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Spür mich, ich war mal dein Kind: Warum es wichtig ist, über das Tabuthema Fehlgeburt zu sprechen

Wenn eine Frau ihr Kind vor der 12. Schwangerschaftswoche verliert, gilt das als Krankheit. Die Versicherung bezahlt nicht alles. Dass sich Frauen wegen einer Fehlgeburt schämen und schweigen, hat System, sagt unsere Autorin. Sie hat es selbst erlebt.
Naomi Gregoris
In 15 bis 20 Prozent aller Schwangerschaften kommt es zu einer frühen Fehlgeburt. Wieso redet niemand darüber? (Bild: zVg)

In 15 bis 20 Prozent aller Schwangerschaften kommt es zu einer frühen Fehlgeburt. Wieso redet niemand darüber? (Bild: zVg)

An einem Donnerstagvormittag sass ich im Warteraum des Basler Unispitals und blutete ohne Unterlass. Eine riesige Binde lag in meiner Unterhose und sog sich voll. Ich spürte das warme, dickflüssige Blut, das nicht schnell genug einsickerte. Es bildete sich ein nasser Schleimklumpen, der eine Auseinandersetzung forderte: Spür mich, ich bin deine Fehlgeburt.

Als ich schwanger wurde, war ich nicht überrascht. Ich kannte meinen Zyklus gut, mein Freund und ich verhüteten seit anderthalb Jahren mit der Temperaturmethode. War ich fruchtbar, benutzten wir ein Kondom, wenn nicht, keins. Das hatte gut geklappt, bis auf eine Nacht in den Sommerferien, in der wir nachlässig waren. Meine Grossmutter hatte immer gesagt:

«Die Frauen in unserer Familie brauchen nur das Nachthemd an den Bettpfosten zu hängen.»

Das war mir Ansage genug.

Einen Monat später hielt ich einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand. Mein Freund und ich freuten uns sehr. Geplant war das Kind definitiv nicht, aber wir sind beide in unseren frühen Dreissigern, viele Bekannte kriegen gerade Kinder. Wir waren alt genug, lieben uns sehr, es fiel uns nicht schwer, uns auf diese Veränderung einzulassen.

Einen Tag nachdem ich von der Schwangerschaft erfuhr, ich war knapp in der sechsten Woche, war die Beerdigung meines Grossvaters. Ich lief mit strahlendem Gesicht herum und erzählte meiner ganzen Familie davon. Meine Grossmutter umarmte mich lange und sagte leise in meine Halskuhle:

«Ein Leben geht, ein Leben kommt!»

Der Mann meiner Cousine war weniger poetisch. «Sechs Wochen? Das ist aber sehr mutig, dass ihr jetzt schon allen davon erzählt.» Er meinte es verwundert, aber in meinen Ohren klang es vorwurfsvoll.

«... dann erfährt das die ganze Welt»

Ich habe nie verstanden, was die 3-Monate-Regel soll. Wer sein Kind vorher verliert, oder entscheidet, bei Trisonomie 21 abzutreiben, muss diesen Verlust doch irgendwie teilen können. Das Paar soll selber entscheiden dürfen, wie es das tun will, aber eine «Regel» vor das persönliche Empfinden zu stellen, scheint mir abartig.

Sollte ich das Kleine verlieren, sagte ich grossspurig zum Mann der Cousine, würde es die ganze Welt erfahren. Das klang unheimlich stark und insgeheim dachte ich: Gut, hast du vor diesem Bünzli so ein Statement gemacht. Und zum Glück wird’s dich wahrscheinlich nicht treffen. Wenige Monate zuvor hatte eine Freundin von mir eine Fehlgeburt, ansonsten waren alle meine Freunde mit Kindern verschont geblieben. Da sagte mir meine hormongeschwängerte Logik: Dir wird das garantiert nicht passieren.

Wir fingen an, Pläne zu machen

Ein paar Wochen lang ging tatsächlich alles gut, auch der Kontrolltermin bei der Frauenärztin deutete auf eine gesunde Schwangerschaft hin. Sie machte einen Ultraschall, wir sahen das kleine schlagende Herz, mein Freund hatte Tränen in den Augen. Wir klebten das Bild an die Kühlschranktür, gaben dem Ungeborenen einen Spitznamen und fingen an, uns Gedanken zu machen: Sollten wir zusammenziehen? Aufstocken bei der Arbeit? Eine Hebamme finden? Keinen Camembert mehr essen?

Ich freute mich und sagte es allen. Je mehr ich Freunden und Bekannten von der Schwangerschaft erzählte, desto weniger glaubte ich an die Möglichkeit einer Fehlgeburt. Als Journalistin war ich es gewohnt, dass meine Worte etwas ausrichten. Dieselbe Macht attestierte ich ihnen jetzt, wo es um meinen Körper ging.

«Was passiert jetzt?»

Kurz nach Beginn der 11. Woche begannen die Blutungen. Ich stand in der Dusche und sah rot verfärbtes Wasser meine Beine hinunterlaufen. Eine Sekunde lang dachte ich: Das hast du jetzt davon: auf stark gemacht und jetzt passierts auch dir. Zwei Stunden später sass ich mit gespreizten Beinen auf einem Gynäkologenstuhl und schaute auf das Ultraschallbild, das neben mir flimmerte. Unser kleiner Embryo sah aus wie damals beim ersten Termin. Nur ohne Herzschlag. Ich sah zu meinem Freund hinüber. Er weinte. Dann drückte ich seine Hand. Jetzt nur nicht mitreissen lassen. «Was passiert jetzt?»

Die diensthabende Assistenzärztin machte ihre Arbeit gut. Sie sagte mit behutsamer Stimme, fast jede fünfte Schwangerschaft ende in einem Frühabort, und es gebe eine hohe Dunkelziffer von Frauen, die gar nicht bemerken, dass sie schwanger gewesen waren. Bei mir seien die Grösse des Embryos und der fehlende Herzschlag ein relativ klares Zeichen für einen anstehenden Abort. Ich dachte: Was für ein fürchterliches Wort. Abort. Wie Toilette. Oder Abtreibung. Meinen Abort würde ich auf keinen Fall als solchen bezeichnen. Fehlgeburt nennt die Dinge wenigstens beim Namen.

(Illustration: Stephan Liechti)

(Illustration: Stephan Liechti)

«O. k., aber was passiert jetzt genau?», fragte ich noch einmal. Dabei schluckte ich hart, meine Kehle war ganz trocken. Das sei unterschiedlich, antwortete die Ärztin, bei einigen Frauen sei es wie eine starke Menstruation, andere erlebten fast wehenartige Krämpfe. Sie werde mir ein Schmerzmittel verschreiben.

Verrat am Universum

Wir gingen zur Nachtapotheke, holten uns die Medikamente und fuhren schweigend auf unseren Fahrrädern nach Hause. Daheim zündeten wir eine Kerze an, legten das Foto vom ersten Ultraschall hinzu, umarmten uns lange und weinten. Die Aussicht darauf, Eltern zu werden, hatte sich nahtlos in unser Leben eingefügt, und es schien uns ein Verrat am Universum, dass das jetzt nicht mehr so sein sollte. Als hätte jemand ein allgemeingültiges Gesetz ausser Kraft gesetzt. Ihr müsst jetzt einfach ohne Schwerkraft klarkommen, viel Glück. Ihr seid jetzt keine Eltern mehr, tut uns leid.

Sich von der Vorstellung zu verabschieden, Mutter zu sein, kostete Kraft, aber noch viel schmerzvoller war es, sich von der Überzeugung zu lösen, ich hätte irgendetwas falsch gemacht. Als ich meiner Grossmutter von der Fehlgeburt erzählte, sagte sie:

«Vielleicht hattest du auch einfach ein bisschen zu viel Stress in letzter Zeit?»

Ich verurteilte sie dafür, und mich noch mehr, weil mir dasselbe auch schon durch den Kopf gegangen war.

Die körperlichen Schmerzen begannen in der Nacht, zwei Tage nach der Diagnose. Ich lag auf dem Bett und hatte im Viertelstundentakt Kontraktionen. Bei jeder Kontraktion verkrampfte sich mein Körper, dann stiess er blutige Fetzen aus. Die ersten zwei Stunden verbrachte ich abwechselnd im Bett und Badezimmer. Um halb zwei Uhr morgens sagte ich meinem Freund, er solle versuchen, zu schlafen. Ich hatte mittlerweile fast durchgehende Bauchschmerzen und quartierte mich im Bad ein.

Man kommt und man geht

Auf meinem Laptop lief «Planet Erde». Ich lief auf und ab, streckte und bückte mich abwechselnd, um die Schmerzen zu lindern. Dabei schaute ich fünf jungen Berggeissli dabei zu, wie sie von einem kleinen Fuchs gejagt wurden. Die Geissli entkamen, der Fuchs blieb hungrig. «Wenn er nicht bald was zu essen findet, wird er sterben müssen», sagte Moderator David Attenborough mit seiner Grossvaterstimme.

Es beruhigte mich. Ich dachte: Man kommt und man geht. Wir sind natürliche Wesen und eine Fehlgeburt ist etwas ganz Natürliches. Es gibt keine Ursache, keinen göttlichen Plan. Nur meinen Körper und seine Natur. Um halb fünf in der Früh schlief ich ein. Die Schmerzmittel hatte ich nicht genommen.

In den folgenden Tagen hatte ich immer noch starke Blutungen, aber keine Kontraktionen mehr. Zwei Tage nach der Geissli-Nacht plumpste etwas ins Klo, das sich wie ein glitschiger Wasserballon anfühlte. «Ich glaub, ich hab gerade die Plazenta ausgeschieden!», rief ich meinem Freund zu. Wir überlegten uns kurz, sie rauszufischen und anzuschauen, entschieden uns aber dagegen. So genau wollten wirs nun auch wieder nicht wissen.

Freundinnen reagierten erstaunt

Dann kam der Donnerstagvormittag im Spital. Ich war mit einem guten Gefühl hergekommen, körperlich fühlte ich mich zwar etwas schwach – die Geissli-Nacht lag nur ein paar Tage zurück –, aber nervlich stabil. In den vorangegangenen Tagen hatte ich mit vielen Freunden telefoniert, Kaffee getrunken, geredet. Ich hatte es als meine Pflicht angesehen, ihnen zu erklären, wie eine Fehlgeburt abläuft.

Viele reagierten mit Trauer und Erstaunen. Zum einen, weil sie nicht gewusst hatten, wie oft Fehlgeburten passieren, zum anderen weil sie kaum jemanden kannten, der darüber redete. Ich hörte immer wieder dasselbe: Du bist so mutig, dass du das erzählst, ihr macht das so gut. Das bestärkte mich, ging mir aber auch auf den Geist: Wieso verdammt redet niemand über das Thema?

«Was machen Sie denn hier?»

Nach zwei Stunden und einer Nachfrage bei der Frau an der Theke («Entschuldigen Sie, aber ich hab grad eine Fehlgeburt – könnte ich bitte bald drankommen?») wurde ich ins selbe Untersuchungszimmer geführt, in dem man mir eine Woche zuvor die Fehlgeburt diagnostiziert hatte. Nur leider war dieses Mal keine sympathische Ärztin vor Ort, sondern ein junger Assistenzarzt, dem der 15-Stunden-Dienst ins Gesicht geschrieben stand.

Ungeduldig sagte er: «Sie sind ja nun in der 11. Woche schwanger ... was ist denn Ihr Problem?» Ich schaute ihn ungläubig an. Ich sei nicht mehr schwanger, sagte ich. «Ach so. Und seit wann wissen Sie das? Hat Sie jemand untersucht?» Ich nickte und erzählte ihm von der Diagnose. «Eine Woche ist das jetzt her? Was machen Sie denn hier?»

Ich hätte mir Sorgen gemacht wegen der Blutungen, erklärte ich, und die Sekretärin meiner Frauenärztin meinte, ich solle noch mal vorbeikommen. Er schüttelte den Kopf. «So eine Fehlgeburt geht nun mal nicht nur ein paar Tage!», rief er in altmeisterlichem Ton und schrieb etwas auf einen Zettel. «Medikamente?» Ich verstand nicht. Er schaute genervt. «Ob Sie Medikamente bekommen haben?»

Äh ja, sagte ich, aber ich hätte sie nicht genommen. Er schaute mich an, als wäre ich verrückt geworden. Dann seufzte er laut, machte einen weiteren Ultraschall und verschrieb mir ein Mittel, das eigentlich gegen Magengeschwüre eingesetzt wird, aber als Nebenwirkung eine Fehlgeburt auslöst. Damit auch wirklich alles rauskomme. Am Schluss fragte ich ihn nach einem Arztzeugnis für die Woche. Er sagte: «Also die meisten Frauen gehen kurz danach ja wieder arbeiten.»

Ich sagte nichts, nahm das Zeugnis, verabschiedete mich und lief, so schnell ich konnte, aus dem Raum. In meiner Binde setzte sich wieder ein Schleimklumpen ab. Los, spür mich, ich bin die Fehlgeburt, wegen der du nicht ernstgenommen wirst.

Fehlgeburten sind ein Tabu

An diesem Tag im Spital wurde mir bewusst, dass Fehlgeburten nicht ein Tabuthema sind, weil wir darüber schweigen. Sie sind ein Tabuthema, weil sie nicht ins System passen. Fehlgeburten sind ein Klotz am Bein, ein lästiger, teurer Nebeneffekt der Nachwuchsgewinnung. Deshalb sorgt das Gesundheitssystem dafür, dass wir sie als Versagen betrachten und darüber schweigen.

Unsere Scham ist gewollt, denn nur so lässt sich legitimieren, dass die Krankenkasse erst ab dem dritten Monat alle angefallenen Kosten voll übernimmt. Vorher muss die Frau sich anteilsmässig an den Kosten ihres «Frühaborts» beteiligen – in meinem Fall waren das vier Ultraschall-Untersuchungen und fünf Termine. Kostenpunkt über tausend Franken.

Dahinter steckt dasselbe System, das mir weder die Verhütung, noch die Jahreskontrolle bei der Frauenärztin bezahlt. Mir aber alles grosszügig vergütet wenn ich es über den dritten Schwangerschaftsmonat hinaus schaffe.

Entweder wird mein Körper verhöhnt oder glorifiziert. Kein Wunder, wollen wir nicht darüber reden.

Umso wichtiger, dass wir es trotzdem tun. Die Angst, über schamvolle, körperliche Erlebnisse zu reden (dazu gehören auch Abtreibung, Vergewaltigung oder unerfüllter Kinderwunsch), gehört nämlich nicht uns. Wir haben sie nicht gewählt. Sie wird uns aufgetragen. Wir reden uns ein, dass wir uns mit unserem Schweigen selbst schützen, dabei schützen wir das System. Es ist ein mächtiges System, mit guten Gründen. Die meisten davon haben sich Männer ausgedacht.

Ganz weg wird er wohl nie sein

Und es wird sich nicht von einem Tag auf den anderen ändern. Wir werden wohl noch in dreissig Jahren für unseren Versager-Körper aufkommen müssen. Aber wir können dafür sorgen, dass wir uns nicht mehr dafür schämen. Damit Grossmütter nicht mehr dem Stress die Schuld geben. Damit übermüdeten Assistenzärzten die Leviten gelesen werden, zum Beispiel von der Hebamme, die übrigens auch im Raum war und seelenruhig ein Dokument ausgefüllt hat. Damit mir niemand mehr sagt, ich sei mutig. Damit es nicht mehr Mut ist, sondern eine Selbstverständlichkeit.

Mittlerweile ist meine Fehlgeburt zwei Monate her. Ich und mein Freund reden immer noch ab und zu über den kleinen Embryo, ganz weg wird er wohl nie sein. Darüber sind wir aber nicht mehr traurig, sondern hoffnungsvoll. Noch ein Zyklus zur Schonung, dann können wirs wieder versuchen.

Zur Autorin

Naomi Gregoris ist Kulturredaktorin bei der bz basel. In ihrem Podcast «Untenrum» spricht sie mit Frauen über Körper und Sexualität. Zu hören unter: www.untenrumpodcast.com

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