Stadt der Kreuzritter und der 100 Minarette

Beirut und Byblos sind Libanon-Reisenden bekannt. Tripoli im Norden des Landes gilt es noch zu entdecken. Ein Geheimtipp für Stadttouristen.

Markus Wigert
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Wenn man alteingesessene Tripolitaner nach der Einwohnerzahl ihrer Stadt fragt, bekommt man ganz verschiedene Antworten. Das erstaunt, sind doch hierzulande die Einwohnerzahlen von Städten und Gemeinden statistisch genau erfasst. Es werden so um die 200000 Einwohner sein, die in der mehrheitlich sunnitischen Grossstadt leben. Und die hat es in sich: ein pulsierendes Gewirr bis spät in die Nacht hinein. Um Mitternacht einkaufen oder ein mehrgängiges arabisches Menu bestellen, kein Problem. Offizielle Ladenschlusszeiten, Fehlanzeige. Die Läden sind geöffnet, solange es Kundschaft gibt.

Der Verkehr und der Fahrstil der Teilnehmer sind atemberaubend, nichts für schwache Nerven.

Und das bei mindestens 35 Grad Hitze tagsüber. Rollerfahrer schlängeln sich mitunter im Gegenverkehr durch die Autokolonnen, in der Nacht auch schon mal ohne Licht. Nach Verkehrsregeln sucht der europäische Tourist vergebens – und doch funktioniert das Gewirr trotz zeitweisem Stillstand leidlich.

Muezzin in Konkurrenz mit Kirchenglocken

Hoch über der Stadt thront die alte Kreuzritterburg aus dem 12. Jahrhundert. Ein eindrückliches Bollwerk der ehemaligen christlichen Kreuzritter, die sich in der Region während gut 300 Jahren niedergelassen haben mit dem Ziel der Rückeroberung des Heiligen Landes von den Muslimen.

Eine beträchtliche christliche Minderheit lebt bis heute in der mehrheitlich sunnitischen Grossstadt, die Maroniten und die Griechisch-Orthodoxen.

Ihre Kirchen sind neben den zahlreichen Moscheen architektonische Schmuckstücke im Stadtbild.

Wenn die elektronischen Muezzine von den Minaretten zum täglichen Gebet rufen, scheinen sie gelegentlich in Konkurrenz zu den Kirchenglocken zu stehen. Ein unvergleichliches Erlebnis sind die Gebetsrufe, wenn sie hundertfach von den zahllosen Minaretten erschallen und eine würdevolle und mahnende Atmosphäre verbreiten. Fünfmal jeden Tag rufen sie die Gläubigen zum Gebet auf, eine religiöse Pflicht für Muslime, die auch tatsächlich von vielen eingehalten wird.

Auch an öffentlichen Orten wird dann diskret der schmucke Gebetsteppich ausgerollt und innig gebetet.

Die Moscheen sind überhaupt die gesellschaftlich-religiösen Treffpunkte der pulsierenden Metropole. Sie werden her­ausgeputzt und peinlich sauber gehalten mit beträchtlichen finanziellen Mitteln. Oft sind ihnen auch sogenannte Koranschulen angegliedert, wo Knaben und Jugendliche ihre religiösen Unterweisungen erhalten in der Auslegung des Korans, vergleichbar etwa mit den früheren Sonntagsschulen.

Zeitreise im orientalischen Supermarkt

Ein zweites konstituierendes Merkmal von Trablus, wie die Tripolitaner auf arabisch ihre Stadt nennen, ist zweifellos der Handel, der sich wie ehedem in der Altstadt, im Souk, abspielt. Der Besucher kommt sich vor wie auf einer Zeitreise, um 1000 Jahre zurückgeworfen und reibt sich die Augen. Er kommt aus dem Staunen nicht heraus: Gewürze in den verschiedensten Duftnoten, Goldschmuck in jedweder Variation, bodenlange brokatverzierte Mäntel, die sogenannte Abaya, halbe Rinder, welche am Haken hängen, Shishas in jeder Grösse und Farbe. Auf Kosmetika und selbstgemachte Seifen trifft man in einer Seitengasse, in die man freundlich, aber bestimmt gelockt wird, der sogenannte Khan-el-Saboun, der Seifenmarkt. Betörend ist das Gemisch der tausend Düfte. Arabische Musik allenthalben, traditionell oder rhythmisch modernisiert. Kleine Geschenke sollen zum Kauf animieren, dem man am Ende doch nicht widerstehen kann. Gelegentlich kommt dem ahnungslosen Touristen ein bedrohliches Bild hoch: und wenn man hier plötzlich verschwinden würde? Niemand würde es bemerken, verschwunden – einfach so! Zum Glück ist es nur ein Hirngespinst, man ist ja schliesslich zu zweit unterwegs.

Die schwüle Hitze und die betörenden Düfte führen zu einer Art Schwebezustand, aus dem man erst in einer heruntergekühlten Bar wieder erwacht.

Oscar Niemeyer, der brasilianische Stararchitekt und Erbauer der Hauptstadt Brasilia, erhielt 1963 den Auftrag für ein internationales Ausstellungsgelände in Tripoli. Auf dem 10000 Hektar grossen Ausstellungsgelände im Marad-Quartier realisierte er 15 futuristisch anmutende Gebäude in seinem funktionalen Betonstil, bis der Beginn des libanesischen Bürgerkriegs 1975 das Projekt jäh unterbrach und zum Stillstand brachte. Heute stehen sie als Solitäre in einem überdimensionierten Messegelände und sind zu einer Stadtbrache von morbider und utopischer Schönheit mutiert.

Essen am Meer, Skifahren zwischen Zedern

Ein weiteres Monument der Kreuzritter-Epoche erhebt sich im nahe gelegenen Byblos, der ältesten Siedlung der Levante mit Funden menschlicher Zeugnisse aus der Neusteinzeit, der Phönizier, der hellenischen Epoche und der Römer bis hin zur Zeit des gut 400-jährigen Imperiums der Osmanen von 1500 bis 1917. Als touristischer Hotspot präsentiert sich das heutige Byblos mit zahlreichen Restaurants, Dancings, einem orientalischen Souk und einem gepflegten Freilichtmuseum mit römischer Säulenhalle und Amphitheater direkt am Meer. Auch Byblos scheint nie zu schlafen, dauert der Partybetrieb doch bis tief in die Nacht. Ein Essen mit internationalen Speisekarte oder einem libanesischen Fischgericht in einem Terrassenrestaurant oberhalb der östlichen Gestade des Mittelmeeres ist zu empfehlen. Im Unterschied zum eher puritanisch sunnitischen Tripoli wird hier auch grosszügig Alkohol konsumiert. Legendär ist der Gourmettempel «Hacienda de Pepe».

Das Meer und das gut erschlossene Skigebiet auf etwa 3000 Metern Höhe liegen in der nördlichen Metropolitanregion Tripoli nur eine gute Autostunde voneinander entfernt.

In der Zedern­region oberhalb der Stadt Ehden fallen in den Wintermonaten beträchtliche Schneemengen.

Das Skigebiet ist mit Liften und Gondelbahnen gut erschlossen und lädt Skitouristen und Einheimische gleichermassen dazu ein, ihrem Hobby zu frönen. Die Landschaft ist atemberaubend und die riesigen Zedern setzen markante Akzente. Nicht selten erreichen die mächtigen Nadelbäume ein biblisches Alter von 700 Jahren. Überdies bietet die Skiregion Ehden Ferienwohnungen und eine respektable Hotellerie. Auch im Wintertourismus ist die gastronomische Qualität einzigartig mit der ganzen Palette von libanesischen Spezialitäten: Hummus, Foule, Kebbé, Tabboulé und wie sie alle heissen. Die Fläche des Esstisches ist fast zu klein, um all die Köstlichkeiten aufzunehmen.

Khalil Gibran – der Dichter des Libanon

Für den Touristen lohnt sich ein Abstecher nach Ehden auch aus einem anderen Grund. Hier steht nämlich das Geburtshaus des libanesischen Nationaldichters und Malers Khalil Gibran, bekannt durch seinen epochalen Roman «Der Prophet». Sein bäuerliches Elternhaus lädt ebenso wie ein angegliedertes Kunstmuseum zur Besichtigung und Auseinandersetzung mit diesem ebenso berühmten wie eigenwilligen Sohn libanesischen Kunstschaffens ein. Seine Weltgeltung erreichte er allerdings erst nach der Übersiedlung nach Boston in den USA, wo er den Hauptteil seines umfassenden Werkes geschaffen hat. Ein eindrückliches Beispiel dafür, wie ein einfacher libanesischer Bauernbub in den Kanon der Weltliteratur aufgestiegen ist.

Das Wadi Kadisha, ein wunderschönes, zerklüftetes Tal in der nördlichen Bergregion, macht sich zunehmend ­einen Namen als Wandergebiet. Zu empfehlen vor allem im Frühling. Bei angenehmen Temperaturen bietet es alles, was ein Schweizer Wanderherz sich wünschen kann: eine Fauna mit mediterranem Charakter, gut ausgebaute Wanderwege und eine gastfreundliche Bewirtung.

Libanons nördliche Metropole Tripoli

Anreise: Germania fliegt zweimal pro Woche (Donnerstag und Sonntag) in rund vier Stunden ab Zürich jeweils am Abend direkt nach Beirut. Zurück geht es frühmorgens, Freitag oder Montag. Hin- und Rückflug kosten rund 450 Fr. (inkl. Taxen).
Hotels: In Tripoli ist das Hotelangebot gross in allen Kategorien. In der näheren Umgebung besteht die Möglichkeit, Ferienwohnungen in Resorts direkt am Meer zu buchen (Resort Miramar, Resort Las Salinas).
Essen: Die libanesische Küche ist eine Gaumenfreude. Mediterrane und arabische Gerichte stehen vor allem auf den Speisekarten. Hummus und Tabboulé sind auch bei uns bekannt. Mezze, kleine Speisen ähnlich den spanischen Tapas, werden zu jeder Mahlzeit gegessen und sind an Vielfalt und Buntheit kaum zu überbieten.
Reisen im Land: Der öffentliche Verkehr ist nicht gut ausgebaut. Am besten mietet man ein Auto oder lässt sich im Taxi herumfahren (ca. 80 Dollar pro Tag).
Reisehinweise: Touristenorte gelten als ungefährlich. Auch Reisen in den Norden und Süden des Landes sind möglich. ­Reisehinweise des EDA beachten. (mw)