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Schau, ein Vogel! Städter haben ein neues Hobby

Nach dem urbanen Gärtnern kommt jetzt das Beobachten von Vögeln: Immer mehr Vogelfreunde halten Ausschau nach den gefiederten Lebewesen.
Silvia Schaub
Vögel beobachten heisst auch nach oben schauen statt ständig aufs Handy. (Bild: Getty)

Vögel beobachten heisst auch nach oben schauen statt ständig aufs Handy. (Bild: Getty)

Ein Schmunzeln huscht über Ruth Grünenfelders Lippen. «Das dort oben ist kein Mäusebussard, sondern ein Star, der den Gesang des Greifvogels imitiert», erklärt die Feldornithologin. Tatsächlich sehen wir im nächsten Moment, wie der Star von der Baumkrone wegfliegt.

Wir stehen an einem sonnigen Morgen in der Parkanlage des Friedhofs Sihlfeld mitten in der Stadt Zürich und sind auf ­Vogelexkursion. Ruth Grünenfelder trägt Funktionskleidung, an ihrem Hals hängt ein Swarovski-Feldstecher, in der Tasche griffbereit ihr iPad. Darauf hat sie ein paar Vogelstimmen-Apps und den «Svensson», die sogenannte Bibel der «Birder», der Vogel­beobachter.

In den Ort «einschwingen»

Die Ohren noch voll von den Stadtgeräuschen, haben wir uns zuvor erst einmal in den Ort «eingeschwungen», wie es Ruth Grünenfelder nennt. «Um Vögel zu sehen und zu hören, muss man Teil der Stille werden», sagt sie mit gesenkter Stimme. Und plötzlich wird man des Lebens und Treibens im weitläufigen Park ­gewahr. Tauben steigen auf, ­Rabenkrähen spazieren über den frisch gemähten Rasen.

War das dort drüben ein Buntspecht? Aus jeder Ecke ­hören wir einen anderen Gesang, hier ein reges Zirpen, dort ein Gurren. Die Ornithologin erkennt einen Kleiber an seinem Ruf oder Gesang. Gleich darauf eine Mönchsgrasmücke. Ein Rotkehlchen pickt direkt vor uns Nahrung für seine Brut auf. Innert Kürze haben wir mehr als ein Dutzend Vogelarten beobachtet.

Nicht nur die Hans-A.-Traber-Generation

Grünenfelder, die bei Bird Life Schweiz eine Ausbildung als Feldornithologin und Exkursionsleiterin absolviert hat, bietet solche Führungen seit eineinhalb Jahren an und scheint damit den Zeitgeist getroffen zu haben. Ihre Anlässe sind gut gebucht – und nicht nur von gesetzteren Herren. Die in der Hans-A.-Traber-Generation Aufgewachsenen mögen noch das Bild dieser Hobbyornithologen im Kopf haben, die sich im karierten Hemd, in Gummistiefeln und mit Feldstecher auf die Pirsch machten.

Der Kleiber ist der einzige einheimische Singvogel, der den Baumstamm auch runterklettern kann. (Bild: Peter Vonwil)

Der Kleiber ist der einzige einheimische Singvogel, der den Baumstamm auch runterklettern kann. (Bild: Peter Vonwil)

Erfolgsergebnis ist garantiert

Heute sind es Menschen jedes ­Alters, jeder Gesellschaftsschicht, die diesem Hobby frönen. Ja, es ist plötzlich salonfähig geworden, die Vogelwelt zu beobachten. Abschalten und eintauchen in die Natur ist gefragt. Beim Vögelbeobachten ist das ­Erfolgserlebnis garantiert, denn irgendeinen ­Vogel sieht man ­immer. Es sei wohl die Sehnsucht der Menschen nach Begegnungen in der Natur, die gerade in unserem digitalen Zeitalter zunehmend Bedeutung erhalte, glaubt Grünenfelder, die im Internet unter dem sinnigen ­Namen «Gimpel.ch» auftritt.

Das Erstaunliche dabei: Man muss nicht zwingend an einen Vogel-Hotspot reisen, denn die Entdeckungstour beginnt gleich vor der Haustür. Dieses Phänomen hat einen Namen: Nach Urban Gardening, dem Gärtnern in der Stadt, kommt nun das Urban Birding.

"Es ist gut für die geistige Gesundheit"

Einer, der diesen Trend weltweit in den Fokus rückte, ist ­David Lindo aus England. Auf der Insel zählt die Royal Society of Birds bereits über eine Million Mitglieder. Lindo nennt sich «The Urban Birder», seit er vor elf Jahren auf BBC erstmals als Experte für Stadtvögel auftrat. ­Inzwischen hat er sein Hobby zum Beruf gemacht und aus Urban Birding eine Mission.

Ein Buntspecht macht Pause auf einer Birke (Bild: Keystone)

Ein Buntspecht macht Pause auf einer Birke (Bild: Keystone)

Er hat auch ein Buch zum Thema geschrieben, das seit kurzem auf Deutsch erhältlich ist: «#Urban Birding» (Kosmos-Verlag). Darin erzählt er mit viel Ironie von seinen Begegnungen mit Menschen und Vögeln. Vor allem aber motiviert er die Leute, sich dieser Leidenschaft hinzugeben. «Schaut nach oben!» lautet deshalb sein Motto. «Und bitte nicht immer auf die Mobiltelefone.» Unsere Gesellschaft lebe zu stark getrennt von der Natur, findet der Engländer. «Vögel beobachten bringt uns wieder näher zu ihr.»

Man müsse kein Experte sein für dieses Hobby, so Lindo. Für ihn ist das Urban Birding auch eine Art Lebensphilosophie. «Es ist gut für die geistige Gesundheit», ist er überzeugt. Er bezeichnet es als eine Art Zen-Zustand, der wunderbar entspanne.

Am Anfang war das Vogelhäuschen

Auch in Nordamerika soll schon jeder Fünfte ein Hobby­birder sein. Vogelbeobachtung heisst dort oft, ein Vogelhäuschen im Garten aufzustellen.

Feldornithologin Ruth Grünenfelder in der Parkanlage des Friedhofs Sihlfeld mitten in Zürich. (Bild: Silvia Schaub)

Feldornithologin Ruth Grünenfelder in der Parkanlage des Friedhofs Sihlfeld mitten in Zürich. (Bild: Silvia Schaub)

Das haben diesen Winter auch Tessa und Alina aus Ennetbaden AG gemacht. Jeweils über Mittag sassen die sieben und neun Jahre alten Mädchen gebannt vor dem Küchenfenster und schauten, wer sich alles am Futter der zwei Vogelhäuschen gütlich tat. Die Schwestern haben aufgelistet, was sie aus nächster Nähe gesehen haben: Blaumeisen, Tannenmeisen, Haubenmeisen, Schwanzmeisen, oder auch Eichelhäher, Kleiber und Buchfinken.

Ferien mit Nonstop-Birding

Inzwischen sei das Vögelbeobachten zum Familienhobby geworden, wie Mutter Christina Reynolds erzählt. Der studierten Pflanzen-Biologin ist es wichtig, ihren Kindern zu zeigen, wie ­viele spannende Vogelarten es gleich vor der Haustüre gibt. «Sie lernen aber auch, still zu sitzen, weil die Vögel sonst davonfliegen.» Die Mutter freut sich darüber, dass ihre Kinder interessiert sind an den Vögeln – «trotz allen anderen Ablenkungen, die es heute gibt».

Damit befindet sich die Familie Reynolds in bester Gesellschaft. Paul McCartney gilt ebenso als Vogelfan wie Prinz Philip, Herzog von Edinburgh und Ehemann von Queen Elizabeth II, oder Ian Fleming, der Schöpfer der James-Bond-Spionage-Romane. Übrigens: «Goldeneye» – Titel einer 007-Folge – ist auch eine Entenart.

Eine Amsel singt ihr Lied.

Eine Amsel singt ihr Lied.

Ebenfalls ein bekennender Vogelschützer und -beobachter ist Jonathan Franzen, der preisgekrönte amerikanische Romancier und Essayist. Er erzählt ­gerne, wie er seine Ferien mit Non­stop-Birding verbringt. Das Schreiben habe übrigens durchaus Parallelen zum Beobachten der Vögel, wie er in einem Interview des «Tages-Anzeigers» verriet: «das Warten auf den richtigen Moment, die Aufmerksamkeit für Details».

Boom auch dank neuer Medien

Livio Rey von der Vogelwarte Sempach freut sich über das grosse Interesse an den Vögeln: «Wir stellen tatsächlich einen Ornitho-Boom fest.» Die neuen Medien spielen dabei eine wichtige Rolle. Wer ein tolles Foto schiesst oder einen raren Vogel entdeckt hat, kann das Bild sofort in speziellen Foren posten und der Urban-Birding-Community vorführen.

Die Vogelfreunde engagieren sich zudem oft in der Freiwilligenarbeit, etwa fürs Monitoring. Rund 2000 Leute helfen der Vogelwarte bei der Datenerhebung, und auf Ornitho.ch, der Beobachtungsplattform der Vogelwarte, sind rund 15000 Vogelbeobachter eingetragen. Dort können sie melden, wo sie wann welche ­Vögel gesehen haben – und werden damit sozusagen zu wissenschaftlichen Mitarbeitern.

Wachsendes Interesse löst Probleme nicht

Wieso das Birdwatching zum Trendhobby geworden ist, erklärt sich Rey damit, dass Vögel auffällig und einfach zu beobachten und zu hören seien. Auch die ­Fähigkeit zu fliegen fasziniere die Menschen. Das wachsende Engagement für die Vogelwelt vermag allerdings nicht darüber ­hinwegzutäuschen, dass in der Schweiz rund 40 Prozent der ­Vogelarten bedroht sind. Das sei vor allem auf die Entwässerung vieler Feuchtgebiete sowie die intensive Nutzung der Landwirtschaft zurückzuführen, so Rey.

Der Star, ein munterer Geselle.

Der Star, ein munterer Geselle.

Dieses Problem haben die gefiederten Bewohner im Friedhof Sihlfeld nicht. Es behagt ihnen in den alten Bäumen und Hecken. Wir sind bereits mehr als eine Stunde unterwegs, die Sonne steht hoch am Himmel und die Vögel sind noch immer singfreudig. Ruth Grünenfelder will uns eine Buntspecht-Bruthöhle zeigen, die sie vor ein paar Tagen entdeckt hat. Mit dem Fernglas suchen wir die Föhre ab. Aber ­leider haben wir kein Glück, die Bewohner tauchen nicht auf. Dazu meint die Feldornithologin: «Beim Vögelbeobachten weiss man eben nie, was man zu sehen bekommt, deshalb ist jeder Vogel wie ein Geschenk.»

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