben bis Karsamstag geschlossen. Dann ist der Zauber bald vorbei. Und der religiöse Rest – die Auferstehungsfeier – findet in den Kirchen statt. Dafür brauchts dann wieder die Priester und Pfarrer.

Und nachdem der letzte Paso in der Kirche verschwunden, der letzte Fromme sein letztes Kreuz geschlagen hat, zerstreut sich die Menge, bald geht wieder jeder seiner Wege, rasch zurück ins gewohnte Leben.

Aufmerksame entdecken am nächsten Tag unzählige Wachstropfen auf dem Pflaster der engen Gassen. Sie sehen aus wie Blutspuren – hier kam die Prozession vorbei.

Ein Widerspruch

Diese lebendigen Menschen mit ihrem Treiben, Trinken und lauten Worten stehen im Widerspruch zu den von ihnen durch die Strassen getragenen Figuren – denn diese zeigen Trauer, Schmerz und Tod. So feiern die Andalusier die Einmaligkeit des Lebens: Viva! Mit einem Lachen und einem Glas in der Hand.
 

Ganz laute und ganz leise Prozessionen

In Andalusien erlebt die Tradition der öffentlichen Feierlichkeiten während der Semana Santa, der Karwoche, eine regelrechte Renaissance. Die Anzahl der Bruderschaften, die Jahr für Jahr Prozessionen und öffentliche Schaustücke organisieren, nehmen weiter zu. Mittlerweile gibt es sogar auch solche unter weiblicher Führung.

Abseits der bekannten Umzüge in Sevilla locken die kleineren Städte in Andalusien mit ihren speziellen und charakteristischen Ausprägungen. In Baena sind die Trommel-Prozessionen ohrenbetäubend. In Carmona präsentieren sich die Prozessionen eindrücklich inmitten einer mittelalterlichen Kulisse (mit Stadtmauern und römischen Torbögen). In Osuna läuft die Prozession während der Nachtstunden schweigend ab. Auch die Feierlichkeiten in Puente Genil, Alcala la Real, Lucena und Cabra gehen auf jahrhundertealte Traditionen zurück. Einen fast gespenstischen Eindruck hinterlässt der Umzug in Priego de Córdoba.

Infos: www.caminosdepasion.com

Hinweis
Diese Reportage entstand dank einer Pressereise, zu der das Spanische Fremdenverkehrsamt Zürich eingeladen hatte.
www.tourspain.es
 

 

Umzug der Sünder: Auf diesem Paso thront die Heilige Maria Mutter Gottes mit golddurchwirktem Mantel. (Bild: Direcction Técnica Ruta Caminos de PasiÓn)

Umzug der Sünder: Auf diesem Paso thront die Heilige Maria Mutter Gottes mit golddurchwirktem Mantel. (Bild: Direcction Técnica Ruta Caminos de PasiÓn)

Jesus auf Rosen: Er schleppt sein Kreuz nach Golgatha, und die Männer der Bruderschaft tragen den tonnenschweren Paso. (Bild: Direcction Técnica Ruta Caminos de PasiÓn)

Jesus auf Rosen: Er schleppt sein Kreuz nach Golgatha, und die Männer der Bruderschaft tragen den tonnenschweren Paso. (Bild: Direcction Técnica Ruta Caminos de PasiÓn)

Heilig ist den Andalusiern die Osterwoche: Mit ihren spitzen Kapuzen bleiben die Männer anonym. (Bild: Epa/Salas)

Heilig ist den Andalusiern die Osterwoche: Mit ihren spitzen Kapuzen bleiben die Männer anonym. (Bild: Epa/Salas)

Bild: Karte: oas

Bild: Karte: oas