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Erd- statt Wolkenkratzer – aus Platzgründen

Die Welt wird immer städtischer. Obwohl es in Städten kaum mehr Platz hat für die ankommenden Menschen. Deshalb wollen Stadtplaner von Megacitys vermehrt im Untergrund bauen.
Adrian Lobe
Die Sicht auf eine umgekehrte Pyramide in Mexiko. (Bild: Visualisierung: PD)

Die Sicht auf eine umgekehrte Pyramide in Mexiko. (Bild: Visualisierung: PD)

Städte stehen unter einem immensen Wachstums- und Verdichtungsdruck. Laut einer UN-Studie werden im Jahr 2050 zwei Drittel der Menschen in Städten wohnen. In China werden Planstädte auf dem Reissbrett entworfen, um der Landflucht entgegenzutreten, Indien will in den nächsten Jahren 100 smarte Städte aus dem Boden stampfen. Auch in Europa bekommt man die Folgen der Urbanisierung mit voller Wucht zu spüren: Wohnraum wird knapp, die Mieten ­steigen, Familien müssen in die Vorstädte ziehen. Die Zentren verkommen zum Schauraum.

Um neuen Wohnraum zu schaffen, gibt es stadtplanerisch zwei Möglichkeiten. Erstens: Man baut in die Höhe. Zweitens: Nachverdichtung. Auch das ist besonders bei Anwohnern ein heisses Eisen, weil damit Frischluftschneisen versperrt werden und neben dem ökologischen auch das soziale Klima durch neuen Zuzug vergiftet werden kann. Derweil erkunden Stadtplaner eine dritte Möglichkeit, neuen Wohnraum zu schaffen: Man baut in die Tiefe.

Das Architekturbüro BNKR Arquitectura hat vor ein paar ­Jahren den Entwurf eines Erdkratzers (Earthscraper), einer umgekehrten Pyramide, vorgelegt, die sich 65 Stockwerke in die Tiefe von Mexico City bohren soll. Der Entwurf sieht vor, am Hauptplatz «Zocalo» eine 300 Meter tiefe Struktur in den Boden zu bauen. Die ausgehöhlte Pyramide würde Platz für Wohnungen, Geschäfte und Theater bieten, begrünte Zwischendecks und Terrassen sowie verglaste Passagen die einzelnen Etagen verbinden. Die steinerne Platte des Zocalo soll einem Glasboden weichen, der Einblick ins Innere der Untergrundstadt gibt. Man kann es sich wie die Pyramide des Louvre vorstellen, nur gespiegelt und um ein Vielfaches grösser. Zur Realisierung des Projekts kam es aber nicht. Die Kosten von 800 Millionen US-Dollar waren zu hoch. Doch die Vision, den Untergrund von Städten zu bewirtschaften, lebt weiter.

In New York entsteht derzeit in einem stillgelegten U-Bahn-Schacht nach den Plänen von Dan Barasch der weltweit erste Untergrundpark. Wo einst Züge anrauschten und sich Ratten tummelten, sollen Familien in einer begrünten Parkanlage unter Tage spazieren können. Die Flora soll dabei mit Kunstlicht kultiviert werden. «Lowline», wie der unterirdische Park heisst, soll das Gegen­stück zur High Line werden, ein stillgelegtes Hochbahntrassee, das zum Park umfunktioniert wurde und sich in den letzten Jahren zu einem veritablen Besuchermagnet entwickelt hat. Die Stadtverwaltung von Paris hat im Rahmen des Projekts «réinventer.paris» einen Ideenwettbewerb ausgeschrieben, wie man bau­fällige Pumpstationen, Metro­stationen oder Tunnel­systeme ­revitalisieren könnte. «Unter dem Pflasterstein liegt die Zukunft», verkündet die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo.

In Peking hat sich indes eine informelle Untergrundstadt entwickelt, die einst unter Mao als verzweigtes Bunkersystem im Kalten Krieg für sechs Millionen Menschen errichtet wurde und unter dem jetzigen Staatschef Xi Jinping als Wohnstätte für Habenichtse geduldet wird.

Wissenschaftsstadt im Untergrund

Singapur, einer der am dichtesten besiedelten Orte der Welt und halb so gross wie der Kanton ­Zürich, erarbeitet derzeit einen Masterplan, wie man den Untergrund effektiver nutzen könnten. In mehreren Schichten sollen Busbahnhöfe und Veloparkplätze im Untergrund entstehen. Auch Teile des Autoverkehrs sollen unter die Erde verlegt werden. Geht es nach der staatlichen Planungsbehörde JTC Corporation, könnte sogar eine ganze Wissenschaftsstadt im Untergrund entstehen. Auf 192 000 Quadratmetern Raum sollen bis zu 4000 Wissenschafter in fensterlosen Laboren unter Tage forschen. Mit der City Link Mall gibt es bereits ein riesiges Einkaufszentrum unter Tage.

Die Idee ist es, mit der Tiefer­legung städtischer Infrastrukturen Flächen über Tage freizusetzen, die dann für Wohnbauprojekte genutzt werden können. Doch dieses kühne architektonische Ansinnen ist auch bautechnisch und statisch eine grosse Herausforderung in Singapur, wo man heute mit Dämmen und Fels­böschungen gegen den ansteigenden Meeresspiegel ankämpft. Fragt sich zudem, ob wir in solchen Untergrundstädten überhaupt ­leben wollen.

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