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«Wir sind so sterblich, der Stein wird uns überdauern»: Ein Journalist bringt stumme Brocken zum Reden

Thomas Widmer stellt in seinem neuen Buch 101 Steine vor. Markante Ungetüme, die ein Stück Schweiz verkörpern – und von Steinzeitmenschen, Hexen und blutigen Kämpfen künden.
Melissa Müller
Thomas Widmer wandert zu interessanten Steinen. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Thomas Widmer wandert zu interessanten Steinen. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Hinter dem Historischen- und Völkerkundemuseum in St.Gallen steht eine Reihe von Steinen. Die meisten Passanten gehen achtlos an ihnen vorbei. Thomas Widmer bleibt vor einem rötlich-violett gefärbten Brocken stehen. «Ein sehr schöner Verrucano», sagt er. «Weit verbreitet am Flumserberg.» Die Spitzmeilenhütte sei komplett umgeben von violettem Gestein. «Das sieht fantastisch aus.»

Der 56-jährige Journalist der «Schweizer Familie» und Wanderbuchautor hat sich für sein neues Werk «Hundertundein Stein» die grossen Brocken der Schweiz vorgenommen. Er porträtiert keltische Kultsteine, Steinzeit-Megalithen, Erdpyramiden, Römersäulen und Findlinge. Sie tragen Namen wie Mörderstein, Schildchrott oder Glögglifels.

Geheimnisvolle Steinzeichen in Scuol-Tarasp

Besonders angetan hat es Thomas Widmer ein Hexenstein, die Platta da las Streas in Scuol-Tarasp. «Streas» bedeutet «Hexen» auf Rätoromanisch. Die horizontale Schiefersteinplatte ist dreieinhalb Meter breit; rund 200 kleine Schalen und Kreuze sind eingraviert. Dass die Zeichen auf Menschenhand zurückgehen und keine Laune der Natur sind, sei gesichert. Weitere dieser geheimnisvollen «Schalensteine» befinden sich im Tessin und im Val d’ Anniviers im Wallis.

Der Hexenstein von Scuol-Tarasp, die Platta da las Streas, ist mit kleinen Schalen übersät. (Bild: Thomas Widmer)

Der Hexenstein von Scuol-Tarasp, die Platta da las Streas, ist mit kleinen Schalen übersät. (Bild: Thomas Widmer)

Um etliche der 101 Steine ranken sich Sagen. Etwa um den Jungfernstein in Baselland, auch «Füdlebluttstei» genannt – weil drei Schwestern in einer nahen Quelle nackt gebadet haben sollen. Oder der Chindlistein im Ausserrhodischen Heiden, der Frauen helfen sollte, die keine Kinder bekommen konnten.

Der sagenumwobene Chindlistein bei Heiden aus Sandstein. (Bild: Georg Aerne)

Der sagenumwobene Chindlistein bei Heiden aus Sandstein. (Bild: Georg Aerne)

Der Kanton Aargau ist «steinreich» an bemerkenswerten Brocken. Der Erdmannlistein bei Bremgarten ist Ziel von Schulreisen. Zwei vermooste Steine tragen einen Dritten. Man müsse sieben Mal mit angehaltener Luft um die Steine herumrennen, dann kämen die Erdmannli aus der Erde, glaubte man früher.

Der Erdmannlistein bei Bremgarten im Kanton Aarau gilt als Versteck der Zwerge. (Bild: Georg Aerne)

Der Erdmannlistein bei Bremgarten im Kanton Aarau gilt als Versteck der Zwerge. (Bild: Georg Aerne)

«Alle Steine in meinem Buch sind auch Fantasieobjekte», sagt Thomas Widmer. Die Menschen früher wurden noch nicht mit Bildern überflutet. «Stell dir vor, du bist ein Mensch im Mittelalter. Da hast du viel mehr Ängste und Fantasien im Kopf. So ein Stein kann dich grausam fesseln, dich beeindrucken, dir Angst machen.» Die Leute hätten sich auch bei solchen Steinen besammelt. Um einige sind esoterische Kulte entstanden. Davon distanziert sich Widmer.

«Ich spüre durchaus Sachen bei den Steinen, aber das soll privat bleiben. Die Steine haben eine Aura, aber mich interessiert: Was weiss die Wissenschaft?»

Die Steinfantasie eines cleveren Hoteliers

Zu seinen Lieblingen gehört der Druidenstein in Morschach über dem Urnersee. Wer zu ihm will, muss einen Golfplatz überqueren. Der Wanderer gelangt zu einem Granitblock, der auf der Wiese liegt wie ein gestrandeter Wal. «Ein Bild von einem Stein», schwärmt Widmer. «Es ist der wohl schönste Findling der Schweiz.» Er wurde in der Eiszeit durch einen Gletscher herangetragen, der ihn dort liegen liess.

Der Druidenstein bei Morschach im Kanton Schwyz heisst so, weil sich ein geschäftstüchtiger Hotelier den Namen ausdachte. (Bild: Georg Aerne)

Der Druidenstein bei Morschach im Kanton Schwyz heisst so, weil sich ein geschäftstüchtiger Hotelier den Namen ausdachte. (Bild: Georg Aerne)

Der Name «Druidenstein» ist allerdings die Erfindung eines Hoteliers. Er liess auch einen Weg zum Druidenstein errichten, «weil er wusste, dass die Touristen auf keltische Fantasien stehen». Widmer bezweifelt, dass in Morschach Druiden unterwegs waren: «Die Geschichte ist ein Blödsinn.» Es gebe in der Schweiz aber auch echte Kultsteine, vor allem die Menhire der Romandie. Die länglichen, spitzen, von Menschen aufgestellten Einzelsteine werden auch «Hinkelsteine» genannt (wie Obelix einen trägt). Bis zu zehn Meter hohe Menhire stehen in der Bretagne.

Auf einer Anhöhe über dem Neuenburgersee in Corcelles-près-Concise steht ein Menhir-Viereck aus der Jungsteinzeit – ein Art helvetisches Stonehenge im Kleinformat. «Es brauchte damals ein ganzes Dorf, um solche Monumente aufzustellen.» Dass die vier Steine von Corcelles es in die Moderne geschafft hätten, sei ein Glücksfall: «Viele Menhire wurden als Baumaterial benutzt.»

Wo Pferdediebe hingerichtet wurden

Manche der stummen Zeitzeugen erzählen düstere Kapitel. Etwa ein Galgen im Bergell. Die letzte Hinrichtung fand 1795 statt, als zwei Pferdediebe geköpft wurden. «Sollen wir wirklich an diesem Ort bräteln?» fragt sich der Autor.

An diesem Platz im Bergell wurden 1795 zwei Brüder hingerichtet - Pferdediebe. (Bild: Thomas Widmer)

An diesem Platz im Bergell wurden 1795 zwei Brüder hingerichtet - Pferdediebe. (Bild: Thomas Widmer)

Auch den rötlich gefärbten Blutsstein im Kanton Bern suchte er auf. Dort starb um 850 der karolingische Bischof David von Lausanne. «Er war ein schlimmer Haudegen», sagt Widmer, der historische Schmöker und «Game of Thrones»-Bücher verschlingt. Ein Widersacher forderte den Bischof zum Kampf heraus. «Bischof David war bei seinen Begleitern so unbeliebt, dass sie ihn im Stich liessen.» Noch lange nach dem tödlichen Kampf sollen auf dem Findling Blutsflecken zu sehen gewesen sein.

Widmer erklärte 2018 zu seinem «Jahr des Steines», schrieb das Buch – und sah plötzlich überall Steine. Etwa schöne Stücke, die als Parkplatzstopper eingesetzt würden. Und er freute sich, wenn er in einem Wald nach langer Suche hinter dem Geäst einen Stein glitzern sah. Von den 130 Steinen, die er gesammelt hat, schafften es nicht alle ins Buch. «Ich habe mit mir selber Steinsitzungen abgehalten. Zum Beispiel beschloss ich: Stein Nummer 98 muss sterben.»

Wer traut sich auf dieses Bänklein? Die Pierrabot, zu deutsch Krötenstein, bei Neuenburg. (Bild: Georg Aerne)

Wer traut sich auf dieses Bänklein? Die Pierrabot, zu deutsch Krötenstein, bei Neuenburg.
(Bild: Georg Aerne)

Auch die Steine hinter dem St.Galler Museum zog er in Erwägung, verwarf sie dann aber. Es gab keine Geschichte dazu, die ihm gut genug erschien. «Doch sie sind wunderschön», sagt Widmer und streicht über einen ­runden, aufgesägten Nagelfluh-­Brocken: «Sieht aus wie Mortadella.» Warum widmete er sich für sein Buch nicht speziellen Wasserfällen oder Bäumen, die mehr Emotionen wecken als kalte Steine? «Wir sind so sterblich, der Stein wird uns überdauern», sagt der Journalist. «Wird es Europa, wird es die Schweiz in 500 Jahren noch geben? Der Stein ist dann ganz sicher noch da.»

Thomas Widmer: «Hundertundein Stein. Die grossen Brocken der Schweiz», Echtzeit-Verlag, 296 S., Fr. 27.–

Fünf besondere Steine

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