Kolumne

Stille – die neue Gefahr

Jahrelang beklagten wir den Autolärm. Neuestens aber stille Autos. Das soll noch jemand verstehen, schreibt unser Sonntagskolumnist Lukas Niederberger.

Lukas Niederberger
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Lukas Niederberger, Publizist.

Lukas Niederberger, Publizist.

Letzthin meinte ich einem verspäteten Aprilscherz aufzusitzen, als ich las, dass Elektroautos künftig mit einem Lautsprecher künstlich Motorengeräusch erzeugen sollen, damit Fussgänger sie besser hören können. Jahrzehntelang wurde mit Schallmauern und 30er-Zonen gegen Autolärm gekämpft. Und nun soll man die leisen E-Autos aus Sicherheitsgründen zu Traktoren machen.

Fussgänger in der Non-stop-Disco

Möchte man dieses scheinbare Sicherheitsproblem konsequent lösen, müsste man alle Autos mit Blaulicht und Sirenen ausrüsten. Denn immer mehr Fussgänger und Velofahrer schwelgen mit ihren Kopf- und Ohrhörern in einer Non-stop-Disco. Vielleicht sollten auch Skifahrer und Schlittler obligatorisch Lautsprecher mit Kuhgemuhe tragen.

Künstlicher Autolärm ist an sich nichts Neues. Kein Maserati besitzt seinen Sound von Natur aus. Wenn einzelne Autofans die dB unter der Motorhaube erhöhen, weil es mit dem Frisieren des IQ im Hirnkastl nicht so recht klappen will, ist das bedenklich genug. Aus einem Sicherheitswahn heraus bei allen E-Autos den Lärmpegel zu erhöhen, ist jedoch absurd.

Die Autolärmgeschichte offenbart letztlich unsere Ambivalenz gegenüber Stille und Lärm.

Einerseits lieben und ersehnen wir Stille. Sie ermöglicht uns Selbsterkenntnis und das Erspüren übersinnlicher Energien. Yehudi Menuhin schrieb einmal: «Vielleicht sind mir als Musiker jene schweigenden Stellen bei Beethoven – in der Musik nennen wir sie fälschlicherweise Pausen – die liebsten, die wie der leere Raum zwischen zwei aufgeladenen Gewitterwolken die Kraft des Blitzes in sich tragen.»

... sehne mich nach den Menschen und ihrem Gerede

Andererseits fürchten viele die Stille wie der Teufel das Weihwasser. Sören Kierkegaard bezeichnete den Menschen als «gerissenen Kopf, der nie müde wird, neue Mittel zu erfinden, den Lärm zu vermehren und ihn mit dem grösstmöglichen Massstab zu verbreiten.» Unsere Ambivalenz gegenüber Lärm und Stille drückte der Dichter Lothar Zanetti einmal treffend aus: «Unter den Menschen und ihrem Gerede sehnte ich mich danach, endlich allein zu sein mit mir und zu schweigen. Nun bin ich endlich allein mit mir, und ich schweige. Und sehne mich nach den Menschen und ihrem Gerede.»

In der stillen Landschaft pausenlos am Telefon

Unsere widersprüchliche Haltung gegenüber Stille und Lärm kennt mehrere Variationen. Die einen entfliehen dem Stadtlärm, ziehen aufs Land und regen sich dort über Kuhglocken auf, lassen aber ganztags ihren GPS-­gesteuerten Rasenmäher herumsurren. Die anderen leben bewusst in der Stadt, um dort urbane Lebendigkeit und Kultur zu geniessen, beschweren sich aber über Kindergeschrei und prozessieren gegen Kirchengeläut und Strassencafés. Und am Wochenende ziehen sich viele Städter bewusst in die Berge zurück, hängen in der stillen Landschaft aber pausenlos am Telefon.

Aus den Lautsprechern der Supermärkte dröhnt bereits wieder das «Stille Nacht»-Lied.

Wirklich still sind Advent und Weihnachten nicht. Warum auch?

Die besagte Nacht vor 2000 Jahren war für die gebärende Mutter auf der Flucht sicher nicht still. Echt still wird es bei uns dann, wenn ein halber Meter Neuschnee auf den Strassen liegt und selbst Töffli und Porsche wie ein Tesla klingen. Dann herrscht echter Stillealarm für Fussgänger.