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Steine beginnen zu sprechen

«Living Stones» nennt sich das Projekt, bei dem Studenten durch die Luzerner Jesuitenkirche führen. Marco Schmid (42) koordiniert die Touren, die künftig auch in weiteren Kirchengebäuden des Landes stattfinden.
Interview: Pia Seiler
Marco Schmid koordiniert Living Stones. Auch in Zürcher Kirchen sind Führungen geplant. (Bild: Ralph Bohli/PD (Zürich, 8. Mai 2018))

Marco Schmid koordiniert Living Stones. Auch in Zürcher Kirchen sind Führungen geplant. (Bild: Ralph Bohli/PD (Zürich, 8. Mai 2018))

Living Stones – lebendige Steine – sind besondere Kirchenführungen: Junge, christliche Guides begleiten Gäste auf kunstgeschichtlichen Touren. Marco Schmid von der Citypastoral Luzern ist begeisterter Living Stoner und brachte das Projekt 2017 in die Schweiz. Mit dem Jesuiten Andreas Schalbetter baute er ein Team in Luzern auf.

Marco Schmid, Sie wollen in der Jesuitenkirche in Luzern Steine zum Sprechen bringen. Wie kann das gehen?

Wir sind eine Gruppe von acht jungen Leuten, stehen einmal im Monat an einem Halbtag bereit und bekommen meist zu hören: «Kirchenführung? Gern, aber in zehn Minuten muss ich weiter.» Dann entwickelt sich ein Gespräch über Kunst und Glaube, über Gott und die Welt. Steine haben eine lebendige Geschichte zu erzählen und bringen die Betrachter zum Sinnieren. Genauso lebendig sind die Guides mit ihrer eigenen Geschichte. Dieses Zusammenspiel von menschlichem Wort und gespeichertem Wort der Steine ist faszinierend – und plötzlich haben Menschen Zeit, die eigentlich nur en passant die Jesuitenkirche aufsuchen wollten.

Über Glauben zu reden, ist hierzulande unüblich, für viele gar tabu. Living Stones aber möchte genau dies.

Es ist schon so: Man redet in der Schweiz nicht gern über den Glauben. Outet man sich als Christ, gar als kirchlich, hat man schnell den Stempel eines verknorzten, altmodischen Menschen. Bei Living Stones läuft die Annäherung über ein Kunstwerk, eine Statue, eine Bibelszene. Das ist viel einfacher, als Gnade, Schuld, Sühne, Vergebung oder gar Gott zu thematisieren.

Laufen Sie da nicht auf bei Leuten, die mit der Kirche nichts (mehr) am Hut haben?

Tatsächlich hatten wir zunächst Zweifel, ob unsere Führungen nicht zu missionarisch wirken könnten. Die Bedenken waren grundlos. Ob Ansässige oder Reisende, Christen, Andersgläubige oder Atheisten – die Angesprochenen zeigen sich sehr interessiert und beginnen, von sich zu erzählen. Vor kurzem stiess ich auf zwei junge Iranerinnen. Sie stellten Frage nach Frage, etwa was der grosse Stein vorne zu bedeuten habe – der Altar – und was die Empore mit der engen Treppe – die Kanzel. So kamen wir in einen tiefen interreligiösen Dialog. Das Projekt Living Stones offenbart eine wunderbare Willkommenskultur. Wir geben der Kirche ein menschliches Gesicht, ein Lächeln. Eine grosse Chance in Zeiten, in denen einerseits die Kirchen während Liturgiezeiten oft kaum noch ­Besucher anziehen und andererseits kunstgeschichtlich interessante Bauten einen Besucher­ansturm erleben, der mancherorts nur noch mit einem Ticket­system bewältigt werden kann.

Sie haben Living Stones nach Luzern gebracht. Wie kam das?

Durch glücklichen Zufall. Als Seelsorger bei Citypastoral Luzern ist es meine Aufgabe, Passanten zu erreichen. Eine Bekannte erzählte mir von Jean-Paul Hernández, Jesuit und Gründer von Living Stones; sie meinte, sein Projekt würde gut zu unserer Aufgabe in der Stadt Luzern passen. Sie hatte Recht. Glücklich war auch die Fügung mit Andreas Schalbetter, Hochschulseelsorger in Luzern und auch er Jesuit, ein idealer Mitstreiter. Mittlerweile machen acht junge Frauen und Männer aus Studenten- und anderen Kreisen mit – engagierte Guides, die kunstgeschichtlich und spirituell profitieren. Diesen Sommer etwa veranstaltet Pater Schalbetter für Living Stoner eine Woche auf dem Simplon-Pass mit ignatianischen Exerzitien und Wanderungen.

Wo steht die Living-Stones-Bewegung heute, und wo steht die Schweiz?

Dank dem Netzwerk der Jesuiten gibt es mittlerweile Living Stoner in 30 europäischen Städten, viele davon in Italien, wo es tolle Basiliken zuhauf gibt – mir fallen Ravenna, Rom und Mailand ein, dort sind starke Gruppen am Werk. In der Schweiz sind wir bisher in Luzern und seit Juni nun auch in St. Gallen vertreten. Wir hoffen aber, bald auch in Zürich mit einem Team zu starten – im reformierten Fraumünster oder im Grossmünster. Eine Premiere bei Living Stones: Die Kirchen haben katholische Wurzeln und künstlerisch mit den Chagall- beziehungsweise Polke-Fenstern viel zu bieten. Auch in Fribourg und St. G allen tut sich etwas, ebenso in Lausanne: Eine Studentin, ehemalige Living Stonerin in Bologna, will in die Lausanner Kathe­drale, auch dies ein reformiertes Gotteshaus mit katholischen Wurzeln.

Auf dem Schild der jungen Leute steht «Guide for Art and Spirituality». Wie wird man Living Stoner?

Das ist unkompliziert. Kunsthistorisches und theologisches Wissen bringen wir bei. Was die Guides fachlich erzählen, muss stimmen. Sonst lassen wir ihnen grosse Freiheit. Ich sage jeweils: «Brennt für das, was ihr erzählt.» Ganz im Sinne von Papst Franziskus. Der Pontifex, übrigens auch er ein Jesuit, betont immer wieder, dass man sich mit seinem Glauben nicht einschliessen, sondern sich öffnen und in Dialog kommen soll – mit Gleichgesinnten, mit Andersgläubigen, mit Andersdenkenden.

Hinweis: Die nächsten Living-Stones-Touren in der Luzerner Jesuitenkirche: 27. Juni, 10–17 Uhr, 28. Juni, 14–16.30 Uhr, 1. Juli, 10–17 Uhr, 2. Juli 10–16.30 Uhr, 22. August, 10–17 Uhr. www.pietre-vive.org

Zur Person

Marco Schmid (42) arbeitet seit 2015 im Team von Citypastoral ­Luzern, deren Seelsorger ab ­November 2018 mit der frisch ­renovierten Peterskapelle auf Altstadtseite ein neues Zentrum ­erhalten. Schmid ist Theologe, Jurist und ab Herbst Student an der Hochschule Luzern – Design und Kunst. Als nationaler Living-Stones-Koordinator unterstützt er zudem neue Teams. (red)

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