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Stephen Kings Geografie des Grauens

Stephen King hat den Horror direkt vor dem Haus. Der US-Staat Maine und seine Kleinstädtchen sind der liebliche Quell seiner Inspiration.
Roland Schäfli
Der König des Horrors wohnt in dieser Villa mit Fledermauszaun. (Bild: Bilder: Roland Schäfli)Der König des Horrors wohnt in dieser Villa mit Fledermauszaun. (Bild: Bilder: Roland Schäfli)
Auf dem «Mount Hope Cemetery» ersann King den «Friedhof der Kuscheltiere».Auf dem «Mount Hope Cemetery» ersann King den «Friedhof der Kuscheltiere».
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Stephen Kings Geografie des Grauens

Historische Häuser, in denen wichtige Schriftsteller lebten, sind in den USA üblicherweise mit historischen Markern versehen. Am Haus in Bangor, an der Strasse Broadway 47, ist keine Schrifttafel angebracht. Sein Bewohner ist ja noch nicht tot. Obwohl Stephen King der morbide Gedanke gefallen würde.

Die King-Junkies, die er regelmässig mit neuem Stoff bedient, warten mit ihrer Pilgerreise nicht zu, bis der Meister tot ist. Sein Wohnsitz steht als Wahrzeichen der Gemeinde Bangor auf TripAdvisor. Bezahlt haben das Anwesen 1979 die Tantiemen von «Carrie». Das 1858 erbaute Gebäude mit seinen viktorianischen Türmchen, die sofort an Gothic Horror denken lassen, wirkt exzentrisch und damit äussert passend für seinen Besitzer. Der Autor ist ein Angstmacher erster Güte, und wer anders als Stephen King besässe so viel Selbstironie, um den schwarzen Gartenzaun mit Figuren des Gruselkabinetts zu versehen?

Der Deckel, unter dem Pennywise Kinder in die Unterwelt lockt

1986 brachte er seine Heimatstadt auf die Landkarte: «It» («Es»), die mehrfach verfilmte Story um den Horror-Clown Pennywise, spielt zwar in der fiktiven Gemeinde Derry. Aber jeder Ortskundige erkannte im Bestseller von 1986 unschwer Bangor. Von einem Hügel aus versorgt das Thomas Hill Wasserreservoir die 30000 Einwohner. Auf der abgenutzten Parkbank gleich daneben hat sich heute ein King-Groupie niedergelassen. Es scheint, dass sich die Frau auf eine längere Belagerung des nichtssagenden, weissen Tanks eingerichtet hat. Denn auf derselben Bank sitzend brachte der Schriftsteller die Greueltaten von Pennywise zu Papier. Wer der Strasse bis zur Kreuzung von Jackson und Union hin­unter folgt, findet den Eingang zur Kanalisation. Unter diesem Gullydeckel lockt das Geschöpf mit den spitzen Zähnen – zumindest in Kings Vorstellung – Kinder in die Unterwelt.

Vor Stephen King war Maine einfach ein Holzlieferant. Über die Highways des «Kiefern-Staats» donnern lange Trucks mit noch längeren Baumstämmen, geschlagen in den Wäldern. Seit Stephen King weiss man: die tiefen Wälder sind Geschichtenlieferanten. In ihrem fruchtbaren Erdboden können sogar Tote zum Leben erweckt werden. Ganz Neuengland ist Kings Leinwand. In «Stand by Me» beschreibt er die Landschaft als Allegorie auf die verlorene Jugend. Besonders angetan haben es ihm die Kleinstädte als glaubwürdige Schauplätze, und die Bewohner, meist aus der Mittelklasse, entstammen der Wirklichkeit. Kings Amerika ist realistisch. Und das ist die wichtigste Zutat in der Prosa des Thriller-Produzenten: er stellt die amerikanische Kleinstadt als normalsten Ort der Welt dar – um dem Leser dann den Teppich unter den Füssen wegzuziehen. In dieser Normalität verbergen sich Alt-Nazis, Ausserirdische, Blutsauger. Salem zum Beispiel, ein unscheinbarer Fleck auf der Landkarte. Kings Vorbemerkung in «Salems Lot»: «Obgleich die Landschaft und die Städte durchaus real sind, gibt es Salems Lot nur in der Phantasie des Autors.» Wer’s glaubt! Quer durch Maine sind die Stationen des wohligen Schauers auffindbar, den King mit scheinbarer Leichtigkeit erzeugt.

Das Haus an der 664 River Road in Orrington hat den Novellisten 1983 zu «Pet Sematary» inspiriert. Im gemieteten Wohnhaus kam dem ehemaligen College-Lehrer die Idee, wie man die Toten zurück ins Leben bringt (indem man sie auf dem «Friedhof der Kuscheltiere» begräbt). Als das Haus jüngst auf den Markt kam, war der höhere Preis sicherlich diesem Umstand geschuldet. Dexter, ein Kaff mit Tankstelle und General Store, war Vorlage für «Needful Things». Der deutsche Titel «In einer kleinen Stadt» akzentuiert noch: nur in solchen Örtchen kann der Teufel persönlich Erfolge mit der Bevölkerung feiern (manchmal entschuldigt sich der Autor anschliessend für solche Annahmen). In Bangors Nachbarstadt Hermon kehrt man im Truckstop «Dysart’s Restaurant» ein: hier schlug «Trucks» die Geburtsstunde (von King selbst verfilmt als «Maximum Overdrive»). Und wenn man den Ausgeburten seiner Fantasie Glauben schenken will, lebt unter dem Wasserwerk von Bangor eine Armee von Ratten. Die ohnehin schon groteske Paul Bunyan Statue an der Main Street erwacht in «It» zum Leben. Auf einem der ältesten Friedhöfe der Nation, dem «Mount Hope Cemetery», lässt sich nachvollziehen, wie die halb versunkenen Grabsteine den Einfall vom «Friedhof der Kuscheltiere» stimulierten.

Er schreibt seine Thriller wie am Fliessband

Sein Werk ist vielfach autobiografisch geprägt. Den «schlimmsten Job seines Lebens» hatte der angehende Multimillionär in Bangors «New Franklin Wäscherei», 1972 verarbeitet zur Short Story des «Wäschemanglers». Muss das gut getan haben, als das hässliche Industriegebäude 2012 abgerissen wurde. Lieber zahlt er Millionen von Tantiemen-Dollars in neue Gebäude ein. Hat seiner Gemeinde unter anderem das Sportstadium gestiftet.

Vor dem Fledermaus-Gartenzaun führt jetzt eine Frau ihren Hund spazieren. Es ist ihr peinlich, als Fan erkannt zu werden. Dabei wirkt sie wie eine vielschichtige Figur aus einem seiner Romane: scheu, gleichzeitig neugierig genug, den Horror sehen zu wollen. Und voller Lokalstolz. Irgendwo hinter diesen Mauern sitzt der Mann mit der schriftstellerischen Leistungsfähigkeit eines Fliessbandarbeiters und belebt an der Schreibmaschine bestimmt gerade den nächsten Vampir. Bangors berühmtester Sohn bleibt der Stadt treu. «In mir gibt es so viele Geschichten, wie es Zimmer in diesem Haus gibt», sagte er einmal. Aber wenn überhaupt, sitzt King auf der hinteren Veranda, wo er vor den Blicken geschützt ist. Eine «Creepshow» will er selbst nicht sein.

Prominenter Kritiker von Präsident Trump

Bis heute hat Stephen King als Autor über 400 Millionen Bücher verkauft, die in mehr als 50 Sprachen übersetzt wurden. Er hat Millionen für die Fürsorge gespendet und wurde 2015 von Barack Obama mit der «Medal of Arts» ausgezeichnet, der wichtigsten staatlichen Auszeichnung für amerikanische Kulturschaffende. Donald Trump hat seinen populären Kritiker auf Twitter geblockt. Kings Wohngemeinde Bangor ist die drittgrösste Stadt des US-Bundesstaats Maine.

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